»Sie mißbilligen meinen Standpunkt?« Fragend sah er von einem zum anderen.
»Ganz und gar!« antwortete ich heftig. »Glauben Sie, daß wir um der schönen Augen der Parteigenossen willen Sozialdemokraten geworden sind, — oder der Partei entrüstet den Rücken kehren würden, weil ein paar Nasen uns nicht gefallen?! Wir dienen der Sache, nicht den Personen.«
»Eine so reinliche Scheidung zwischen der Sache und den Personen läßt sich in Wirklichkeit nicht durchführen,« sagte er, sichtlich verletzt. »Es kann sehr wohl der Fall eintreten, daß eine Sache durch eine bestimmte Personengruppierung rettungslos verloren geht, und ich bin der Meinung, daß in Ihrer Partei Leute den Ton angeben, die Ihre Sache diskreditieren.«
»Wenn Sie dieser Ansicht sind, müßten Sie erst recht in die Partei eintreten, um die Sache, die doch auch die Ihre ist, vor solchen Einflüssen zu retten!«
Er biß sich auf die Lippen und schwieg sekundenlang. Dann ließ er sich, wie ermüdet, in den Lehnstuhl fallen und sagte langsam: »Sie mögen recht haben, — auf Grund Ihrer Individualität. Ich würde einfach zugrunde gehen, wenn ich mit dem Gesindel, das Ihre Partei groß gefuttert hat, auf gleich und gleich verkehren müßte. Übrigens,« er lächelte ein wenig, »Sie sind ja erst seit vorgestern ›Genossin‹, — wir wollen unser Gespräch in zehn Jahren zu Ende führen! Und Sie, mein lieber Brandt, sind doch auch nur im Nebenberuf ›Genosse‹. Wenn Sie Ihrer Frau beistimmen, warum treten Sie nicht in die politische Arena?«
Mein Mann ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder, ehe er antwortete. »Ich habe nicht Ihre Begabung, die Sie zum Agitator stempelt. Und ich bin nicht unabhängig wie Sie, was, meiner Ansicht nach, eine wichtige Voraussetzung ist, wenn man in der Partei Wertvolles leisten will. Das Archiv ist mein Brotgeber. Es könnte seine wertvollsten Mitarbeiter verlieren, wenn sein Redakteur politisch hervorträte. Sonst, — lieber heute als morgen würde ich ein tätiger Parteigenosse sein!«
Ich hatte Heinrich noch nie so sprechen hören; eine tiefe Unbefriedigung enthüllte sich mir, eine Seite seines Wesens, die sich selbst dem durchdringenden Blick meiner Liebe bisher versteckt hatte. Ich konnte den Gedanken daran nicht los werden und vergaß fast unseres Besuchers darüber.
Beim Abschied reichte ich ihm die Hand. Ein unbehagliches Gefühl überkam mich: die seine lag, so groß sie war, schwach und leblos in der meinen. Menschen ohne Händedruck waren mir immer unsympathisch gewesen. Und doch zog dieser Mann mich an.
»Wollen wir nach all dem Ernst nun nicht Berlin ein wenig genießen?« fragte er. »Wir armen Provinzler müssen uns mit Großstadtluft auf Monate versorgen, wenn wir einmal von unserer Kette loskommen.« Wir verabredeten allerlei, und er ging.
»Nun?!« fragte Heinrich, als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte.