Vor Heinrich ließ ich mir nicht merken, was in mir vorging. Er hätte mich mißverstehen, hätte glauben können, daß ich seine Bitte, die Kinder lieb zu haben, nicht zu erfüllen vermöchte, — dachte ich. Auch war er den Kindern gegenüber oft so reizbar, daß ich Mühe hatte, ihn zu besänftigen. Das Verlangen, mit mir allein zu sein, äußerte er zuweilen in einer, wie mir schien, für die unschuldigen Buben empfindlichen Weise. Ich lenkte ein, — ich deckte zu, — ich versteckte mein eigenes Empfinden, das in derselben Sehnsucht gipfelte wie das seine. Wie viele warme Worte und heiße Blicke und zarte kleine Aufmerksamkeiten, die wie ein holder Frühlingsflor den Garten junger Ehe schmücken, wagten sich vor den fremden Augen der Kinder nicht ans Tageslicht. Auch über das Glück meiner Mutterhoffnung mußt' ich vor ihnen einen Schleier ziehen.
Wir lebten damals ganz still. Von geselligem Verkehr war selten die Rede. Wir scheuten noch immer unliebsame Begegnungen, und unsere Zurückhaltung, die mir als Hochmut ausgelegt wurde, steigerte nur unsere Isoliertheit. Es kam vor, daß wir im Theater zwischen lauter alten Bekannten saßen und uns doch wie auf einsamer Insel mitten im Meer befanden. Man musterte uns neugierig, man tuschelte über uns, man grüßte bestenfalls, und ich setzte dazu meine abweisendste Miene auf, um den Menschenhunger, der mich manchmal überfiel, nicht merken zu lassen.
Zuweilen besuchten uns die Mitarbeiter an meines Mannes Zeitschrift: Nationalökonomen, Juristen und Politiker aus aller Herren Länder, die er mit dem ihm eigenen redaktionellen Geschick unter einen Hut zu bringen gewußt hatte, und die, — mochten sie sonst in ihren Ansichten noch so weit auseinander gehen, — unter seiner Führung gemeinsam am selben Strange zogen.
»Ihr Mann ist ein wahres Redaktionsgenie!« sagte mir einmal einer von ihnen, nachdem er sich nach langer Debatte doch wieder unterworfen hatte, halb ärgerlich, halb bewundernd. »Meist erdrücken die Autoren den Redakteur, er nimmt dankbar, was ›bewährte Mitarbeiter‹ ihm bringen und ist eigentlich nur ihr Geschäftsführer. Ihr Mann aber zwingt uns in seinen Dienst wie ein Feldherr seine Soldaten. Wenn er will, so müssen wir alles andere stehen und liegen lassen, uns hinsetzen, die Feder ergreifen und den gewünschten Aufsatz schreiben.«
Ich freute mich jedesmal dieser Gäste; denn mochten sie von Rußland oder Frankreich, von England oder Italien kommen, — eins war ihnen gemeinsam: Tatkraft und Hoffnungsfreudigkeit. Ganz richtig äußerte sich einer über diese innere Einheit, wenn er sagte: »Wir sind Leute mit der Devise ›Ja, also!‹, im Gegensatz zu der älteren Generation der kathedersozialistischen Nationalökonomen, die die Männer des ›Ja, aber!‹ gewesen sind.« Sie zogen die Konsequenzen ihrer wissenschaftlichen Erkenntnis und traten rückhaltlos auf Seite der Arbeiter in Fragen des Arbeiterschutzes. In ihnen sah ich starke Verbündete der Sozialdemokratie, und es schien mir kein Zweifel, daß die Logik der inneren Entwicklung und der äußeren Geschehnisse sie schließlich zu ihren offenen Parteigängern würde machen müssen.
Aber noch eine andere Tatsache unterstützte meinen Glauben an den Fortschritt sozialer Erkenntnis: die Gründung der nationalsozialen Partei.
Sie war eben in Frankfurt zur Welt gekommen und getauft worden; sie hatte im Rausch der Festesfreude freilich den Mund sehr vollgenommen, wie das nun einmal in solcher Situation deutsche Art zu sein pflegt: »Wir stehen als Erben vor der Türe der Sozialdemokratie,« hatte Göhre erklärt. »Wir stellen uns an die Spitze der Arbeiterbewegung, denn die Zeit der Sozialdemokratie ist um,« hatte Sohm ihm sekundiert. Aber solche rednerischen Entgleisungen, die unsere Parteipresse mit einem übertriebenen Pathos rügte, statt über sie zu lächeln, wogen leicht gegenüber dem Handeln dieser Männer und Frauen: sie anerkannten die Gegenwartsforderungen der Sozialdemokratie, sie stellten sich, bei aller Betonung nationaler Gesinnung, in bewußtem Gegensatz zur Regierung, die die sozialen Pastoren maßregeln ließ, — zum Kaiser, der ihre Bestrebungen für sträflichen Unsinn erklärte.
Ein Ereignis trat ein, das vollends zwischen rechts und links wie Scheidewasser wirken sollte: der Hafenarbeiterstreik in Hamburg. Hatte wenige Jahre vorher die Cholera die Augen der ganzen Welt auf die gräßlichen Elendsquartiere der reichen Kaufmannsstadt gerichtet, so zeigte sich jetzt, daß selbst ihr Schrecken nicht imstande gewesen war, die Brutstätten des Todes aus der Welt zu schaffen. Noch hausten zwanzig Prozent ihrer Bewohner dicht zusammengedrängt in winzigen Räumen und engen Gassen, — zu fünft in einem Zimmer, zu neun in zweien! Und zu diesen gehörten vor allem die Hafenarbeiter, die bei schwerer Arbeit, die sie oft Tag und Nacht nicht los ließ, nicht genug verdienten, um sich auch nur in Frieden ausruhen und frische Arbeitskräfte sammeln zu können. Der Eindruck der Tatsachen, die der Streik enthüllte, war ein ungeheurer, und die Haltung der Hamburger Reeder, die sich allen Einigungsversuchen der Arbeiterorganisationen widersetzten und einen Kampf um ein paar Groschen mehr Lohn zu einem Kampf um ihre Macht erweiterten, empörte jeden, der vorurteilslos zu denken vermochte. In höherem Maße als zur Zeit des Konfektionsarbeiterstreiks nahm die Öffentlichkeit Partei für die Arbeiter, geführt von den jungen sozialpolitischen Professoren und der nationalsozialen Partei. Das waren, so schien mir, Symptome für das Erwachen eines Geistes, der nicht mehr zu bannen sein würde. Und die Haltung der Gegner bekräftigte meine Auffassung: Kleine Nadelstiche, wie die Ausweisungen englischer Arbeiterführer, die, um Frieden zu stiften, nach Hamburg gekommen waren, — schroffe Erklärungen der Reichsregierung gegen die Streikenden, — von ihr unwidersprochene Aussprüche, wie die des alten Reaktionärs Kardorff im Reichstag: »Ich freue mich, daß man von den bedenklichen Wegen des Erlasses von 1890 jetzt abgekommen ist,« — Wünsche eines Stumm und seiner Gesinnungsgenossen, die zur Bekämpfung staatsgefährlicher Umtriebe eine Änderung der Vereinsgesetze forderten, — waren das alles nicht Zeichen der Angst und der Schwäche? Und war nicht die Wandlung, die der Kaiser seit seinen sozialpolitischen Erlassen durchgemacht hatte, ein unbewußtes Eingeständnis schwindenden Einflusses? Erfüllt von seinem Gottesgnadentum, durchtränkt von der Vorstellung, die Tradition und Erziehung den Fürsten unauslöschlich einprägt: daß das Volk ihnen gegenüber im Verhältnis des Kindes zum Vater steht, hatte er ein sozialer Kaiser sein wollen, indem er der Arbeiterschaft als Geschenk brachte, was ihm gut schien für sie. Als sie es ihm nicht dankte, als sie Rechte forderte, statt Gnaden zu erbitten, sie sogar mit Gewalt ertrotzen wollte, — da wurde der in seiner Autorität verletzte Fürst zum zürnenden, strafenden Vater. Und derselbe Kaiser, der 1890 für die Schaffung von Schiedsgerichten eintrat, stellte sich 1896 auf die Seite der Hamburger Reeder und forderte die Vereinigung aller Arbeitgeber gegen die Arbeiter.
Um diese Zeit besuchte uns mein alter Freund Professor Tondern, der ein stiller Gelehrter irgendwo an einer Provinzuniversität geworden war, und den ich für unsere Sache fast schon aufgegeben hatte. Er war zur Zeit des Streiks in Hamburg gewesen, und mein Mann hatte ihn für das Archiv zu einer Arbeit darüber aufgefordert. Statt aller Antwort kam er selbst, ganz erfüllt von dem Erlebten.
»Da bilden wir uns nun wer weiß wie viel auf unsere Bildung, unsere alte Kultur ein,« sagte er, »und müssen angesichts solcher Kämpfe beschämt eingestehen, daß wir mit all dem lumpigen Rüstzeug ihren Forderungen gegenüber jämmerlich Schiffbruch leiden würden, während die in Elend und Unwissenheit Aufgewachsenen sich wie Helden bewähren. Sie hätten nur sehen sollen, wie tapfer die Frauen, vom kleinen Mädchen bis zum steinalten Mütterchen, ihren Vätern und Söhnen zur Seite standen. Da steckt ungebrochene Jugendkraft —« Er brach seufzend ab.