Nichts ist gefährlicher für den Altruismus, als die mit Egoismusbazillen gefüllte Luft häuslicher Gemütlichkeit. Nur die ganz Starken, Widerstandsfähigen entziehen sich der Ansteckung.
Die Vorkämpfer der Menschheit waren fast immer die Heimatlosen.
Aber auch meine Körperkräfte hinderten mich oft an der agitatorischen Tätigkeit. War ich genötigt, ein paar Abende hintereinander zu sprechen, so versagte meine Stimme. »Sie dürfen sich niemals in Rauch und Staub aufhalten,« sagte dann der Arzt und verordnete mir Schweigen und frische Luft. Meine robusten Genossinnen, für die die Atmosphäre der Versammlungssäle nicht schlechter war als die ihrer engen Stuben, ihrer überfüllten Werkstätten und Fabrikräume, hielten mich für schulkrank und mißtrauten mir mehr noch als früher.
Wir hatten im Winter einen Arbeiterinnenbildungsverein gegründet, — einen Notbehelf, da das Gesetz den Frauen die Teilnahme an politischen Organisationen untersagte und seine Handhabung den Arbeiterinnen gegenüber besonders streng war. Er wurde aber rasch zum Selbstzweck; die Frauen hatten ein lebhaftes Bedürfnis nach geistiger Aufklärung aller Art, und es war für mich eine Erfrischung, seinen Zusammenkünften beizuwohnen. Zwei Abende war schon über Erziehung gesprochen worden, und die Debatte bewies, mit wie viel Ernst, mit wie viel Eifer diese armen Arbeiterfrauen ihre Aufgabe als Mütter erfaßten.
Diesmal hatte ich Romberg genötigt, mitzukommen. Er war in bezug auf die geistige Entwickelungsmöglichkeit der Frauen sehr skeptisch, und so sehr er aus rein ökonomischen Gründen die Frauenbewegung für notwendig anerkannte, so war sie ihm doch nur eine traurige Notwendigkeit; was sie erstrebte, erschien ihm nicht als Fortschritt, sondern nur als eine unausbleibliche beklagenswerte Wandelung. Den Bildungshunger der »Waschfrauen und Näherinnen« hielt er nun gar für eine meiner unverzeihlichen Illusionen. Ich wollte ihm einmal statt Gründe Beweise liefern. Und allmählich schien er wirklich erstaunt. Eine kleine, adrett gekleidete Frau stand jetzt auf dem Podium. »Mein Mann ist Maschinenschlosser,« sagte sie, »wir haben nur zwei Kinder und soweit unser Auskommen, so daß ich nicht mit zu verdienen brauchte. Aber unser Junge ist ein heller Kopf. Da hab' ich mir gesagt: Der soll was Besseres werden als seine Eltern, der soll auch mal wissen, wie schön und wie reich die Welt ist, und nicht, wie wir, bloß durch so'n schmales Guckloch ein Endchen von ihr zu sehen kriegen. Und nun gehe ich wieder in die Fabrik, und der Fritze geht dafür aufs Gymnasium. Ich will mich nicht rühmen, daß ich's tu', ich möcht' nur jeder raten, es ebenso zu machen.«
In jener Impulsivität, die ich so sehr an meinem Mann liebte, stand er auf, um der tapferen kleinen Frau, die wieder ihrem Platz zuschritt, die Hand zu drücken. Romberg dagegen sagte: »Meinen Sie, daß der ›Fritze‹ als Geistesproletarier glücklicher sein wird!?« »Auf das Glück kommt es nicht an, sondern auf den Grad der sozialen Leistung, und die wird größer sein, wenn seine Begabung zu ihrem Rechte kommt,« antwortete ich rasch.
Ein junges Mädchen trat an unseren Tisch. »Genossin Brandt?« forschend sah sie mich an. — »Die bin ich.« — »Ich wollte Sie nur mal was fragen. Ich bin nämlich Dienstmädchen gewesen und habe eine Freundin, die noch Köchin is, und die hat mich neulich in den Dienerverein mitgenommen, wo sie jetzt wollen auch die Mädchens aufnehmen. Sie schimpfen aber dort alle gegen die Sozialen, und da wollt ich gern mal wissen, ob Sie nich mal könnten hinkommen —«
»Sie werden doch nicht!« flüsterte mir Romberg zu. »Verpflichte dich zu nichts,« sagte mein Mann leise.
»Selbstverständlich komme ich,« entgegnete ich der zaghaft vor mir Stehenden; ihr Gesicht erhellte sich; wir verabredeten alles weitere.
Beim Heimweg schalt mein Mann: »Du läßt dich von jeder beschwatzen, und alle spekulieren schließlich auf deine Gutmütigkeit.«