»Nimm's an, Alix,« mahnte mein Mann, »so zeigst du am besten, daß du von der Gnade der berliner Frauen nicht abhängig bist.«

»Sie können's tun, — ganz ohne Gewissensbisse. Sowas haben auch die obersten Halbgötter nicht verschmäht.« Zögernd sagte ich zu. Es war mir nicht wohl dabei, so sehr ich auch gewünscht hatte, einem Parteitag, und vor allem diesem, beizuwohnen.

Kurz ehe wir abreisten, kam meine Mutter zurück. Sie schien um ein Jahrzehnt verjüngt. »Ich bleibe bei dem Kleinen, während ihr fort seid,« sagte sie; »das wird mein bedrücktes Gewissen etwas erleichtern, — nach diesen selbstsüchtigen Monaten!«

Wir mußten ihr nun auch von unserer Absicht, das Haus zu verkaufen, erzählen. »Das ständige Hin- und Herfahren zerrüttet unsere Nerven,« sagte ich leichthin, »ich müßte auf die öffentliche Tätigkeit verzichten, wenn wir draußen bleiben wollten.«

Sie sah von einem zum anderen in stummer sorgenvoller Frage. »Es ist wirklich so, Mamachen —,« ver sicherte ich lächelnd. Sie schüttelte fast unmerklich den Kopf und fragte nichts mehr.

Zwischen schmalen Gassen und engen Höfen, fern jenem modernen Teil der Städte, der auch in Hannover ebenso elegant wie charakterlos ist, liegt eine große dunkle Halle, der Ballhof genannt. Vor Zeiten warfen hier Kurfürsten, Prinzessinnen und Könige einander im graziösen Spiel ihre Bälle zu, bis mit schwerem Schritt und ernstem Gesicht einer kam, dem Spielen fremd war: der Proletarier. Hellere Räume suchten die Fürsten für ihre Freuden; er nahm für seine Arbeit, was sie übrig ließen: die dunkle Halle. Mit frischem Grün waren ihre Pfeiler umwunden, hinter purpurroten Fahnen verschwanden die alten schmucklosen Wände. Das Parlament der Arbeiter tagte hier. Draußen lachte die Oktobersonne, drinnen brannte über den langen Tafeln künstliches Licht, das auf alle Gesichter scharfe Schatten zeichnete, sodaß sie finster und feindselig erschienen. Dumpf hing die Luft im Raum; der Atem der Jahrhunderte war hinter den winzigen Fenstern gefangen geblieben. Er beengte die Brust.

Lange vor dem Beginn der Verhandlungen war der Saal schon gefüllt. Anschwellendes Stimmengewirr, Stühlerücken, Rascheln von Papier, — jenem Papier, daß alle Süßigkeiten und alle Gifte der Welt auszuströmen vermag, — bildete die in ihren ungelösten Disharmonien aufreizende Ouvertüre. Zeitungsblätter wurden hin- und hergezeigt: »Bernstein Apostata« stand über dem einen Artikel, »Reinliche Scheidung« über einem zweiten; »wir werden mit dem Revisionismus fertig werden, oder wir sind fertig,« hieß es an einer rot angestrichenen Stelle, »die Genossen im Reich erwarten eine klare Entscheidung,« an einer anderen. Von der unausbleiblichen Spaltung der Partei sprachen frohlockend bürgerliche Zeitungen; in linksliberalen Blättern begrüßten Kathedersozialisten die Anhänger Bernsteins als die ihren.

Bureauwahl. Es hörte kaum jemand zu. Paul Singer war anwesend, das Präsidium also von vornherein in guten Händen. Die Begrüßungsreden der Ausländer dämpften das Stimmengewirr im Saal. Frankreich, wo der Dreyfus-Skandal noch im Mittelpunkt des Interesses stand, wo Millerand, der Sozialdemokrat, mit Jaurès ', des Sozialdemokraten, ausdrücklicher Zustimmung das in den Augen der deutschen Radikalen unverzeihliche Verbrechen begangen hatte, in das Ministerium einzutreten, — Seite an Seite mit Gallifet, dem Mörder der Kommune, — war nicht vertreten. Des alten Liebknecht heftige Angriffe auf die Genossen jenseits der Vogesen mochte an dieser Zurückhaltung nicht ohne Schuld sein.

Die Verhandlungen begannen. Mit ungeduldiger Hast wurde ein Punkt der Tagesordnung nach dem anderen erledigt. Alles drängte dem Hauptthema des Parteitages zu. Und selbst mitten in die nebensächlichsten Debatten hinein blitzte schon das Wetter der kommenden Tage.

»Sie stehen bereits mit der Brandfackel an unserem Scheiterhaufen —,« sagte einer der Revisionisten neben uns.