Goldener Herbst! Ein königlicher Verschwender bist du. Deiner Geliebten, der Sonne, gibst du in brennenden Farben zurück, was sie an Sommerglut der Erde geschenkt hat. Nichts ist dir zu gering, um es mit dem Glanz deiner Liebe zu überschütten. Auf die ödesten Mauern zaubert dein Blick jauchzende Melodien von Gelb und Rot. Aus dem armen Sand märkischen Bodens lockst du der Sonnenblumen tropische Pracht hervor und lehrst sie, ihr Strahlenangesicht deiner Geliebten anbetend zuzukehren. Unter deinem Hauch reifen die Früchte, und schwer von Segen neigen sich die Äste vor dir. Von entblätterten Blüten trägt dein Atem zarte Samenfäden über die Wiesen und schüttelt von den alten Eichen die Hoffnung kommender Jahre.
Tage, über die der Himmel leuchtet wie flüssiges Silber, läßt du in Nächten untergehen, die tief und dunkel sind, ein zukunftschwangeres Geheimnis.
Nicht wie die jungen Mädchen den Lenz begrüßen — schämig errötend und demutsvoll — empfing ich dich. Ich forderte von dir, erhobenen Hauptes, meinen Anteil an deinem Reichtum, Fürst des Jahres. Und, siehe, aus meinem Herzen wuchsen glutrote Blumen, meine Seele wurde zu deinem Saitenspiel, mein Schoß zum Tempel des Lebens — — —
Es kam über mich wie ein einziger großer Feiertag. Er duldete nichts Dunkles. Aus den Kammern vertrieb ich allen Staub der Vergangenheit, aus Kisten und Kasten alles, was moderte. Ich badete meine Augen, daß sie klar und hell wurden und die Welt ihnen in einem Glanz erschien, wie sie ihn nie vorher gesehen hatten. Wie der Herbstwind am Morgen die Nebel zerstreut, so flohen die Sorgen vor dem Sturm meiner Seligkeit. Ich ging der Sonne nach. Auch den verlorensten ihrer Strahlen fing ich auf und barg ihn in der Schatzkammer meiner Seele.
Sonnengesegnet sollte es sein, mein Kind!
Ich war nicht mehr Ich. Das geheimnisvoll neue Leben unter meinem Herzen hatte von mir Besitz ergriffen. Ich träumte nicht mehr meine engen Träume, die sich im Kreise um mich selbst bewegten, und lebte nicht mehr meiner kleinen Hoffnung, die ihren Bogen nur bis zum Friedhofstor des eigenen Daseins spannte. Wie Wandervögel flogen meine Träume weit über mein Gesichtsfeld hinaus, und die Brücke, die die Hoffnung baute, verband die Zeit mit der Ewigkeit.
Ich ward mir selbst zum Heiligtum. Ich pflegte meinen Körper wie der Gläubige den Schrein, der das Allerheiligste birgt. Und meiner Seele Eingang hüteten goldgepanzerte Wächter; die Schärfe ihres Schwertes traf jeden bösen Gedanken, ihren Speeren entging kein niedriges Gefühl. Denn mein Körper und meine Seele nährten das neue Leben. Kein Tropfen Giftes durfte in ihnen sein.
Ich wünschte mir einen Sohn. Einen, der ein Führer und Vorkämpfer werden könnte. Aber die Erfüllung dieses Wunsches schien mir fast zu viel des Glücks. Und so dachte ich auch der Tochter — einer, die ein Vollmensch und darum ein echtes Weib sein sollte. Von nun an stand Watts Ganymed vor meinem Platz auf unserem großen Schreibtisch und neben ihm ein süßes, blondes Mädelchen nach einem Porträt von Gainsborough. Ich sah von einem zum anderen, und tief in mein Herz prägten sich die holden Kindergesichter. Mein Mann brachte mir täglich frische Blumen für sie. Einmal aber kam er nach Haus und stellte statt ihrer ein neues Bild mitten auf den Schreibtisch. Es war Meister Dürers furchtloser Ritter, der seelenruhig, im Schritt, den Kopf erhoben, das Auge gradaus gerichtet, an allen Schrecken des Daseins vorüberreitet.
»Laß kommen die Höll, mit mir zu streiten, ich will durch Tod und Teufel reiten —,« ist sein Wahlspruch. »Wenn's ein Bub wird,« sagte der Liebste, »so soll's so einer sein.«
»Du hast recht,« antwortete ich und drückte ihm zärtlich die Hand, »ich habe schon zu viel an das Kind und zu wenig an den Mann gedacht,« dabei wies ich lächelnd auf die Wolken weißen Linnens, die mich umgaben, und zeigte stolz die ersten winzigen Hemdchen, die daraus entstanden waren. Mein Mann hatte zuerst von dieser Arbeit nichts wissen wollen. »Du nimmst einer armen Näherin das Brot und hast selbst weit Besseres zu tun,« war seine Ansicht gewesen. Aber zum erstenmal hatte ich ihm widersprochen und meinen Willen durchgesetzt. Auf die Stoffe, die meines Kindes Körper berühren sollten, durften keine Kummertränen fallen; Mutterliebe mußte die Nadel führen, Mutterträume sich mit jedem Stich hinein verweben. Nun kam es freilich vor, daß ich im Übereifer stundenlang über der Arbeit saß und vernachlässigte, was ich sonst zu tun hatte. »Das muß anders werden, Heinz,« sagte ich laut und faltete die Leinwand zusammen. »Auch um des Kindes willen darf ich die Welt außerhalb unserer vier Wände nicht vergessen, die doch auch seine Welt sein wird. Schau, hier ist ein Brief von Wanda Orbin —,« ich reichte ihn meinem Mann hinüber, der sich an den Schreibtisch gesetzt hatte; »sie beklagt sich, weil ich zu wenig für die ›Freiheit‹ schreibe; hier sind eine Reihe Aufforderungen zu Vorträgen, — ich war nahe daran, sie ablehnend zu beantworten —«