Die sozialdemokratische Frauenbewegung stand damals noch immer im Zeichen des Köller-Kurses. Ihre Bildungsvereine waren unter den nichtigsten Vorwänden aufgelöst worden; ihre Vorkämpferinnen mußten sich wiederholt polizeilichen Haussuchungen unterwerfen, jede Korrespondenz mit Gesinnungsgenossinnen, die man auffand, genügte, um sie als staatsgefährliche Verbrecher hinter Schloß und Riegel zu setzen. An der Frauenbewegung blieb daher der Charakter revolutionären Geheimbündlertums, den die Partei als solche mehr und mehr abstreifte, noch lange haften. Für die Zusammenkünfte, die notwendig waren, bedurfte es der größten Vorsichtsmaßregeln, und nur ein kleiner Kreis vertrauenswürdiger Frauen wurde dazu eingeladen. Die Sitzung, zu der wir gingen, Frau Orbin und ich, fand bei einem kleinen Parteibudiker in der Linienstraße statt. Wir vermieden es, durch das Lokal zu gehen — »hier gibt's überall Spitzel,« meinte meine Gefährtin —, und bogen in den dunkeln Torweg ein, stiegen vorsichtig tastend eine stockfinstere Treppe hinauf und standen einen Augenblick zögernd vor einer Tür, durch deren Schlüsselloch ein schwacher Lichtschein drang. Ich bemühte mich, hindurch zu sehen. »Drinnen ist niemand,« sagte ich, »eine Photographie hängt an der Wand, — ein Mann mit schwarzem Bart und weißen Locken.« — »Marx!« rief Wanda Orbin, »so sind wir richtig.« Wir durchquerten den fensterlosen Raum, dessen stickige Luft mir den Atem benahm, und traten in die niedrige Stube, die daneben lag. Eine Petroleumlampe hing von der geschwärzten Decke; mit einem Geruch von schlechtem Tabak schienen alle Gegenstände im Zimmer, — die schmutzigen Vorhänge, die fettigen Zeitungen, die rotgewürfelte Tischdecke, das alte Klavier im Winkel —, förmlich imprägniert zu sein. Und dazu hatte der frische September draußen den Rest stickiger Sommergroßstadthitze hier hereingedrängt. Die Frauen, die um den langen Tisch in der Mitte saßen, schwitzten. Ich wurde vorgestellt. Mein verbindliches Lächeln begegnete unfreundlich-neugierigen Blicken. Erst als Wanda Orbin mit ungewöhnlicher Wärme von mir sprach, meinen Entschluß, dem Kongreß eine Erklärung abzugeben, statt den angekündigten Vortrag zu halten, mit großem Nachdruck herausstrich, klärten die Mienen sich auf. Eine kleine runde Frau, die neben mir saß, streckte mir die arbeitsharte Hand entgegen: »Na, sehen Se mal, det is scheen von Ihnen!« sagte sie laut mit feucht schimmernden Äuglein. »Ruhe, Genossin Wengs!« rief die Bartels vom Tischende hinunter und trommelte mit den Fingerknöcheln auf den Tisch. Man versuchte parlamentarisch zu verhandeln, aber es entspannen sich immer wieder Privatunterhaltungen. Endlich schien sich das Interesse auf einen Punkt zu konzentrieren: die Kassenverhältnisse eines der aufgelösten Vereine wurden erörtert. Da man Bücher und Protokolle aus Angst vor Polizei und Staatsanwalt nicht zu führen pflegte und das kleine Rechnungsbuch aus demselben Grunde eilig verbrannt worden war, so fehlte es an den nötigen Unterlagen, um zu einem tatsächlichen Ergebnis zu gelangen. Es kam zu einer heftigen Debatte. Die arme Frau, die Kassiererin gewesen war, wurde laut und leise der Unredlichkeit geziehen —, sie hätte unbedingt noch vier Mark haben müssen und behauptete schluchzend, nichts zu haben.

»Zu all die Arbeet un Schreiberei, die ich vor nischt gemacht hab,« heulte sie, »soll ich nu noch als Diebin dastehn. In Zukunft macht Euren Dreck alleene!« Und hinaus war sie. Immer drückender wurde die Luft. Das Fenster durfte nicht geöffnet werden, man hätte uns vom Hof aus hören können. Ich erstickte fast in dieser Atmosphäre. Die anderen schienen an sie gewöhnt zu sein, niemand beklagte sich. »Wir müssen unbedingt die beiden Hauptpunkte unserer Tagesordnung heute noch erledigen,« erklärte schließlich Wanda Orbin, nachdem man sich schon zwei Stunden um lauter persönliche Dinge hin- und hergezankt hatte. »Ich bitte daher ums Wort zur Frage des bürgerlichen Frauenkongresses.« Man schwieg, und sie fuhr fort, indem sie nochmals den Standpunkt der Genossinnen begründete, — mit einer Stimme und einer Ausführlichkeit, als gelte es eine Volksversammlung zu überzeugen. Machte sie eine Pause, so gab Martha Bartels das Signal zu allgemeinem Applaus. »Wir sind in der vorigen Sitzung mit unserer Besprechung zu keinem Abschluß gekommen. Ich frage die Genossinnen, ob sie sich meinen Antrag, in die Diskussionen des Kongresses einzugreifen, überlegt haben, und wie sie sich dazu stellen?« Mit dieser mich nicht wenig überraschenden Frage, schloß sie ihre Rede. Alles blieb still. Martha Bartels sah erwartungsvoll von einer zur anderen. »Wir sind wohl alle einer Meinung,« meinte sie dann, »und können ohne weiteres zur Abstimmung schreiten.« Ich hatte bisher mit keinem Wort in die Debatte eingegriffen. Man sah mich mißbilligend an, als ich mich jetzt meldete. Wanda Orbin runzelte die Stirne. »Ich habe der Sitzung nicht beigewohnt, in der Sie, scheint's, die Angelegenheit schon hinreichend besprochen haben,« sagte ich, »mir fehlen daher, um zu einem sicheren Urteil zu kommen, Ihre Gründe. Ich möchte mir deshalb nur die Frage erlauben, ob es nicht eine Inkonsequenz ist, die Beteiligung am Kongreß abzulehnen und die Teilnahme an der Diskussion zu beschließen?« Allgemeines, stummes Erstaunen. Nur Ida Wiemer, die neben mir saß, stieß mich unter dem Tisch heimlich an und warf mir einen aufmunternden Blick zu. Mit endlosem Wortschwall suchte Wanda Orbin, vom Beifallsgemurmel der Anwesenden begleitet, die grundsätzliche Verschiedenheit beider Arten der Beteiligung auseinander zu setzen. »Es hieße das Prinzip des Klassenkampfes preisgeben,« sagte sie, »wenn wir mit bürgerlichen Elementen irgend etwas gemeinsam unternehmen wollten, aber es gehört zum Klassenkampf, daß wir in der Debatte ihnen geschlossen gegenüber treten.« »Niemand hinderte uns, in selbständiger Rede dasselbe zu tun —«, warf ich noch einmal ein. Meine Worte gingen im allgemeinen Geschwätz, das wieder entfesselt war, verloren. Wanda Orbin hatte alle Stimmen auf ihrer Seite, — auch Ida Wiemer. »Wenn man nicht mittut, wird man gehenkt —,« flüsterte sie mir sich entschuldigend zu. Ich enthielt mich der Abstimmung. »Wir kommen zum nächsten Punkt der Tagesordnung: Parteitag,« sagte Martha Bartels, die den Vorsitz führte. »Genossin Orbin hat das Wort.« »Der Parteitag in Gotha ist für uns ganz besonders bedeutungsvoll,« begann sie; »die Frauenagitation steht auf der Tagesordnung. Es ist infolgedessen wünschenswert, daß viele der tätigen Genossinnen als Delegiertinnen anwesend sind, damit die praktische Erfahrung neben der theoretischen Schulung zu Worte kommt. Unsere Resolution ist Ihnen durch die ›Freiheit‹ bekannt; es hat niemand an ihr etwas auszusetzen gehabt, sie wird ohne Zweifel zur Annahme gelangen, da sie nichts Neues bringt, sondern nur das bewährte Alte zusammenfaßt. Nach anderer Richtung jedoch drohen uns Kämpfe: es liegen Anträge vor, die die Schaffung einer besonderen Arbeiterinnnenzeitung bezwecken. Ihre Verfasser sind mit unserer ›Freiheit‹ unzufrieden. Es ist notwendig, daß die Berliner Genossinnen klipp und klar dazu Stellung nehmen.« Nun entwickelte sich etwas wie eine Diskussion. Ein paar Frauen, Martha Bartels voran, lobten die ›Freiheit‹ in allen Tönen, Frau Wiemer allein sprach mit dem Wunsch nach etwas populäreren Artikeln zugleich einen leisen Tadel aus, den Frau Orbin dadurch entkräftete, daß sie erklärte, die ›Freiheit‹ sei gar nicht für die Massen bestimmt, sondern nur für die Führerinnen. Man war darnach ausnahmslos entschlossen, jede Änderung ihres Inhalts und jeden Plan eines Konkurrenzunternehmens abzulehnen. Als ich bemerkte, man möge wenigstens dafür sorgen, daß, als wichtiges Mittel unserer Agitation, die allgemeine Parteipresse der Frauenfrage einen breiten Raum gewähre, lachte alles. »Da kennen Se unsere Männer schlecht,« meinte die dicke Frau Wengs neben mir, »die wollen von uns rein jar nischt wissen.« »Die mehrschten erlooben den Frauen nich, daß se in ne Versammlung jehn oder in 'nen Verein. Daheem sollen se sitzen un Strümpe stoppen,« rief eine andere und ein allgemeines Klagelied über die Männer hub an; erst die energische Stimme der Orbin stellte die Ruhe wieder her: »Es ist zwölf Uhr, — wir müssen zu Ende kommen.« »Jotte doch, schon zwölwe, un ick habe soo'n weiten Weg,« jammerte Frau Wengs und erhob sich. Ein paar andere, die schon lange auf ihren Stühlen hin und hergerückt waren, sprangen auf. »So bleiben Sie doch fünf Minuten, Genossinnen,« kommandierte Martha Bartels, »wir müssen doch die Delegiertinnen zum Parteitag noch bestimmen.« Frau Wengs ging eilig zu ihrem Stuhl zurück, mit ihr die anderen; gespannte Neugierde drückte sich in den Mienen aller aus. Die Bartels fuhr mit erhobener Stimme fort: »Vorgeschlagen sind Genossinnen Stein, Wolf und meine Wenigkeit.« Ein eifriges Geraune und Getuschel setzte ein. »Hat jemand andere Vorschläge?!« Sie sah drohend umher. Ein Dutzend Frauen meldeten sich auf einmal. »Immer die selben!« — »Laßt doch ooch andere drankommen!« — »Die gewerkschaftlich tätigen Genossinnen werden natürlich übergangen —!« schrie und lärmte es durcheinander. »Ick schlage die Jenossin Brandt vor —,« rief Frau Wengs. Es wurde still. Die Frauen sahen mich an, — mißtrauisch, feindselig. Ich hatte die Situation rasch erfaßt. »Ich danke der Genossin Wengs für ihre Freundlichkeit,« sagte ich, »aber ich fühle mich noch viel zu jung in der Bewegung, als daß ich solch einen Ehrenposten annehmen könnte.« Wanda Orbin nickte mir, sichtlich erleichtert, zu: »Nun aber schnell zur Abstimmung, — wir versäumen ja noch die Pferdebahn! — Ich denke, wir bleiben bei unseren Vorschlägen —« Niemand widersprach, aber kaum war die Sitzung geschlossen, als die allgemeine Unzufriedenheit sich in lauter Unterhaltung wieder Luft machte. Man ging in kleinen Gruppen auseinander, — lauter feindliche Lager, wie mir schien. Wanda Orbin legte ihren Arm in den meinen, die Bartels begleitete uns; ihre Stimmung gegen mich war wieder umgeschlagen. Sie drückte mir herzlich die Hand, als wir Abschied nahmen.

Mein Mann erwartete mich im nächsten Kaffee. »Das hat aber lange gedauert,« meinte er. »Wenn die Bedeutung Eurer Beschlüsse der Länge der Zeit entspricht, die Ihr darauf verwandt habt —!« Ich lachte, aber es war nicht das Lachen glücklichen Humors, der den Ereignissen die komische Seite abgewinnt und sich dadurch über sie erhebt. Heute würde mich der Humor im Stich gelassen haben, auch wenn ich ihn je besessen hätte. Es war alles so eng gewesen, so drückend, — wie die schmutzige Stube und die eingeschlossene Luft in ihr; kein großer Gesichtspunkt war zutage getreten. »Wir Genossinnen sind immer einig,« hatte Wanda Orbin mir gesagt. Konnte sie wirklich für Einigkeit halten, was nichts war als die Beherrschung armer Frauen kraft ihres Willens und ihrer Intelligenz? »So wird es also deine Aufgabe sein, diesen Absolutismus zu brechen,« sagte Heinrich. — »Nachdem ich mich ihm selbst schon unterworfen habe?!«

Ich schritt die breite Treppe des Berliner Rathauses hinauf. Seit vier Tagen verhandelte der Frauenkongreß in dem festlichen Bürgersaal vor einem Publikum, das immer weniger aus Neugierde, immer mehr aus Interesse kam. Es war zwar im Grunde nichts als eine Truppenschau, bei der jede Teilnehmerin ihr Schlachtroß in raschem Galopp vorzuführen hatte. Aber Berlin sah zum erstenmal: Die Frauen konnten reiten. Heute war der Tag der großen Sensation: Die Arbeiterinnenfrage stand auf der Tagesordnung; man erwartete eine Schlacht zwischen den bürgerlichen Frauen und den Proletarierinnen, und auch mir persönlich galt ein Teil der allgemeinen Spannung, — der Frau, deren Roman von Mund zu Mund ging, der Renegatin. An der Türe stand Egidy, mein alter Freund. Er drückte mir die Hand: »Ich bin erst eben nach Berlin zurückgekehrt. Sonst wäre ich schon bei Ihnen gewesen. Zwischen uns bleibt alles beim alten.« Ich lächelte dankbar. Bei meinem Eintritt in den überfüllten Saal entstand eine bemerkbare Unruhe: Kleider raschelten, Stühle wurden gerückt, Köpfe wandten sich nach mir um, man flüsterte meinen Namen. Eine Gruppe russischer Studentinnen, an denen ich vorüber mußte, klatschte stürmisch. Vom Vorstandstisch mahnte eine scharfe Stimme zur Ruhe. Die Genossinnen begrüßten mich; die erwartungsvolle Erregung, in der sie sich befanden, steigerte ihre Freundlichkeit mir gegenüber. Wanda Orbin nötigte mich auf den Stuhl neben sich. Ich blieb trotzdem befangen und suchte mit den Augen meinen Mann, als müßte ich mich wenigstens mit den Blicken an ihn klammern.

Eine Österreicherin sprach zuerst über die Ergebnisse der Wiener Arbeiterinnen-Enquete. Ich kannte sie. Sie war eine überzeugte Sozialdemokratin. Die fünfzehn Minuten reichten aus, um ein ergreifendes Bild schrecklichen Elends zu malen. So hatte ich zu sprechen gedacht! Eine Engländerin folgte ihr. Sie begründete die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation der Frauen in wenigen scharf-umrissenen Sätzen; in langer Rede hätte sie kaum mehr sagen können.

»Frau Alix Brandt hat das Wort«, — tönte jetzt die heisere Stimme der Vorsitzenden durch den Saal. Ich stand auf und zwängte mich durch die Stuhlreihen, am dichtbesetzten Tisch der Presse vorbei. »Sie wissen« — »Scheidungsprozeß« — »Verhältnis« — »Unglaublich«, — flüsterte es. Mein Blut begann zu sieden. Ich stand auf der Tribüne; — am Vorstandstisch zischte jemand, aus einer Ecke des Saales klang Beifallsgeklatsch und Getrampel. Das Zischen wurde stärker. Sekundenlang kämpften beide Laute miteinander, — die Vorsitzende rührte sich nicht. Helle Empörung bemächtigte sich meiner, — jetzt war ich bereit, ihnen meine Verachtung ins Gesicht zu schleudern. Ich begann sehr ruhig, indem ich erklärte, warum die Vertreterinnen der deutschen Arbeiterinnenbewegung es abgelehnt hätten, sich an den Arbeiten des Kongresses durch Delegierte zu beteiligen. »Für sie, die auf dem Boden der Sozialdemokratie stehen, ist die Frauenfrage nur ein Teil der sozialen Frage, und als solche durch die mehr oder weniger gut gemeinten Bestrebungen bürgerlicher Sozialreformer nicht lösbar. Ich selbst teile diese Auffassung vollkommen.« Meine Stimme hob sich und wurde schärfer; zu schneidendem Schwert sollte jedes meiner Worte sie schleifen. »Wer vorurteilslos und logisch denkt und sich eingehend mit der Frauenfrage, — wohl gemerkt, der ganzen Frauenfrage, nicht mit der Damenfrage, — beschäftigt, der muß notwendig zur Sozialdemokratie gelangen.« Stürmische Choruse unterbrachen mich, die der Beifall der Genossinnen vergebens zu ersticken suchte. »Mit anderen Worten: wer es nicht tut, ist ein Dummkopf oder ein Heuchler?!« schrie eine der Damen vom Pressetisch zitternd vor Aufregung. Ich neigte mit spöttischer Zustimmung den Kopf; sie sprach aus, was zwischen meinen Worten klingen sollte. Die Unruhe wuchs, ich mußte lauter sprechen, um durchzudringen. »Die Wertschätzung und das Verständnis der bürgerlichen Frauenbewegung für die Arbeiterinnenfrage wird durch nichts deutlicher charakterisiert, als durch die Tatsache, daß man mir zu einem Vortrag über sie, die die größte Masse des weiblichen Geschlechts umschließt, und die entrechtete und unglücklichste, dieselben fünfzehn Minuten gewährt hat, wie etwa der Damenfrage der Mädchengymnasien. Ich verzichte daher auf meinen Vortrag...«

Die Zuhörer schrieen und tobten, ein paar Männer sprangen auf die Stühle und drohten mir mit erhobenen Armen, in größter Erregung schwang die Vorsitzende unaufhörlich die Glocke, deren wimmerndes Klagegeheul die Melodie zu der Begleitung brüllender Stimmen zu sein schien. Endlich verschaffte ich mir wieder Gehör:

»In zwei Volksversammlungen, die von uns einberufen worden sind, soll den Teilnehmerinnen des Kongresses Gelegenheit geboten werden, die Arbeiterinnenbewegung kennen zu lernen. Nicht als ob wir des frommen Glaubens lebten, auch nur eine von Ihnen für uns gewinnen zu können. Zu tief eingewurzelt ist der jahrhundertelang genährte Klassenegoismus, zu einschneidend in das Leben und Denken gerade der abhängigen Frau sind die Interessen ihrer Klasse, als daß sie sich so leicht davon losreißen könnte. Aber vielleicht wird Ihnen eine Ahnung davon aufgehen, daß es ein größeres, ergreifenderes Elend gibt, als das der unbefriedigten, berufslosen Töchter Ihrer Stände; daß außerhalb Ihrer Kreise ein Kampf gekämpft wird, der ernster, heiliger ist als der um den Doktorhut; daß der Schwung der Begeisterung, der Heldenmut der Aufopferung nur dort zu finden ist, wo Männer und Frauen ihre vereinten Kräfte für das eine große Ziel einsetzen: Befreiung der Gesamtheit aus wirtschaftlicher und moralischer Knechtschaft ...«

Ich stieg vom Podium. Es war ein Spießrutenlaufen. Die eleganten Frauen Berlins, die in ihren schönen Herbsttoiletten die ersten Reihen besetzt hielten, hatten ihre ganze gesellschaftliche Haltung verloren. Sie zischten, sie riefen mir Schimpfworte zu, weißbehandschuhte Fäuste erhoben sich in bedrohlicher Nähe. Aber schon war Heinrich neben mir und reichte mir den Arm. Ein paar Schritte weiter umringten mich die Genossinnen, Wanda Orbin schloß mich stürmisch in die Arme.

Kurz vor dem Ausgang stand eine Gruppe von erhitzten Damen um den jüngsten Philosophen Berlins geschart; er war ein Freund meines Mannes. »Sie haben Gift gespritzt,« schrie er mir zu. Mit einem Blick voll Zorn und Verachtung maß ihn Heinrich. Den nächsten Augenblick trat mir Egidy entgegen. »Sie haben sich schwer versündigt,« sagte er, seine blauen Augen funkelten zornig.