Romberg bewegte lebhaft abwehrend die Hände: »Bleiben Sie mir mit der Zukunftsmusik des Erfurter Programms vom Leibe! Sie könnten ebenso gut die ›Versöhnung der Klassengegensätze‹, die die Ethiker unter den Nationalökonomen der Sozialpolitik als Aufgabe zuschieben, predigen. Nein: wir stehen im Klassenkampf, wir müssen in diesem Kampf Partei ergreifen, und zwar nicht für die Schwachen nach christlicher Auffassung, sondern für das höchst entwickelte Wirtschaftssystem, für die den wirtschaftlichen Fortschritt repräsentierende Klasse, das heißt auf Kosten der anderen.«
»Mit anderen Worten: für das Proletariat?« fragte ich. Er wandte sich mir zu.
»Gewiß: für das Proletariat, soweit seine Ideale sich mit dem Ideal der Sozialpolitik decken: der wirtschaftlichen Vollkommenheit, und,« — er betonte scharf den letzten Satz, — »soweit sie sich dauernd mit ihm decken werden. Denn es ist einerseits in dauerndem Fluß begriffen und ist andererseits kein absoluter Endzweck, sondern nur ein Mittel zur Verwirklichung höherer Zwecke. Das wirtschaftliche Leben ist die Schranke, in der unser ganzes Dasein, auch in seinen höchsten Äußerungen, eingeschlossen ist. Wir müssen sie erweitern, so rasch als möglich, ohne Rücksicht auf die Bedenken empfindsamer Seelen, um zu Licht und Luft zu gelangen.«
»Und mit diesen Ansichten können Sie es verantworten, außerhalb unserer Partei zu stehen!« rief ich aus. Er schien erstaunt.
»Alles, was ich sagte, was ich schrieb, beweist doch, daß ich es verantworten kann!« meinte er langsam. »Oder glauben Sie, ich würde mehr erreichen, wenn ich mich in Ihr Heer einreihen, Ihre Uniform anziehen würde, wenn ich jede meiner Ideen, ehe ich sie auszusprechen mich getraute, dem Votum Ihres Parteitages unterwerfe?!«
»Ich verstehe Sie nicht!« antwortete ich. »Wie reimt sich Ihre Abneigung gegen die Partei mit diesem Buch zusammen,« — ich hielt ihm den roten Band entgegen, — »mit Ihrer Verteidigung des Klassenkampfes, mit Ihrer Prophezeiung der dauernden, der notwendigen Einheit der Bewegung?«
»Ich muß Ihre Frage mit einer Frage beantworten: Ist die Zugehörigkeit zur Bewegung abhängig von der namentlichen Einschreibung in einen Wahlverein? Ist es für meine Stellung wichtiger, wie ich mich nenne, als was ich leiste?! Die Frage des Eintritts in die Partei kann für unsereinen nur individuell gelöst werden. Ich zum Beispiel würde in dem Augenblick flügellahm werden, wo ich in der Gesellschaft aushalten müßte.«
»Für einen Augenblick vielleicht, aber in dem Moment, wo Sie sich durchsetzen, wo Sie Einfluß gewinnen würden, hätten Sie die Kraft Ihrer Flügel in doppeltem Maße wieder —,« mischte sich mein Mann ins Gespräch.
»Sie überschätzen mich, lieber Freund. Über gewisse Dinge komme ich nicht hinweg. Sie wissen, mein ›Sozialismus‹ hat einen ungeahnten Erfolg; ich brauche mich in meiner Schriftstellereitelkeit wahrhaftig nicht gekränkt zu fühlen. Aber die Behandlung, die mir — mir, der ich den Sozialismus verteidige! — von einem Teil Ihrer Presse zuteil geworden ist, hat mir die ganze Gesellschaft auf lange verekelt!«
Der Gegensatz zwischen dem Enthusiasmus, der ihn wenige Minuten vorher erfüllt hatte, und der morosen Stimmung, die jetzt aus Wort und Ton und Haltung sprach, war so verblüffend, daß wir verstummten. Aber Romberg forderte uns zur Antwort heraus: