Überrascht sah ich auf. Sie hatte mit dem Ton einer Vorgesetzten gesprochen. »Warum?! Bebel hatte gegen meine Teilnahme nichts einzuwenden!«
»Bebel! Er sieht die Dinge aus der Vogelperspektive, vor allem die Frauenbewegung. Die Genossinnen haben beschlossen, die Aufforderung zu offizieller Beteiligung abzulehnen.«
»Ich weiß,« entgegnete ich; »im Frühjahr aber, zur Zeit, als ich das Referat übernahm, bestand dieser Beschluß noch nicht. Ich würde meinen Rücktritt, so kurz vor dem Kongreß, für einen Wortbruch halten, der um so weniger zu entschuldigen wäre, als ich selbstverständlich mein Thema auf Grund meiner politischen Überzeugung behandeln werde und es für dies Publikum sehr nützlich ist, auch diese ihm ganz fremde Seite kennen zu lernen. Zahlreiche Elemente, die der bürgerlichen Frauenbewegung in die Arme liefen — die Lehrerinnen, die Handelsangestellten, die Beamtinnen —, gehören ihrer ganzen Lage nach zu uns. Wir können sie nur gewinnen, wenn wir ihnen bis ins feindliche Lager nachgehen —«
Frau Orbin unterbrach mich. »Sie irren. Diese Leute kommen für uns zunächst gar nicht in Betracht. Und wenn Sie wirklich durch Ihre Überredungskünste« — sie schürzte wieder spöttisch die Lippen — »zwei oder drei gewinnen würden, stünde der Nachteil, den Ihre Teilnahme an einer bürgerlichen Veranstaltung zur Folge hätte, gar nicht im Verhältnis zu diesem minimalen Gewinn.« Ich sah sie fragend an. Sie stand auf, ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder und blieb dann dicht vor mir stehen.
»Sie sind eben erst die Unsere geworden,« sagte sie mit einer Art mütterlicher Freundlichkeit, »Sie sind Aristokratin, — Gründe genug, um Ihnen mißtrauisch zu begegnen, um Ihnen die Tätigkeit in der Partei, von der ich so viel erwarte, sehr zu erschweren. Und nun wollen Sie noch als einzige, — gegen unseren Beschluß, — an diesem einseitig feministischen Kongreß teilnehmen! Das verstehen die Genossinnen nicht. Und wenn Sie dabei mit Engelszungen den Sozialismus verkündigen würden, sie hören Sie nicht, — sie sehen darin doch nichts anderes, als daß Sie eben noch zu jenen gehören. Ich habe gestern Ihretwegen einen schweren Kampf gehabt: die Genossinnen weigern sich unbedingt, Sie zur internen Arbeit zuzuziehen, wenn Sie nicht durch Unterwerfung unter unseren Beschluß Ihre Zugehörigkeit zu uns dokumentieren.« Sie zögerte und sah mich erwartungsvoll an. Als ich noch immer schwieg, legte sie mir beide Hände auf die Schultern und fuhr mit eindringlicher Stimme fort: »Sie sind in die Partei eingetreten, um für sie zu wirken; wollen Sie sich aus Rücksicht auf die alten Kolleginnen Ihre künftige Stellung erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen? Haben die Damen das um Sie verdient ...?« Sie machte abermals eine Pause. Ich erinnerte mich, wie Frau Vanselow in einen Seitenweg eingebogen war, um mich nicht grüßen zu müssen, wie Frau Schwabach mit hochmütig erhobenem Kopf an mir vorüberging. Aber hatte ich durch meinen Brief an Frau Morgenstern das Referat nicht erzwungen, — konnte ich unter diesen Umständen daran denken, zurückzutreten? Vor allem aber: entsprach es meiner Überzeugung?
»Sie mögen in allem recht haben, — nur in der Hauptsache nicht: in Ihrem Beschluß. Würde ich Ihnen nicht selbst als eine Heuchlerin, zum mindesten als ein Schwächling erscheinen, wenn ich mich ihm fügen wollte wider besseres Wissen und Gewissen?!« sagte ich. Auge in Auge standen wir uns gegenüber. Sie ballte die kleinen breiten Fäuste, aus ihrem Gesicht brannten hektische Flecke, ihre roten Haare umgaben es wie mit einem Feuerkranz. Ich dagegen erschien ganz ruhig, ganz kühl; ich wußte, daß kein Blutstropfen meine Wangen färbte; und wie um meine sie überragende Gestalt zu betonen, reckte ich mich gerade auf.
»Noch nicht das Abc der Demokratie scheinen Sie gelernt zu haben!« rief sie aus. »Auers Worte kann ich Ihnen entgegenhalten, mit denen er in Frankfurt vor zwei Jahren seinen aufsässigen Landsleuten diente: ›Das gehört zum Demokraten und zum Sozialdemokraten, daß er sich sagt: Esel seid ihr zwar, aber ich muß mich fügen‹. Mögen Sie uns meinetwegen für Esel halten — der Reichtum Ihrer Erfahrung gibt Ihnen ja wohl ein Recht dazu! —, wenn Sie aber zu uns gehören wollen, so haben Sie Ihre Person der Allgemeinheit unterzuordnen.« Jetzt war die untersetzte, kleine Frau doch die Überlegene. Ich wandte mich ab und lehnte die heiße Stirn an die kühle Fensterscheibe; — sie sollte nicht sehen, wie schwer es mir wurde, mich zu unterwerfen. Aber sie folgte mir.
»Genossin Brandt —,« aus ihrer Stimme war der schrille Ton wieder verschwunden, der an den Kasernenhof erinnerte, — »wir haben uns alle opfern müssen —« Ich sah ihr ins Gesicht. Die scharfen Züge waren weich geworden. »So will ich Ihnen nicht nachstehen,« antwortete ich. In ihren Augen leuchtete es auf wie Triumph. Mir war, als ob ihr Händedruck mich in neue unsichtbare Fesseln schlüge.
»So, — und nun soll Ihnen eine goldene Brücke gebaut werden,« damit zog sie mich neben sich aufs Sofa. »Wir erlassen Ihnen den offiziellen Rücktritt, aber Sie benutzen die kurze Zeit, die Ihnen sowieso nur zur Verfügung steht, zu einer Erklärung Ihres Standpunktes und überbringen dem Kongreß unsere Einladung zu den Volksversammlungen, in denen die Arbeiterinnenfrage in einem Umfang zur Erörterung kommen wird, der ihrer Bedeutung allein entspricht. Sie müssen es ja selbst schon als eine skandalöse Zumutung empfunden haben, daß man Ihnen dieselben fünfzehn Minuten zugestand, die man so welterschütternden Fragen wie den Volksküchen oder den Kleinkinderschulen auch gewährt hat —«. Ich bejahte, ohne recht hinzuhören, sie sprach weiter, wie ein unaufhörlich knarrendes Wasserrad, immer rascher, ohne Absatz. »Den ersten Vortrag in unseren Versammlungen übernehmen Sie,« — damit war ihr Redestrom endlich versiegt. Wir verabschiedeten uns. An der Treppe blieb sie noch einmal stehen: »Ich hätte fast die Hauptsache vergessen: Wir haben morgen eine Sitzung. Holen Sie mich um acht Uhr ab; es wird für sie angenehmer sein, wenn ich Sie einführe.«
So war ich also aufgenommen — endgültig, aber zu einer rechten Freude darüber kam ich nicht. So sehr sich mein Nachgeben begreifen und entschuldigen ließ, so notwendig es vielleicht in der gegebenen Situation für mich war, ich wurde das peinliche Gefühl dabei nicht los, einen Wortbruch begangen zu haben. Was mir zuerst wie eine Erleichterung schien: die »goldene Brücke«, — kam mir nun vollends wie eine Täuschung vor. Aber ein Zurück gab es nicht mehr.