Um die Zeit kamen Mutter und Schwester aus Pirgallen zurück. »Ich muß Euch, ehe Hans wieder in Berlin ist, allein sprechen,« schrieb sie und kündigte ihren Besuch für denselben Tag an. Ich war nicht ganz ohne Furcht: sie hatte es doch wohl übel genommen, daß wir ihr Anerbieten, bei unserer Hochzeit zugegen zu sein, immer wieder abgelehnt hatten. Zuerst würde sie darum ein bißchen steif sein, aber dann —, sie würde doch fühlen müssen, wie es um mich stand! Mit ausgestreckten Händen ging ich ihr entgegen, — ich sehnte mich nach einer Mutter! Aber sie übersah sie, — vielleicht weil der Flur dunkel war. Und sie atmete rasch und war sehr rot, — vielleicht weil die Treppe sie überanstrengt hatte. Sie sah sich gar nicht um in unserem Zimmer, — und ich hatte es ihr zum Empfang mit lauter leuchtenden Herbstblumen geschmückt.
»Willst du nicht ablegen?« fragte ich zaghaft.
»Nein,« antwortete sie schroff und setzte sich auf den äußersten Rand des großen Lehnstuhls, der sonst selbst den Fremdesten zwang, sich behaglich in seine Polster zu lehnen. »Ich komme nur, um eins zu erfahren, das über unsere künftigen Beziehungen entscheidet —« die ruhige kühle Frau sprach so rasch, wie ich sie nie hatte sprechen hören. »Meinen brieflichen Fragen seid Ihr ausgewichen, mir ins Gesicht hinein könnt Ihr nicht lügen: seid Ihr kirchlich getraut?« Noch härter als das ihre klang jetzt mein »Nein«. Aus der Tiefe meines verletzten Gefühles kam es. Die Mutter hatte ich erwartet!! Sie sprang vom Stuhl, blaurot im Gesicht, mit zitternden Händen ihren Schirm umklammernd. »So ist eure Ehe ein Konkubinat, und du bist seine Mätresse,« schrie sie mit gellender Stimme. Ich fühlte, wie das Zimmer sich um mich zu drehen begann und ein krampfhafter Schmerz meinen Leib zusammenzog.
»So nehmen Sie doch Rücksicht auf Alix' Zustand —, schonen Sie ihr Kind!« rief Heinrich, mich fest umschlingend, da er sah, wie ich schwankte. Sie schien einen Augenblick Atem zu schöpfen, dann lachte sie schneidend: »Schonen?! Hat sie etwa ihre Eltern je geschont?!«
Ich verlor die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, lag ich zu Bett. »Ist sie fort?!« flüsterte ich und sah angstvoll fragend auf den Geliebten. Er nickte.
»Für diesmal ist es nichts!« sagte die Ärztin ein paar Stunden später. In meinem Blick muß meine ganze Verzweiflung gelegen haben, denn sie streichelte mir die Wange wie einem kleinen Kinde und sagte tröstend: »Um so sicherer wird es das nächste Mal sein!«
Ich erholte mich rasch. Mit der Arbeit versuchte ich gegen den Schmerz zu kämpfen. Es schien fast, als sollte die Waffe, die so oft unüberwindlich zu machen vermag, an seiner Riesenkraft zuschanden werden. Nicht einen Augenblick durfte ich sie aus den Händen lassen, er hätte mich sonst wieder in seine Gewalt bekommen. Ich bereitete meine Kongreßrede vor und studierte alles, was über die Lage der Arbeiterinnen irgend erreichbar war; ich arbeitete mit den Kindern und frischte heimlich längst vergessene Schulkenntnisse auf, um ihnen helfen zu können, ich versuchte, der Köchin die alten Kochkünste beizubringen, die ich einst zu Hause gelernt hatte.
Wanda Orbin überraschte mich eines Morgens dabei. »Was, Sie können kochen?!« lachte sie. »Ich kann, — ja,« antwortete ich, »aber ich sehe, daß die Ausführung meiner Kenntnisse teuer ist; ich werde meiner Köchin das Feld wieder räumen müssen —.« »Das wird für beide Teile das Beste sein. Ich hab's zwar auch jahrelang tun müssen, bin aber dafür nicht als Generalstochter aufgewachsen.« Ein leiser Spott lag in ihren Worten. »Sie werden überhaupt noch viel lernen müssen, Genossin Brandt!«
»Ich bin davon überzeugt und immer bereit dazu,« antwortete ich kühl.
»Dann wollen wir gleich damit anfangen. Ich fand ihren Namen auf dem Kongreßprogramm —, Sie müssen ihn zurückziehen!«