»Zeugt die arbeiterfreundliche Haltung gewisser bürgerlicher Kreise nicht auch dafür?« fragte ich.

Er schüttelte heftig den Kopf, daß die dünn gewordenen roten Haarsträhnen flogen. »Immer noch die alte Optimistin!« murmelte er. »Zu einem guten Teil haben Sie freilich recht —« fügte er dann laut hinzu. »Der Streik hat die Verschlafenen aufgerüttelt, hat die sozialpolitischen Probleme wieder in den Fluß der Diskussion gebracht, hat die brennende Feindschaft, die der Generalstab des Kapitals, das heißt das Kapital in seiner bedrohten politischen Machtsphäre gegen die freie Wissenschaft empfindet, zu hellen Flammen werden lassen, — und das kann dem echten, dem kritischen wissenschaftlichen Geist nur heilsam sein.«

»Diese Feindschaft muß aber auch mehr und mehr zu uns herübertreiben,« entgegnete ich.

»Zur Sozialdemokratie? Nein! Erinnern Sie sich unserer Haltung nach der frankfurter Tagung der Ethischen Gesellschaft? — Seitdem hat sich für uns nichts verändert. Wir sind sogar nur noch fester an die Staatskrippe, und damit an den Dienst der kapitalistischen Gesellschaft geschmiedet, weil unsere Kinder inzwischen größer und anspruchsvoller wurden. Eine Ausnahme, wie Sie, bestätigt nur die Regel. Marx hat keine größere Wahrheit ausgesprochen als die, daß die gesellschaftliche Umwandlung nur das Werk der Arbeiterklasse sein kann.«

Er stand auf. »Ich muß eilen, — meine Frau wartet auf mich,« sagte er hastig, und strich sich gleich darauf mit einer verlegen ungeschickten Bewegung den roten Bart. Ich verstand. Es war gewissermaßen nur ein Geschäftsbesuch gewesen. Mit Damenbesuchen wurde ich nicht verwöhnt! Er schüttelte meinem Mann die Hand: »Sie bekommen den Aufsatz in spätestens vierzehn Tagen.« Dann wandte er sich abschiednehmend zu mir: »Sie dürfen mir auch die Hand geben. Meine Stellung zu Alix Brandt ist genau dieselbe geblieben wie zu Alix von Glyzcinski.«

Kurze Zeit darauf meldete sich einer der geistvollsten Archiv-Mitarbeiter, Professor Romberg, bei uns an. Ich sah ihm mit gespannter Erwartung entgegen, denn ihm war ein Buch vorausgegangen, das ihn wie ein Herold mit Fanfarenstößen angekündigt hatte. Ein schmaler roter Band war es nur, aber das Wort »Sozialismus« prangte in goldenen Lettern darauf, und sein Inhalt war nichts anderes als eine Verteidigung der Lehren von Karl Marx, als eine Anerkennung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Das Katheder eines wohlbestallten ordentlichen preußischen Universitätsprofessors hatte sich der Verfasser wohl auf immer verscherzt, aber eine Zuhörerschaft hatte er sich erobert, aus der für die Sache des Sozialismus eine große Gefolgschaft werden mußte.

Mein Mann lächelte über meinen Enthusiasmus, er spielte sogar ein wenig den Eifersüchtigen, als ich zum Empfang dieses Gastes ganz besondere Vorkehrungen traf, den Tisch mit buntem Herbstlaub schmückte und eine Flasche Wein besorgen ließ, — zum erstenmal seit unserer Hochzeitsfeier.

Als er eintrat, hatte ich jene seltsame Empfindung, die ich als Kind besonders häufig gehabt hatte: daß mir derselbe Mann in derselben Situation schon einmal begegnet war; selbst die gleichgültige Begrüßungsphrase und der Ton seiner Stimme dabei war mir bekannt, ehe er sie aussprach. Im ersten Augenblick war ich verwirrt und überließ Heinrich die Unterhaltung, dann musterte ich den Gast, und dabei verwischte sich das Gefühl langen Bekanntseins wieder, ähnlich wie ein Traum uns um so gewisser entgleitet, je mehr wir über ihn nachdenken. Diesen großen, tiefbrünetten Mann mit den lebhaften braunen Augen und der hochgewölbten Stirn hatte ich gewiß noch nie gesehen. War es Sympathie, die ich für ihn empfand? Der dunkle Bart beschattete dicke Lippen, die von stark entwickelter Sinnlichkeit zeugten, die großen Hände mit den breiten Fingerkuppen und den abgebrochenen Nägeln widersprachen der vornehmen Eleganz seiner schlanken Gestalt. Aber diese Mischung von Roheit und alter Kultur prädestinierte ihn vielleicht gerade für die Rolle eines Führers der öffentlichen Meinung, die er, unserer Ansicht nach, zu spielen bestimmt war.

In einer Rede, die von Geist und Wissen sprühte, setzte er meinem Mann die Ideen auseinander, die er in einer Abhandlung für das Archiv zusammenfassen wollte. »Wir müssen der Sozialpolitik die Krücken nehmen, die Ethiker, Christlichsoziale und neuerdings Rassenhygieniker ihr glaubten geben zu müssen, um sie dem von ihnen willkürlich gesteckten Ziele entgegenhumpeln zu lassen. Sie kann und muß auf eigenen Füßen gehen, eigene Ziele verfolgen. Ich verlange die Autonomie des sozialpolitischen Ideals, das nicht nur nicht ethisch, nicht religiös, nicht rassenhygienisch, sondern diesen Idealen direkt entgegengesetzt sein kann.«

»Das sei Ihnen in bezug auf das religiöse Ideal zugegeben,« warf mein Mann ein, »aber das ethische, das rassenhygienische?! Die ›Befreiung des gesamten Menschengeschlechts, das unter den heutigen Zuständen leidet‹, ist doch wohl ein ethisches Postulat!«