»Ein interessanter Mensch, ob ein Kämpfer?!« antwortete ich nachdenklich. »Aber was interessiert mich dies Problem, wo mein eigner Mann mir eins aufgegeben hat!«
Er zuckte lachend die Achseln: »Kümmere dich nicht darum, Schatz, es ist doch zunächst unlösbar.« »Du würdest wirklich gern politisch tätig sein?« drängte ich unbeirrt. »Wäre es dir willkommen?« fragte er statt der Antwort. Mir stieg das Blut in die Wangen. Ich sah den Geliebten an der Stelle, die ich Romberg zugedacht hatte; ich sah uns beide Schulter an Schulter im Kampfe stehen. »O wie schön wäre das!« flüsterte ich.
Die nächsten Tage nahm uns Romberg sehr in Anspruch. Er war von einer fast kindlichen Genußfähigkeit, dabei voller Interesse für Kunst und Literatur, in allem das Gegenspiel des typischen deutschen Professors.
Berlin war damals reich an neuem Leben für den, der es zu finden verstand. Denn die Oberfläche trug noch immer das Stigma geschmackloser Alltäglichkeit. Mein Instinkt war doppelt wach; meine Sinne schienen geschärft für alles Werden, und meine Hoffnung umschlang mit üppigen Ranken jede neue Erscheinung.
Wir sahen Gerhart Hauptmanns »Versunkene Glocke«, die zum erstenmal zur Aufführung kam. Alles stritt um des schönen Märchens eigentlichen Inhalt und riß ihm im Streit grausam die Schmetterlingsflügel aus. Den einen erschien es als das tragische Bekenntnis eigener Schwäche: denn die im Tal gegossene, für die Höhe bestimmte Glocke Meister Heinrichs stürzte vom Berge hinab in die Tiefe, und als er selbst emporstieg, um droben ein neues Wunderwerk zu schaffen, zog sie ihn nach sich ins Grab. Den anderen war es nichts als ein Zeichen geistiger Reaktion: der Dichter der ›Weber‹ floh vor dem wirklichen Leben. Ich aber hörte darin das immer wiederkehrende Leitmotiv der Sehnsucht, das den Glockengießer emporzog, auch als er an seiner Schwäche sterben mußte, ich sah die Sonnenpilger, die den Marmortempel suchten, dessen Baumeister zugrunde ging, dem aber Kräftigere als er Hammer und Kelle aus den toten Händen nahmen.
Und dieselbe Sehnsucht, die der Hoffnung Schwester ist, die aus unserer nüchternen, auf praktisch-greifbare Ziele gerichteten Zeit hinwegverlangt in reichere, blühendere Gefilde, wo die arme gehetzte Seele nicht mehr zu dursten und zu frieren braucht, schien einer jungen noch unbekannten Künstlerschaft die Hand zu führen. Wir sahen Gläser, deren zart schimmernde Blumenkelche in Märchenfarben strahlten, und Teppiche, auf denen die ganze Fülle des Frühlings ausgestreut erschien. Wir kamen in eine Ausstellung, die eine Welt fremder Wunder enthielt, deren Schöpfer ein noch Unbekannter war. Staunend stand ich vor dem schönsten, das sie bot: einem Fenster voll leuchtender Glut, mit den Gestalten Tristans und Isoldens. In ihren Augen, in ihrer Gebärde steigerte sich die Sehnsucht zum Verlangen; die Farben waren eine Hymne des Lebens: das Rot jauchzte, das Blau verging in zärtlichen Melodien, wie ein mystischer Orgelton stand das Violett dazwischen.
Achselzuckend ging die Masse an alledem vorüber. Auch die beiden Männer, die mich begleiteten, waren mehr erstaunt als betroffen. Ob wohl nur eine, die schwanger war, die verborgenen Lebenskeime dieser Zeit zu schauen vermochte? Ich sog mit allen Sinnen ein, was der Menschenknospe in meinem Schoß zur Nahrung dienen konnte.
»Seit ich Sie kenne, begreife ich nicht, wie Sie Genossin werden konnten,« sagte Romberg beim Abschied, »mit Ihrem starken Kulturbedürfnis, ihrem Schönheitsdurst!«
»Für mich war das nur ein Motiv mehr, um es zu werden,« antwortete ich. »Auch den Seelenhunger der Massen nach höheren Lebenswerten möchte ich stillen helfen.«
»Sie haben kaum einen —,« meinte er wegwerfend.