»Dann ist meine Aufgabe doppelt groß: ich muß sie hungrig machen — —«
Mein Zustand hinderte mich zunächst nicht an der Parteitätigkeit. Ich hielt Versammlungen ab, solang es ging, obwohl die schlechte Luft sich mir immer schwerer auf den Kopf legte; ich besuchte die Sitzungen der Frauenorganisation regelmäßig trotz der ekelerregenden Düfte der Lokale, in denen sie stattfanden. Wenn die Polizei, die uns ständig auf den Fersen war, gewußt hätte, wie wenig welterschütternd die Fragen waren, über die wir debattierten, sie würde uns ruhig unserem Schicksal überlassen haben. Seitdem Wanda Orbin nicht mehr in Berlin war, schien zwar auch den Nur-Ja-Sagerinnen der Mund geöffnet zu sein, aber was sie vorbrachten, das drehte sich meist um die kleinlichsten Dinge. Derselbe Zank, derselbe Neid, der mir die bürgerliche Frauenbewegung vergällt hatte, fand sich auch hier, nur daß er sich in gröberen Formen äußerte. Ich wäre bitter enttäuscht gewesen, wenn ich nicht allmählich Einblicke gewonnen hätte, die mir die Dinge in anderem Licht erscheinen ließen.
Ich lernte das Leben dieser Frauen kennen. Da war eine, die tagaus, tagein in dieselbe elende Zwischenmeisterwerkstatt ging, um, wenn sie todmüde heimkam, von dem betrunkenen Mann mit Schlägen oder zudringlichen Zärtlichkeiten empfangen zu werden; — sollte sie nicht verbittert sein? Da war eine andere, die, obwohl sie einen braven Gatten hatte, auf ihre alten Tage in die Fabrik zurückgekehrt war, weil sie nur auf diese Weise ihrem kranken Sohn den Besuch eines Sanatoriums ermöglichen konnte; — sollte sie die glücklicheren Mütter nicht beneiden, die die Gesundheit ihrer Kinder nicht so schwer erkaufen mußten? Und ein verblühtes Mädchen war zwischen uns, die ihrer gelähmten Mutter ihre ganze Jugend hatte opfern müssen, — war's nicht begreiflich, daß etwas wie Haß in ihren Augen aufblitzte, wenn ich sprach?
Einmal besuchte ich die kleine dicke Frau Wengs; sie war vor drei Tagen ihres siebenten Kindes genesen, und ich fand sie schon wieder hinter dem Waschfaß. War es erstaunlich, daß sie reizbar war? All diese Frauen standen in harter Arbeitsfron; war es nicht viel merkwürdiger, daß sie sich dabei die Kraft, den Opfermut, die Begeisterungsfähigkeit erhalten hatten, die es ihnen möglich machte, ihre spärliche Freizeit, ihre ihnen so bitter nötige Nachtruhe dem Dienst der Partei zu widmen? Sie leisteten das äußerste, was sie leisten konnten; es war nicht ihre Schuld, daß es trotzdem so wenig war.
Ich grübelte lange nach, wie hier zu helfen wäre. Mein alter Plan eines Zentralausschusses für Frauenarbeit tauchte wieder auf. Wenn man mit Hilfe der Partei solch einen Mittelpunkt schaffen, die begabtesten der Frauen dabei beschäftigen, von ihrer Erwerbsarbeit dadurch befreien könnte? Frau Wengs war nach dem Parteitag zur »Vertrauensperson für ganz Deutschland« gewählt worden. War es nicht wie ein Hohn auf die Frauenbewegung, daß sie, die kaum Zeit hatte, eine Zeitung zu lesen, für die das Schreiben eines Briefes eine fast unüberwindliche Aufgabe war, an ihrer Spitze stehen sollte? Man hatte mir freilich erzählt, Wanda Orbin habe ihre Wahl unterstützt, um die Leitung um so sicherer in der eigenen Hand zu behalten, Wanda Orbin, die uns so fern war, deren unzureichende Kennt nis der Verhältnisse schon daraus hervorging, daß sie ihre Zeitschrift in einem Tone schrieb, der einen hohen Grad von Wissen bei dem Leser voraussetzte. Ja, wenn sie in Berlin wäre, wenn sie offiziell die Führung in die Hände bekäme, wenn die Gestaltung der ›Freiheit‹ dem Einfluß der Genossinnen zugänglich gemacht werden könnte! Schon damit, so schien mir, wäre viel geholfen. Ich schrieb ihr in diesem Sinne, ich fragte sie, ob sie kommen würde, wenn man die Anstellung einer weiblichen Parteisekretärin durchgesetzt hätte. Sie antwortete ausweichend: es fessele sie vieles, vor allem die Erziehung ihrer Söhne in Stuttgart. Ich gab die Sache noch nicht verloren. Ich legte meinen Plan der Schaffung eines Sekretariats für die Frauenbewegung den Genossinnen vor, ich entwickelte ihn in einem längeren Artikel in der ›Freiheit‹ und hütete mich zunächst, Wanda Orbins Namen zu nennen, da ich wußte, daß auch sie Gegnerinnen hatte. Die Wirkung war verblüffend: die Frauen gerieten in eine Aufregung, die in keinem Verhältnis zur Sache zu stehen schien. Man fand es ungeheuerlich, daß ich, die ich noch nichts, aber auch rein gar nichts geleistet hätte, mir herausgenommen habe, an der Arbeiterinnenbewegung Kritik zu üben; man bekämpfte meinen Plan durch Wort und Schrift, als bedeute er eine Gefahr für die Partei. Bei der Abstimmung erhob sich keine Hand für ihn. Ich erfuhr erst allmählich die wahre Ursache dieser wütenden Gegnerschaft: die Frauen hatten angenommen, daß ich für mich selbst eine einträgliche Stellung schaffen wolle. Und Wanda Orbin hatte sie offenbar in diesem Glauben gelassen. Es gab Momente, in denen diese Erfahrung mir wehe tat, — trotz aller Mühe, überall nur das Gute zu sehen. Und die Entrüstung meines Mannes, der jeden Nadelstich, der mich traf, wie einen Dolchstoß empfand, trug nicht dazu bei, mich zu beruhigen.
Aber die öffentlichen Ereignisse sorgten dafür, Gedanken und Interessen auf wichtigere Dinge zu lenken, und die Verstimmung zwischen mir und den Genossinnen in einmütige Kampflust gegen die Feinde, die unsere Sache von außen bedrohten, zu verwandeln.
Hatten die Parlamentsreden der Herren der Rechten, vom Geiste Stumms beherrscht, schon kriegerisch genug geklungen, so kündigten die kaiserlichen Worte auf dem brandenburger Provinzial-Landtag Kampf bis aufs Messer an: »Die Aufgabe, die uns allen aufgebürdet ist, die wir verpflichtet sind zu übernehmen, ist der Kampf gegen den Umsturz mit allen Mitteln... Ich werde mich freuen, in diesem Gefecht jedes Mannes Hand in der meinen zu sehen, er sei edel oder unfrei,« hieß es darin, und zum Schluß: »Wir werden nicht nachlassen, um unser Land von dieser Pest zu befreien, die nicht nur unser Volk durchseucht, sondern auch das Heiligste, was wir Deutsche kennen, die Stellung der Frau, zu erschüttern trachtet.«
Kein Zweifel: ein Gewitter stand bevor, das unsere Saaten bedrohte; dem Blitz, der die Situation grell beleuchtet hatte, folgte der Donner und der prasselnde Regen in Gestalt einer Vereinsgesetznovelle, die dem reaktionären preußischen Landtag zur Entscheidung vorlag und nichts anderes bedeutete, als eine Knebelung des Koalitionsrechts, eine Auslieferung unserer Organisationen an die Willkür der Polizei. Da war niemand unter uns, dem nicht das Herz stürmisch geschlagen hätte, — vor Empörung über das drohende Unrecht, vor Freude über den aufgezwungenen Kampf. Es gab keinen kleinlichen Zank mehr; man drängte sich zur Arbeit und übernahm auch die geringfügigste mit dem Pflichtbewußtsein des Soldaten, der seinen Posten bezieht. Ich konnte der vorgeschrittenen Schwangerschaft wegen nur mit der Feder tätig sein, und Zorn und Begeisterung führte sie. Ich sah eine Zeit nahe bevorstehen, wo die besten Elemente des Bürgertums, wo vor allem die Vertreter der freien Wissenschaft, vor die Wahl gestellt zwischen der Reaktion und dem Proletariat, sich auf die Seite der Arbeiter stellen müßten.
»Du prophezeist trotz einem Bebel,« lachte mein Mann, wenn ich mich fortreißen ließ, alles zu sagen, was ich erträumte, und dann erinnerte er mich an jene anderen Kaiserreden, die den Dreizack des Meergottes für die deutsche Faust verlangten, und den Beifall derselben Männer fanden, auf die ich rechnete. Aber ich hörte nicht darauf, ich wollte nicht hören.
Die Fähigkeit, Dunkles zu sehen, war meinem inneren Auge mehr und mehr abhanden gekommen. Wo immer ich den Blick hinwandte: überall war es hell, überall strahlte die Welt voll Frühlingsahnen. Und als es draußen in den Gärten und auf den Plätzen wirklich zu blühen begann, da schien mir's, als wäre dies der erste Lenz, den ich erlebte. Ich saß in der Sonne auf dem Balkon und sah staunend, wie aus den braunen saftig glänzen den Knospen auf den Kastanienbäumen kleine zartgrüne Blätter leise ans Licht strebten. Ich ging am Arm des Geliebten durch den Tiergarten, den ein starker würziger Erdgeruch erfüllte, und stand vor dem Wunder still, das in Hunderten bunter Frühlingsblumen aus dem Rasenteppich emporwuchs. Und die Sonne schien so mild und warm, — wenn sie meine Wange traf, war mir, als streichle sie mich. In der Nacht lag ich oft stundenlang wach; ich war nicht müde. Regte sich dann in meinem Schoß das junge Leben, so strömte es mir durch die Glieder wie Feuer.