Frühzeitig war alles zu seinem Empfang bereit. Oft, wenn niemand es merkte, schloß ich mich ein in dem hellen Zimmer, wo alles seiner wartete, und kniete vor dem kleinen Bettchen, und vergrub meine heißen Wangen in seinen kühlen Kissen.

Einmal, als ich mit Heinrich am Ufer entlang heimwärts ging, an der Bucht vorbei, wo die Weiden ihre grünen Schleier tief bis zum Wasser hinuntergleiten lassen, kam uns ein alter grauhaariger Mann entgegen. Ich hörte zuerst nur seinen schleppenden Schritt, denn die Abendsonne, die im Westen verglühte, blendete mich. Aber ich wußte: das war mein Vater. Meine Knie zitterten. Und schon war er vorbei. Er schien in Gedanken verloren und hatte uns wohl nicht erkannt. Ich wandte den Kopf nach ihm, — da stand er wie angewurzelt und starrte mich an, so voll Zärtlichkeit —! Ich wäre ihm fast zu Füßen gestürzt, aber er machte eine rasche, abwehrende Bewegung und ging weiter. An dem Abend weinte ich. Und ich hatte doch mein Kind vor allem Kummer schützen wollen!

Wenige Tage später waren wir wieder zur gewöhnlichen Zeit fort gewesen. Mit geheimnisvollem Lächeln öffnete mir das Mädchen die Tür, als ich heimkam. Ins Kinderzimmer sollt' ich kommen, sagte sie. Da brannte die Lampe unter dem Rosenschleier und auf dem weißen Tisch lagen lauter spitzenbesetzte Hemdchen und Jäckchen, und kleine Schuhe und Steckkissen, und lange Tragekleidchen; durch die blauen Bänder, die sie zusammenhielten, waren Sträuße duftender Maiblumen gezogen. »Das gnädige Fräulein brachte alles selbst,« berichtete lächelnd das Mädchen und übergab mir einen Brief von Mama:

»Mein liebes Kind! Das alles schickt Dir Dein Vater. Er hat mir und Deiner Schwester erlaubt, zu Dir zu gehen, und Dir seine Grüße zu bringen. Schreibe mir, wann wir Dich besuchen können,« schrieb sie. Bald darauf kam sie selbst. Ich hatte vor Erregung eine böse Nacht gehabt und empfing sie auf dem Diwan liegend. Sie aber war so ruhig, so teilnahmsvoll, als läge höchstens eine Reise zwischen ihrem ersten Besuch und heute. Drohte eine verlegene Pause, so half das Geplauder Ilschens darüber hinweg, die mir von ihren ersten Ballfreuden und ihren Triumphen nicht genug erzählen konnte.

»Wie geht es dem Vater?« fragte ich schließlich zaghaft, da sie zu vermeiden schienen, seiner Erwähnung zu tun. »Er ist recht alt geworden,« antwortete Mama langsam. »Aber noch so rüstig,« fiel die Schwester ein, und berichtete zum Beweis dafür von den Diners und den Bällen, zu denen er sie begleitet hatte. Sie nannte Namen, die ich nicht kannte, und erwähnte Gesellschaftskreise, die er früher auf das peinlichste gemieden hatte: Tiergartensalons, in denen, wie er zu sagen pflegte, der jüngere Offizier nur als Mitgiftjäger, der alte nur als Tafeldekoration auftritt. Ich fühlte jetzt: er mußte sehr alt geworden sein.

Ehe sie gingen, bat ich Ilschen, nun aber recht oft zu mir zu kommen. Sie sah, statt zu antworten, ängstlich fragend auf Mama. »Allein darf sie euch nicht besuchen,« sagte diese mit dem alten harten Ton in der Stimme, während sich tiefe Falten um ihre Mundwinkel gruben. Als sie fort waren, trat ich auf den Balkon. Ich hatte das Bedürfnis, frische Luft zu schöpfen. Da fiel mein Blick auf die Straße: mit kleinen, hastigen Schritten ging der Vater vor unserer Haustür auf und ab, und als Ilse ihm entgegentrat, wandte er sich ihr mit einer raschen Bewegung zu, und ich sah, wie sie sprach und sprach, und wie er horchte, den Kopf ihr zugeneigt, als fürchte er, auch nur ein einzig Wort zu verlieren. An diesem Abend mußt' ich wieder weinen.

Der Sommer kam. Ich schleppte mich nur noch mühsam die hohen Treppen herauf und hinunter. Ich zählte nicht mehr nach Wochen, sondern nach Tagen. Meine Zimmer standen voll Junirosen.

Ich war noch einmal mit den Kindern in die Stadt gegangen, um zu besorgen, was ihnen für die Ferienreise zu ihrer Mutter noch fehlte. Als ich daheim die Sachen in den Koffer legte, dunkelte es mir plötzlich vor den Augen. Ein jäher Schmerz zog mir den Leib zusammen. Ich schlich ins Wohnzimmer und fiel meinem Mann, der erschrocken vom Schreibtisch aufgesprungen war, in die Arme. »Nun ist's so weit,« flüsterte ich und sah ihn glückselig an. Er schickte zu meiner Ärztin. Ich aber saß still im Lehnstuhl und spottete seiner Ängstlichkeit. Wie hätte ich mich auch nur einen Augenblick lang fürchten können! Wenn ich die Augen schloß, sah ich Großmamas gütiges Antlitz vor mir und hörte sie tröstend wiederholen, was sie mir früher so oft versichert hatte: Ein Kind gebären ist das leichteste von der Welt. Aber der Abend kam und die Nacht, — ich wartete noch immer. Und am folgenden Tag war ich zu schwach, um vom Bett aufzustehen, und in der Nacht standen zwei Ärztinnen um mein Bett, und Heinrich wich nicht von mir. Ich allein spürte nichts von Angst; wenn ich vor Schmerzen stöhnte, so war mir's, als wäre ich's nicht.

Am Morgen des dritten Tages strahlte der Himmel in wolkenloser Pracht; von der Gedächtniskirche herüber klang tiefer Glockenton, und von allen Seiten antworteten ihm hellere Stimmen. »Es will ein Sonntagskind sein,« flüsterte ich lächelnd dem Liebsten zu, der neben mir saß, und an den ich mich klammerte, wenn es gar zu wehe tat.

»Und in der Johannisnacht geboren werden,« hörte ich wie von ferne sagen. Müde sank ich in die Kissen. Mir träumte von den Bergen, die zum Himmelszelt stolz ihre weißen Häupter heben, und von grünen Matten, die sich zart und weich zu Füßen grauer Felsen schmiegen. Und ich sah, wie alle Spitzen zu glühen begannen, als hätten sich die Sterne auf sie her niedergesenkt, und von allen Hügeln die Flammen loderten. Plötzlich aber war mir, als stünde ich selbst auf dem Scheiterhaufen, — schon züngelte das Feuer an meinem nackten Körper empor, — ich schrie laut auf — —