Und ich sprach. Die Empörung in der Öffentlichkeit wuchs mit jeder Versammlung. Mit einer gewissen Ostentation zogen sich die Menschen von mir zurück. Aber die Bewegung war im Fluß und durch nichts mehr aufzuhalten. Wäre ich weise genug gewesen, der fachliche Erfolg allein hätte mich befriedigt. Aber noch war ich zu jung, war zu sehr Weib, um den Menschen und den Ereignissen mit der kühlen Objektivität reifer Politiker gegenüberstehen zu können. Im Grunde sehnte ich mich nach einem warmen, aufmunternden Wort seitens meiner Kampfgefährten, nach ein wenig freundlicher Anerkennung. Statt dessen begegneten sie mir stets mit gleicher Kühle, mit gleicher Zurückhaltung. Zu keiner einzigen entstand ein persönliches Verhältnis; je länger ich mit ihnen arbeitete, desto fremder schien ich ihnen zu werden.

»Ich bin aus Liebe zu euch gekommen, mit vollem Herzen und ganzer Kraft,« hätte ich sagen mögen, »warum stoßt ihr mich zurück?«

Ich kämpfte oft mit den Tränen, wenn ihr Mißtrauen mir immer wieder begegnete. Und nachher hörte ich, daß man über meinen Hochmut, meine Unnahbarkeit schalt. Im stillen hoffte ich, man würde mich diesmal zum Parteitag delegieren, aber ich wurde nicht einmal dazu vorgeschlagen. Martha Bartels sagte nicht ohne Betonung: »Wir bleiben natürlich dem Grundsatz treu, nur bewährte Genossinnen mit einer Delegation zu betrauen.« Darauf wurde die große, hagere Frau Resch gewählt; sie trug schon seit Jahren unermüdlich Flugblätter aus, und ihr Mann war eine Größe in der inneren Bewegung.

»Was kümmerst du dich um die Weiber!« meinte mein Mann ärgerlich, als ich ihm klagte. Und Ignaz Auer, der uns an einem schönen Septembersonntag besuchte, wiederholte dasselbe.

»Glauben Sie mir altem Knaster,« meinte er, und sein schönes blasses Gesicht nahm jenen rätselhaften Ausdruck an, der aus Sarkasmus und Melancholie zusammengesetzt war, »glauben Sie mir: solange ich denken kann, war bei den Frauen stets derselbe Krakehl, und wenn ich schon lange modere, wird's ebenso sein. Sie haben alle Untugenden der Unterdrückten in konzentriertester Form, und schwingt man nicht, wie die Wanda, ständig die Knute, so hat man verspielt. Seien Sie versichert: schon Ihr Aussehen vergeben Ihnen die Weiber nie.«

»Und doch sind Sie als Sozialdemokrat für die Gleichberechtigung der Geschlechter?« wandte ich ein. Er wehrte ab, mit einer vollendet geformten starken Männerhand, die aber durch ihre Blutleere an die eines Toten gemahnte. »Ich werd's ja, gottlob, nicht erleben!« sagte er. »Nach der Richtung hat die Wanda recht, wenn sie den Auer mit dem Bernstein, den Schippel und den Heine in einen Topf wirft: ich bin mehr für die Bewegung als für das Endziel.« So waren wir wieder bei dem Thema angelangt, in das jede Unterhaltung zwischen Parteigenossen zu münden pflegte.

»Der Parteitag in Hannover wird eine Klärung bringen,« meinte ich im Laufe der Unterhaltung.

»Eine Klärung?!« Er lachte kurz auf. »Ich muß Genossin Bartels wirklich recht geben: Sie sind noch nicht mandatsfähig! Glauben Sie wirklich, so tiefgehende Meinungsverschiedenheiten, die auf Unterschieden des Temperamentes, der Urteilskraft, der Bildung und der Lebenslage beruhen, ließen sich durch bloßes Handaufheben entscheiden?! Wir werden sie auch mit zehn Parteitagen nicht aus der Welt schaffen. Und wieder füge ich hinzu: Gottlob nicht! Es wäre nur ein Zeichen von Altersschwäche, wenn wir alle ja schrien. Die Hauptsache bleibt die Einigkeit im Handeln. Und um die ist mir nicht bange, — die zwingen uns unsere Gegner auf.«

»Die Meinungsverschiedenheiten wären gewiß kein Unglück, wenn nicht die Unduldsamkeit hinzukäme,« sagte mein Mann.

»Auch die ist noch nicht das Schlimmste. Wenn wir die eigene Ansicht für die richtige halten, so müssen wir doch konsequenterweise die falsche des Gegners bekämpfen,« entgegnete Auer. »Nur daß der Anders denkende immer gleich als ein hundsgemeiner Kerl gebrandmarkt wird, — das ist bitter.« Er verabschiedete sich. Er fürchtete sichtlich, sich zu Klagen und Anklagen hinreißen zu lassen. An der Gartentür blieb er stehen, ein spöttisches Lächeln kräuselte seine Lippen: »Wenn Sie übrigens ein Mandat haben wollen, Genossin Brandt, — ich verschaff' es Ihnen. Die liebe Wanda und ihre Leibgarde ein wenig zu ärgern, macht mir Spaß. Sie müssen sich nur nachher zur Agitation in dem betreffenden Kreis verpflichten.« Ich schüttelte den Kopf. Mir widerstrebte die Sache.