Geheimnisvoll und spiegelklar, wie immer, lag der See vor uns. Vor dem kleinen Wirtshaus, das damals noch bescheiden an seinem Ufer lag, saßen nur wenige Touristen.

»Jetzt wollen wir uns erst gütlich tun und den schlabbrigen Tee herunterspülen,« sagte Helmut und bestellte Tiroler Wein, mit dem wir lustig unsre neue Freundschaft leben ließen. Als der Diener im Hintergrund, vertieft in die »Fliegenden«, ruhig vor seinem Seidel saß, schlichen wir davon. Die Abneigung gegen irgendwelche Beaufsichtigung, die Helmut dadurch bekundete, steigerte meine Sympathie für ihn. Er löste den Kahn selbst von der Kette, und wir ruderten, glückselig über unsre gelungene Kriegslist, in den See hinaus. Bald kamen wir in lebhafte Unterhaltung; Helmut erzählte mir von Berlin, wo er wohnte, und wo ich nun bald hinkommen sollte, soviel des Schönen und Interessanten, daß meine Abneigung dagegen sich rasch in erwartungs volle Neugierde verwandelte. Die uns zugestandene Stunde war längst verstrichen, als heftige Rufe vom Ufer her uns zur Rückkehr mahnten. Die ganze Familie war dort versammelt: unsere Mütter, die Tante, das schadenfroh lächelnde Prinzeßchen, — und wir wurden mit Vorwürfen überschüttet, kaum daß wir das Boot verlassen hatten.

»Mach dir nichts draus,« flüsterte Helmut und wandte sich mit eleganter Verbeugung meiner Tante zu. »Alix ist unschuldig, Frau Baronin,« sagte er lächelnd, »sie wollte nicht ohne den Diener fahren und mahnte dann unausgesetzt zur Rückkehr.« Mit einem raschen dankbaren Blick lohnte ich Helmuts Ritterlichkeit, und mit einem herzlichen »Aufwiedersehn« schieden wir.

Auf dem Wege heimwärts konnte die Tante es nicht unterlassen, ihrer Befriedigung über den »passenden Verkehr«, den ich nun endlich gefunden hätte, und ihrer Hoffnung Ausdruck zu geben, daß er mich hindern würde, weiter »mit den Dorfbuben herumzuschlampen«. Das empörte mich, und ich nahm mir vor, ihre Hoffnung auf das gründlichste zu täuschen. Schon am nächsten Tag lief ich in aller Frühe mit dem Sepp in die Wälder und ließ mich nur grade zu den Mahlzeiten sehen. Aber ganz so wie ehemals wurde es trotzdem nicht mehr. Wir fuhren oft nach Partenkirchen hinauf, wo die Prinzessin eine Villa besaß, und sie kam häufig ins Rosenhaus. Vergebens hatte ich versucht, meine alten Freundschaften mit meiner neuen in Einklang zu bringen; Helmut kehrte dem Sepp und seinen Kameraden gegenüber zu sehr den Herren heraus, so daß sie sich fern hielten, wenn er da war. Auch sonst war irgend etwas nicht mehr so recht in Ordnung; wie mir die Adern stets hoch auf zu schwellen pflegen, wenn ein Gewitter im Anzuge ist, so empfand ich auch seelischen Atmosphärendruck mit peinvoller Sicherheit.

Meine Tante und meine Mutter hatten sich nie gemocht. Sie waren beide gewöhnt, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen: die eine um ihrer Schönheit und Vornehmheit willen, die andere ihres Reichtums und der unangefochtenen Selbständigkeit ihrer Stellung wegen. Schmeichelei und Unterwürfigkeit begegneten der Baronin Artern auf Schritt und Tritt; jeder, der von ihr etwas erreichen wollte — und wer hätte das nicht gewollt! —, beugte sich ihrem Willen und ihren Ansichten. So kam es, daß sie allmählich Widerspruch überhaupt nicht mehr ertrug ... Um mit ihr auszukommen, mußte man Ja und Amen zu allem sagen, was sie behauptete, — oder schweigen. Meine Mutter schwieg, aber sie schwieg mit allen Zeichen inneren Widerspruchs: einem sarkastischen Lächeln, einem hochmütigen Achselzucken. Das reizte die Tante; was sie jedoch weit mehr reizte, war der Schwägerin unzweifelhafte Vornehmheit, die kein Reichtum und keine Toilettenpracht ersetzen konnte. Daß ihre Mutter einer einfachen Bürgerfamilie entstammte, das war für sie ein dunkler Punkt ihres Lebens, und in ihr lebte etwas von jenem Pöbelhaß, der stets das eine Ziel verfolgt: Rache zu nehmen an den Vornehmen. Sie tat es in grober und feiner Weise: sie ließ in Gegenwart meiner Mutter das Licht ihres überlegenen Geistes am hellsten strahlen; sie zeigte ihre vollendete Meisterschaft am Klavier und ließ in ihrer dunkeln Altstimme alle Skalen der Leidenschaft vor dem entzückten Zuhörer tönen. Genügte ihr das nicht, um meine Mutter, die nichts Gleichwertiges zu bieten hatte, in den Schatten zu stellen, so griff sie sie an ihrer schwächsten Stelle an: ihrem preußischen Patriotismus. Wie oft ging meine Mutter mit hochrotem Kopf und zusammengepreßten Lippen hinaus, wenn die Schwägerin wieder einmal preußische Sitten, preußische Ansichten, preußische Politik geringschätzig kritisiert hatte. Daß sie es trotzdem bei ihr aushielt, war nur ein Ergebnis ihres Pflichtgefühls: von der reichen, kinderlosen Frau hing die Gestaltung meiner Zukunft ab, ihr galt es Opfer zu bringen.

Eines Tages kam es zur Explosion. Meine Mutter machte irgend eine wegwerfende Bemerkung über die zweifelhafte Herkunft einer Dame, die eben, eine Wolke von Parfüm hinterlassend, die Terrasse verlassen hatte; die Tante widersprach und redete sich so in den Zorn hinein, daß sie schließlich Mama vorwarf, ihren eignen Mann beleidigt zu haben, denn nach der von ihr ausgesprochenen Ansicht, wäre auch seine Mutter »von zweifelhafter Herkunft«. Mama verteidigte sich; ein Wort gab das andere, Tante Klotilde spielte ihren letzten Trumpf aus, indem sie mit haßfunkelnden Augen hervorstieß: »Du am wenigsten hast ein Recht von zweifelhafter Herkunft zu sprechen. Weiß man doch, wer deine Großmutter war!«

Zwei Tage später verließen wir das Rosenhaus, nicht ohne daß vorher eine konventionelle Versöhnung stattgefunden hätte. Unsre Zeit war sowieso beinahe ab gelaufen, und das kalte, trübe Wetter, das meinem empfindlichen Halse schaden konnte, war Erklärung genug für unsre beschleunigte Abreise. Die Rosen am See waren längst entblättert; bis tief ins Tal hingen die Wolken, als das weiße Kirchlein mehr und mehr meinen Blicken entschwand. An einer Biegung des Wegs kam der Sepp gelaufen, einen Strauß von blauem Enzian in der Hand, aus dessen Mitte zwei große weiße Sterne leuchteten. »Von der Zugspitz,« stotterte er, auf die Edelweiß zeigend, dann brach ich in Tränen aus und weinte — weinte noch, als schon Garmisch weit hinter uns lag. Das Wetter hellte sich indessen allmählich auf, und wie ich von Weilheim aus rückwärts sah, lagen die Wolken, wie bezwungene Sklaven, tief im Tal, während die Berge, mit der glänzenden Silberkrone des Neuschnees auf ihren Häuptern, stolz und siegesbewußt gen Himmel ragten. Dies Bild nahm ich mit, und ich wußte: nie wird es mir entschwinden.

Papas Freude, als er uns in Berlin empfing, war grenzenlos. In unserm neuen Heim in der Hohenzollernstraße hatte er mir einen Aufbau von Geschenken vorbereitet, grade wie zu Weihnachten. Ich wagte zunächst gar nicht, mich zu freuen in Erwartung von Mamas bekannten, vorwurfsvollen: »Aber Hans!« Doch diesmal blieb es aus; stand doch mein guter Engel daneben: die Großmutter. Wie einst in Potsdam, so war sie jetzt mit uns in ein Haus gezogen; wir glaubten eines langen Aufenthalts in Berlin sicher zu sein.

»Ist mein Herzenskind aber groß geworden!« rief sie, mich gerührt in die Arme schließend. — Großmama, wie alt wurdest du, — hätte ich beinahe erwidert, wenn die Regeln der guten Erziehung mich nicht rasch genug daran gehindert hätten. Ihr glänzendes dunkles Haar war ganz grau, und tiefe Falten zogen sich von Nase und Mund herab. Sie schien mich auch ohne Worte zu verstehen, denn mit einem wehmütigen Lächeln sagte sie: »Ich bin jetzt eine alte Frau, mein Alixchen, — das Leben ist nur selten ein Jungbrunnen!«

War meine Stimmung jetzt schon gedämpft, so wurde sie noch mehr herabgedrückt, als ich mich umsah bei uns: alles kam mir beschränkter vor als sonst, fremde Leute wohnten mit uns im gleichen Haus, und statt des großen Karlsruher Gartens fand sich nur ein Vorgärtchen an der Straße, dessen Rasen man nicht zertrampeln, dessen Blumen man nicht abpflücken durfte. Ich frug nach August und nach den Pferden. Der Stall lag jenseits der Straße, Papa führte mich hinüber; meine Enttäuschung über diese Entfernung war groß, sie steigerte sich, als ich eintrat: unsre Goldfüchse waren fort, nur drei Pferde standen darin, ein fremder Reitknecht trat mir entgegen. »Weißt du, in Berlin gibt es so schöne Droschken, da braucht man Kutscher und Wagen nicht,« sagte Papa lächelnd, aber ich sah recht gut, daß seine Schnurrbartenden verräterisch zuckten und seine Harmlosigkeit Lügen straften. Ich biß mir auf die Lippen und ging nachdenklich nach Hause, und mehr als einmal zuckte ich angstvoll zusammen, wenn Papa — ein Zeichen seiner tiefen inneren Erregung — ohne besondere Ursache heftig wurde.