»Und Mama, sagst du, spricht von mir?!«
»Ja. Sie hatte zuerst des Morgens rote Augen, aber jetzt ist sie ruhig. Es quält sie nur, glaube ich, daß sie nicht weiß, ob — ob —,« sie errötete, ein forschender Blick glitt über meine Gestalt.
Heiß strömte es mir zum Herzen, mein ganzes, reiches Glück überkam mich, und alles Erinnerungsweh verschwand vor ihm. »Grüße Mama,« sagte ich weich, »und sage ihr, daß ich guter Hoffnung bin.« Ihre Hand löste sich aus der meinen, ein Schatten schien über ihre Züge zu huschen, etwas Fremdes stand auf einmal unsichtbar zwischen uns. »Ich muß fort, — sie suchen mich sonst, — lebwohl — —!« und schon war sie wieder jenseits der Straße.
»Verstehst du das?« fragte ich meinen Mann, der die ganze Zeit mit gerunzelter Stirn neben uns gestanden hatte, und sah ihr kopfschüttelnd nach. »Nein,« sagte er, »sie scheint mir aus Widersprüchen zusammengesetzt, deine Schwester.«
Auf dem Rückweg ertappten wir uns gegenseitig bei einem verstohlenen, sehnsüchtigen Blick nach dem weinumsponnenen Häuschen mit dem tiefen Dach darüber. Der Rasenplatz war leer. Ob der Kleine da oben hinter den zugezogenen weißen Vorhängen schlummern mochte? Und ich träumte, während wir heimwärts fuhren, offenen Auges einen gar süßen Traum.
Mein Herz war heut übervoll. Als ich abends bei den Knaben saß, um ihre Arbeiten zu beaufsichtigen, fühlte ich stärker als sonst, wie wenig ich sie eigentlich kannte. Sie waren nachmittags wie gewöhnlich im Zoologischen Garten gewesen. Es kam mir wie ein Unrecht vor, daß ich sie dort allein ließ; ich wußte nicht, was sie hörten und sahen, welchen Einflüssen sie inmitten der verdorbenen Großstadtjugend unterliegen mochten. Und doch, nicht möglich wäre es gewesen, so große Jungen auf Schritt und Tritt unter Aufsicht zu halten.
Ihr Verhältnis zueinander war kein brüderliches, sie klagten sich häufig gegenseitig bei mir an, — das einzige Mittel, wodurch ich etwas von ihnen zu erfahren bekam. Hätte ich doch ihr volles Vertrauen besessen! Aber freilich: ich hatte kein Recht darauf; für sie stand ich nicht einmal an Stelle der Mutter, denn sie lebte noch. Je erfolgloser mein Bemühen gewesen war, ihnen näher zu kommen, desto unbegreiflicher war es mir, daß die Mutter sich hatte von ihnen trennen können. Ein Kind bedarf der Mutter, die es besser versteht, als es sich selbst verstehen kann. Tiefes Mitleid ergriff mich mit den beiden Buben, aber ein noch tieferes fast mit ihrer Mutter. Welch Schicksal mußte sie getroffen haben, daß sich ihr Herz so hatte verhärten können? Heinrich sprach nicht gern von ihr; und meinen Gedanken, ihr zu schreiben, um wenigstens in bezug auf die Erziehung der Kinder im Einvernehmen mit ihr zu handeln, hatte er schroff und ärgerlich als einen ganz törichten und zwecklosen zurückgewiesen. Ich hatte ihn trotzdem ausgeführt — heimlich, um ihn nicht zu ärgern. Da wir aber im Überschwang unseres jungen Eheglücks einander gestattet hatten, unsere Briefe gegenseitig zu öffnen, so las er ihre Antwort: ein paar kühle hochmütige Zeilen, im Tone der Herrin gegenüber der Gouvernante. Heinrich war damals ernstlich böse geworden, und — was mir am tiefsten in die Seele schnitt — traurig dazu. »Ich kann alles vertragen,« hatte er gesagt, »nur eins nicht: daß du unehrlich bist mir gegenüber. Ich muß dir unbedingt vertrauen können, sonst ist unsere Ehe keine mehr.« Seitdem hatte ich die kaum begonnene Korrespondenz wieder abgebrochen, und die Brücke zum Herzen der Kinder, auf die ich gehofft hatte, blieb ungebaut. Und nun kam es plötzlich wie eine Erleuchtung über mich: ich wußte, womit ich sie würde gewinnen können.
»Erzähl uns was,« bettelte Wolfgang wie immer, wenn er aufatmend die Schulbücher zuschlug. »Gleich!« antwortete ich lächelnd, und ging hinaus, um mit dem Korb voll weißer Leinwand wiederzukommen.
»Was meint ihr wohl, was das ist?« fragte ich und hielt ein kleines Hemdchen hoch, sodaß das Licht der Lampe rosig hindurchschimmerte. Sie rissen erstaunt die Augen auf. »Eurem Brüderchen oder eurem Schwesterchen gehört es, das ihr bekommen werdet. Habt ihr die Eicheln gesehen, die von den Bäumen fallen? Wenn die Erde sie aufnimmt, und weich und warm einhüllt, damit der Winter ihnen nichts Böses tun kann, so wachsen im Frühling junge Bäumchen daraus ... Und ein Vogelei kennt ihr doch auch? Da ist zuerst gar nichts drin, wie eine weißliche Flüssigkeit. Wenn's aber eingebettet im Nestchen liegt, und die Henne es mit ihrem Leib bedeckt, dann entwickelt sich zuerst die gelbe Dotter und aus ihr ein winziger lebendiger Vogel. Sobald er groß genug ist, zerbricht er das Ei und ist da! Wir sind so sehr daran gewöhnt, daß wir uns des großen Wunders gar nicht mehr bewußt werden, — eines Wunders, das viel unfaßlicher ist, als wenn der Storch die kleinen Kinder brächte, wie man es früher zu erzählen pflegte.« Ich machte eine Pause; meine Zuhörer rührten sich nicht, und ich hatte nicht den Mut aufzusehen. Wußte ich doch nicht, was für Blicken ich begegnen würde. »Euch ist vielleicht auch einmal das Märchen vom Storch zu Ohren gekommen,« fuhr ich leiser fort, »es ist dumm und albern! Die Wahrheit ist tausendmal schöner: wie die Eichel im Schoß der Erde, ruht der Menschensamen im Mutterleib, und wie das Vögelchen sich entwickelt, so entwickelt sich das Kind, nur daß die Menschenmutter das Ei unter dem Herzen trägt, bis es zerspringt und das junge Leben geboren wird.« Ich schwieg wieder; es war so still, daß ich hätte meinen können, ich wäre allein im Zimmer. »Weil ich euch lieb habe, euch beide —,« flüsterte ich und senkte den Kopf tief auf die Arbeit, die meine zitternden Hände hielten, — »darum mag ich euch nicht belügen, darum will ich euch anvertrauen, was mein glückseliges Geheimnis ist: ich werde auch ein Kind bekommen!«
Eine beklemmende Stille; ich konnte die Nadel hören, wenn sie den Stoff durchstach. Endlich sah ich empor. Die Köpfe gesenkt, mit dunkelroten Wangen saßen die Knaben vor mir. Ein rascher scheuer Blick traf mich aus Wolfgangs hellen Augen, um seine Lippen zuckte es. Waren es verhaltene Tränen, oder war es am Ende gar — Spott? Hans rutschte vom Stuhl auf die Erde und machte sich, abgewandt von mir, an seiner Dampfmaschine zu schaffen. Ich wußte nur zu gut, wie verdorbene Kinder das Geheimnis des Lebens ihren Schulkameraden zu erklären pflegen: mit lüsternen Augenzwinkern, mit der Freude am Schmutz. Hatten sie es so erfahren?! Mir stieg die Schamröte bis unter die Haarwurzeln. Oder hatten sie, während ich sprach, ihrer Mutter gedacht, hatten plötzlich empfunden, daß ich sie nicht so würde lieben können wie mein eigenes Kind? Ich seufzte tief auf. So war auch das vergebens gewesen; statt eine Schranke einzureißen, hatte ich eine neue errichtet. Ich begegnete ihnen von nun an mit doppelter Zärtlichkeit; ich suchte ihre Wünsche zu erfüllen, noch ehe sie laut wurden. Aber ihre Scheu überwand ich nicht.