»Und hier,« unterbrach er mich, »habe ich Bücher, die deiner Besprechung harren. An den Artikel, den du mir für mein Archiv versprochen hast, will ich schon gar nicht erinnern —«

Ich stand auf und reckte mich mit einem Gefühl tiefen Wohlbefindens. »Du wirst ihn bekommen! Ich verstehe nicht recht, warum so viele Frauen jammern, wenn sie guter Hoffnung sind. Ich fühle Kraft für zwei!«

Und mit Feuereifer stürzte ich mich in die Arbeit, die ich nur stundenweise unterbrach, um frische Luft zu schöpfen.

Ich sollte mir täglich Bewegung machen und vermied den nahen Tiergarten, weil ich den Eltern zu begegnen fürchtete. Ich wußte: mein Herz würde sich schmerzhaft zusammenkrampfen, und ich wollte mich jetzt nicht grämen. So fuhren wir denn fast immer in den Grunewald und wanderten um die stillen Seen, die zwischen entlaubten Bäumen und schwarzen Kiefern dem Winter entgegenträumten, oder gingen auf den gepflegten Wegen der jungen Kolonie, all die vielen Villen betrachtend, die rascher als die Mietskasernen auf dem Kurfürstendamm aus der Erde wuchsen. Sie waren anders als die, die noch vor wenigen Jahren entstanden waren, — heller, freundlicher. Die verlogenen Butzenscheibenerker und die altdeutschen Sprüche über den Türen verschwanden mehr und mehr. Die Zeit wurde selbstbewußter und schämte sich der erborgten Formen vergangener Jahrhunderte. Oft freilich sahen wir halb staunend, halb lachend Häuser, die aus lauter Originalitätssucht absurd geworden waren. Aber auch das war im Grunde nichts anderes, als der tolle Ausbruch überschäumender Jugendkraft, und wenn mein Mann spotten wollte, erinnerte ich an Goethes Wort: Es ist besser, daß ein junger Mensch auf eigenem Wege irre geht, als daß er auf fremdem recht wandelt.

Heute blieben wir in Schauen versunken vor einem Häuschen stehen, das aus dem Märchenbuch ins Leben versetzt zu sein schien: ein tiefes Dach hing schützend über den von rotem Weinlaub dicht um sponnenen Wänden, hinter kleinen blitzenden Fenstern hingen weiße Vorhänge, auf den braunen Holzaltanen blühten noch rote Geranien, und davor auf dem glatten Rasenteppich warf ein kleiner Knabe jauchzend den bunten Ball in die helle Herbstluft. »Wenn doch mein Kind wie dieses in Wald und Garten wachsen könnte,« dachte ich. »Solch ein Haus möcht' ich euch bauen, dir und dem Kinde,« sagte Heinrich im gleichen Augenblick. Ich lachte ein wenig gezwungen. »Wie sollte das möglich sein, wo unsere Mietwohnung für uns schon zu teuer ist!« »Wenn wir Zinsen statt Miete zu zahlen hätten —,« meinte er nachdenklich; »Hall hat in dieser Weise schon mancher Familie die Möglichkeit verschafft, im eigenen Häuschen und im Freien zu wohnen!« Wir gingen schweigsam weiter, nur hier und da fiel eine Bemerkung, die mir zeigte, das er denselben Gedanken weiter spann.

Am Wildgatter nach Hundekehle holte uns eine große Gesellschaft junger Radler ein; ihre blanken Räder blitzten, knapp und elegant schmiegten sich die Sportanzüge neuster Mode um die schlanken Gestalten. »Ist das nicht —,« rief ich unwillkürlich, und mein Herz klopfte rascher, aber schon wandte das reizende Mädchen, das dicht an mir vorbei geflogen kam, dunkelerrötend den Kopf zur Seite. »Ilse, — kein Zweifel,« antwortete Heinrich. »Und sie grüßt mich nicht einmal!« Tränen verdunkelten mir den Blick. »Wollen wir umkehren?« frug mein Begleiter sanft und zog meinen Arm fest durch den seinen. »Nein,« entgegnete ich und versuchte zu lächeln; »sie kann ja nichts dafür, die Kleine! Sie darf mich nicht kennen.«

Unten vor dem Wirtshaus standen die Räder. Wir wollten gerade links einbiegen, den Weg nach Paulsborn, der für uns so reich war an Erinnerungen, als Ilse, nach einem Augenblick des Zögerns, quer über die Straße zu uns herüberlief. Sie umarmte mich stürmisch.

»Sei nicht böse, Schwester,« rief sie atemlos und zog mich tiefer in den Wald hinein. »Sie würden mich zu Hause verraten, wenn ich dich gegrüßt hätte.« Zärtlich streichelte ich ihr das erhitzte Gesicht und drückte ihr kleines Händchen, das immer noch so weich und zart war, so unfähig zuzupacken und festzuhalten.

»Die Eltern wollen nichts von mir wissen?« fragte ich zaghaft.

»Wir reden viel von dir, Mama und ich,« antwortete sie, »aber vor Papa dürfen wir deinen Namen nicht nennen. Trotzdem weiß ich, daß er sich bangt nach dir,« fügte sie rasch hinzu, als sie sah, wie ich erschüttert war. »Wir holen ihn manchmal vom Kasino ab; wenn wir über den Lützowplatz fahren, läßt er deine Fenster nicht aus den Augen.«