»Wenn diese kleine Begegnung zu einer Dienstbotenbewegung den Anlaß gibt, so wirst du anders denken.«

»Mir tut es in der Seele weh, wenn ich Sie in der Gesellschaft seh,« meinte Romberg. Er sah mich mit einem Blick an, der mich erröten machte. Wie töricht, — dachte ich gleich darauf, zornig über die eigene Schwäche, und doch blieb ich den ganzen Abend über im Bann jener Frauenfreude, die belebend wirkt wie prickelnder Champagner: der Freude an der Bewunderung. Alix von Kleve stieg aus der Versenkung ernster Jahre empor und sonnte sich an altvertrauten Triumphen. In meinen Verkehr mit Romberg trat ein neuer Reiz: er ließ es mich fühlen, daß das Weib in mir ihn anzog und nicht nur die neutral-interessante Persönlichkeit. Es gibt Frauen, die angesichts solcher Erfahrung die Beleidigten spielen. Sie lügen.

»Ich drehe dir den Hals um, wenn du dir von Romberg die Kur machen läßt,« grollte Heinrich, als wir zu Hause waren, zwischen Scherz und Ernst. Ich flog ihm in die Arme. »Hast du mich wirklich so lieb?« lachte ich. Er zog mich stürmisch an sich: »Dich, dich hab' ich lieb,« flüsterte er leidenschaftlich, »das süße Katzel, — meinen Schatz; — die berühmte Frau kann mir gestohlen werden ...«

In der ersten Morgenfrühe weckte mich ein wilder Schrei. »Aus Minnas Stube,« — sagte ich mir und stürzte hinunter. Sie lag in ihrem Blut, und als der Arzt kam, schwand mein letzter Zweifel: sie hatte gewaltsam die Folgen ihres Liebesverhältnisses beseitigen wollen.

An ihrem Krankenbett studierte ich die Dienstbotenfrage. Sie faßte Vertrauen zu mir. Ich erfuhr von diesem armen Leben, das von Kindheit an unter fremden Leuten in ständiger Unfreiheit, in ununterbrochener Dienstbarkeit verflossen war. »Was muß unsereiner doch auch haben, — was fürs Herz. Und wenn ich nicht getan hätte, was er wollte, — dann wär' er fortgegangen, — dann hätte er zehn für eine gefunden,« schluchzte sie.

»Warum heirateten Sie nicht?« wagte ich einmal einzuwenden. »Heiraten?! Womit denn?! — Arbeit hat mein Franz keine, — meine paar Spargroschen gab ich ihm, — und vor so einer Jammerwirtschaft in einem Loch auf'n Hof mit'n halb Dutzend Göhren graut's mich ...« Sie wurde von Tag zu Tag elender. Ihr Franz fragte nur einmal nach ihr. Als er hörte, daß sie krank sei, kam er nicht wieder. Ich mußte sie schließlich der schweren Pflege wegen, die ihr Zustand nötig machte, ins Krankenhaus bringen. Dort starb sie.

»Wir wollen die Harmonie zwischen Dienstboten und Herrschaften wieder herstellen ...« — »die Dienstboten allein können nichts erreichen, es gehören auch die Herrschaften dazu ...« — »den Arbeitern fehlt es heute an tüchtigen Hausfrauen, weil die Mädchen lieber in die Fabrik als in Stellung gehen, wo sie sich dazu vorbereiten könnten ...« Das waren die Leitmotive, unter denen die Versammlungen tagten, die der Dienerverein veranstaltete. Die wenigen weiblichen Dienstboten, die ihm schon angehörten, schlugen zwar zuweilen eine schärfere Tonart an, wenn die Erinnerung an all die erlittene Unbill sie überwältige, aber sie trugen schwarzweiße Kokarden und verwahrten sich nachdrücklich dagegen, mit der Arbeiterbewegung irgend etwas gemeinsam zu haben.

Ich verhielt mich während der ersten Versammlungen nur als Zuhörerin und erkannte bald, daß es dem Verein an Mitteln und Mitgliedern fehlte und er offenbar nichts wollte, als durch Hinzuziehung weiblicher Dienstboten diesem Übel abzuhelfen. Im Grunde fürchtete er schon, die Geister, die er gerufen, nicht los zu werden, denn sobald ein Mädchen ihre Erfahrungen gar zu rückhaltlos zum besten gab, trat irgendein Beschwichtigungsapostel ihr entgegen.

»Ich stelle den Antrag, daß wir uns der entstehenden Dienstbotenbewegung mit allem Nachdruck annehmen,« sagte ich, als ich wieder einmal mit den Genossinnen zusammenkam; »in jeder Versammlung müssen einige von uns anwesend sein. Wir dürfen die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, um diese rechtlosesten unter den Arbeiterinnen zum Bewußtsein ihrer Klasse zu erziehen. Wir müssen so bald als möglich eine selbständige Organisation gründen, damit sie dadurch dem Einfluß dieses grundsatzlosen Vereins nicht unterworfen bleiben.«

Aber je lebhafter ich sprach, desto kühler und zurückhaltender waren die anderen. »Genossin Brandt scheint nicht zu wissen, daß die Dienstboten kein Koalitionsrecht besitzen —,« meinte Martha Bartels naserümpfend.