Bald darauf kam ich in die Schule, ein Privatinstitut in der Königin Augustastraße, das erst seit kurzem bestand und nur wenig Zöglinge hatte. Meine Groß mutter stellte mich der Vorsteherin vor, einer kleinen, dicken Dame mit fettglänzendem Gesicht und feuchten Händen, mit denen sie mir zu meinem Entsetzen die Backen tätschelte. Der erste Eindruck, den ich von den Stunden empfing, war der einer grenzenlosen Langenweile. Erst als man mich in eine höhere Klasse nahm, wo die Mädchen alle älter waren als ich, gewann die Sache mit dem Erwachen meines Ehrgeizes an Interesse. Der trockne Memorierstoff, auf den der ganze Unterricht hinauslief, vermochte mich freilich auch hier nicht zu fesseln, aber es den andern zuvortun, die Beste in der Klasse sein, — das spornte mich an. Und ich brauchte mich nicht einmal anzustrengen, um mein Ziel zu erreichen, denn ich lernte leicht und bekam immer die besten Noten. Meine Kameradinnen konnten mich deshalb alle nicht leiden, und ich hatte vor ihnen ein unbestimmtes Schuldbewußten, da ich überdies ihre Interessen nicht teilte, — spielte ich doch trotz meines großen Kochherds und meiner vielen Puppen nur selten mit dergleichen, und den Austausch bunter Oblaten, ein Hauptsport damals, fand ich albern, — so blieb ich ganz isoliert. Neben mir in der Klasse saß ein Mädchen, das mir zuerst auch nichts andres war, als eine Konkurrentin, durch die ich mich nicht überflügeln lassen durfte, und eine gefährliche dazu. Bald merkte ich, daß sie noch mehr gemieden wurde als ich, daß man sie mit Neckereien und Bosheiten verfolgte. »Judenmädel« stand einmal mit roter Tinte auf ihrem Pult, ein andermal mit weißer Kreide auf ihrem Mantel. Sie weinte stets, wenn sie es sah, wagte aber nicht, sich zu verteidigen.

Einmal, nach der Religionsstunde — wir hatten grade die Leidensgeschichte Christi durchgenommen — sah ich sie plötzlich inmitten der andern, die sie dicht umdrängten und auf ein gegebenes Zeichen gemeinsam losbrüllten: »Judenbalg hat Christus gekreuzigt — Judenbalg hat Christus gekreuzigt!« Dann tanzten sie im Kreise um sie herum, und auf ein »Eins, Zwei, Drei« der Anführerin spieen sie alle vor ihr aus. Ich kochte vor Wut und stürzte mich besinnungslos zwischen sie. »Gemeine Bande,« schrie ich, während sie überrascht auseinanderprallten, »schämt ihr euch nicht: zehn gegen eine?« — »Sie ist aber doch eine Jüdin,« knurrte die mir Zunächststehende. »Und wenn sie es ist — wißt ihr denn nicht, daß Christus auch ein Jude war?« gab ich zur Antwort. Dann wandte ich mich der noch immer Weinenden zu: »So heule doch nicht, Edith,« flüsterte ich, »sonst lassen sie dich gar nicht in Ruh.«

Von da ab befreundeten wir uns mehr und mehr. Wir waren beides einzige Kinder, die durch ihr stetes Zusammensein mit Erwachsenen reifer zu sein pflegen als andre; Bücher waren unsre Leidenschaft, und ein eifriger Austausch zwischen uns begann, gab auch stets neuen Stoff zur Unterhaltung. Wir wohnten überdies Haus an Haus, so daß wir unsern Schulweg zusammen machen konnten. Aber das sollte nicht die einzige Wirkung meines Eintretens für die Angegriffene sein. Eines Tages ließ mich die Schulvorsteherin zu sich rufen. »Du hast gesagt, Christus sei ein Jude,« fuhr sie mich mit zornigem Stirnrunzeln an, »wie kommst du dazu?« »Maria und Joseph,« stotterte ich in höchster Verlegenheit, »waren doch auch Juden, und — und David doch auch, von dessen Stamm er ist.« — »Christus ist Gottes Sohn, merke dir das,« schrie sie, wobei ihre Stimme sich überschlug, »und streue nicht Unfrieden in die gläubigen Seelen deiner Kolleginnen.« Ich schluckte krampfhaft an den aufsteigenden Tränen. »Ich sehe, du bereust deine Sünde,« sagte sie würdevoll, »so sei dir für diesmal vergeben,« und ihre feuchten Hände fuhren mir übers Gesicht. Am liebsten wär ich davongelaufen, aber meine Empörung über die gemeine Art, wie die Mädchen sich an mir gerächt hatten, hielt mich fest, und ich erzählte den ganzen Zusammenhang der Geschichte. Die Wirkung war für mich verblüffend. »Das ist ja natürlich sehr, sehr unartig von ihnen gewesen,« erklärte sie mit hochgezognen Augenbrauen, »entschuldigt aber in keiner Weise deine weit größere Sünde.«

Verwirrt und erregt trat ich den Weg nach Hause an. Religiöse Zweifel hatten mich noch nie gequält. Ich glaubte an den lieben Herrn Jesus, von dem Großmama mir immer erzählte, der die Unglücklichen tröstet, den Armen Hilfe, den Kranken Heilung bringt und die Kinder lieb hat. Daß Christi Gotteskindschaft von so ungeheurer Bedeutung sein sollte, — das war mir noch nie in den Sinn gekommen. Geradenwegs zu Großmama ging ich und erzählte ihr alles.

»Das hat Fräulein Patze gewiß nicht so schlimm gemeint, wie du das auffaßt,« sagte sie, »wir sind alle Gottes Kinder; wer aber, wie Christus, den Willen des Vaters in höchster Vollkommenheit erfüllt, der ist sein liebster Sohn.« Ich war zunächst beruhigt, merkte aber in den Religionsstunden mehr auf den Sinn der Worte als vorher und fühlte bald den Widerspruch zwischen dem, was dort gelehrt wurde, und dem, was Großmama sagte, heraus. Mein Herz und mein Verstand entschieden für sie, und für die Lehrerinnen blieb nichts als Geringschätzung übrig. Ich lernte zwar nach wie vor vortrefflich, aber für mein inneres Leben, für meine geistige Entwicklung blieb die Schule ebenso bedeutungslos, wie jede Art von Unterricht bisher.

Mein Schulerlebnis sollte auch nach andrer Richtung nicht ohne Folgen bleiben. Edith und ich waren natürlich noch mehr als früher aufeinander angewiesen, und oft genug hatte sie mich schon zu sich eingeladen, ohne daß es mir erlaubt worden wäre, der Einladung zu folgen. Erst nachdem sich Großmama ins Mittel gelegt und ich Papas Herz erweicht hatte, durfte ich zu ihr gehen. Es war alles sehr schön bei ihr, und ihre Eltern, die die Tochter nicht ohne Absicht in die vornehme Schule schicken mochten, wußten sich vor Freundlichkeit gar nicht zu lassen. Mein Besuch galt ihnen vielleicht als die erste Stufe zu dem Ziel, das ihnen für ihr einziges Kind vorschwebte, eine adlige Heirat, — denn er sollte den Verkehr mit aristokratischen Kreisen einleiten. Mir war es unbehaglich in der Nähe des Ehepaars: der Frau mit dem bei jeder Bewegung krachenden Korsett und den vielen Ringen auf den fleischigen Händen, des Mannes mit der dicken Uhrkette über dem Spitzbauch. Nach einem reichlichen Imbiß spielten wir ein Gesellschaftsspiel. Ich verlor, wie immer, — meine Ungeschicklichkeit in solchen Spielen war nicht leicht zu übertreffen, da meine Gedanken dabei stets spazieren gingen —, bekam aber trotzdem eine Menge der reizendsten Gewinne, unter denen ein kleiner Muschel wagen mit einem silbernen Ziegenbock davor das schönste war.

Daheim schüttete ich meine Schätze vor den Eltern aus, aber sie teilten meine Freude nicht; Papa räusperte sich heftig, und Mama kniff die Lippen zusammen. Und dann kams, das viel gefürchtete Ungewitter: sie warfen einander gegenseitig vor, daß sie mich zu der »protzigen Judensippschaft« gelassen hatten, die sich »erlaubte, dem Kinde solche Geschenke zu machen«. Schluchzend kroch ich in mein Bett. Ich durfte nie wieder hinüber. In der Schule ging ich Edith, die vergebens auf eine Gegeneinladung wartete und von den gekränkten Eltern nun wohl auch ihre bestimmten Instruktionen bekommen hatte, scheu aus dem Wege. Im sonntäglichen Familienkreis bei Großmama kam noch einmal die Rede auf die Geschichte. Tante Jettchen, ihre Schwägerin, der gefürchtete Kleinkinderschreck und Sittenwächter, geriet heftig aneinander mit ihr und erklärte schließlich kategorisch: »Juden sind kein Umgang für Mädchen, die eine Position in der Gesellschaft haben.« Manch einer lächelte verstohlen zu diesem Ausspruch, wußte man doch, daß sie um so empfindlicher war, was diesen Punkt betraf, als sie es nie verwinden konnte, daß Baron Wolkenstein ihr Schwiegersohn geworden war. Sein Ahnherr war Hofjude bei Friedrich dem Großen gewesen, und dieser hatte ihn mit der Bemerkung geadelt: »Machen wir den Kerl zum Baron, ein Edelmann wird doch nie draus.« Selbst in der vierten Generation hatte das Taufwasser die Erinnerung an den Familienstammbaum nicht zu verwischen vermocht.

Es war eine Ironie des Schicksals, daß mir als Ersatz für Edith Onkel Wolkensteins ältester Sohn Hermann als Spielkamerad zudiktiert wurde. Er war etwas älter als ich, in der Schule sehr zurückgeblieben, und ich sollte ihm zum Vorbild dienen. Wir kamen einander demnach nicht gerade mit liebevollen Gefühlen entgegen, vertrugen uns aber schließlich doch ganz leidlich. Auf der Erde in meinem Zimmer bauten wir Dörfer und Gutshöfe auf, die wir aus bunten Bilderbogen selbst ausschnitten. Hermanns Vater besaß ein Gut in Sachsen, so daß landwirtschaftliche Interessen ihm am nächsten lagen; die Erinnerung an Grainau zauberte mir alle Wonnen des Landlebens vor Augen und belebte mein Spiel. Wenn aber Hermann anfing, sich aufs Kaufen und Verkaufen von Vieh, Korn und Heu beschränken zu wollen, wobei er stets in den höchsten Eifer geriet, und ich Ediths Muschelwagen als Feenfahrzeug durch die Lüfte fliegen ließ, um den Menschen in meinen Dörfern alle möglichen Herrlichkeiten zu bringen, dann wars mit dem Frieden vorbei. Hermann liebte nur die »wirklichen« Geschichten, und ich erklärte seinen Handel für »ekelhaft«. Schließlich verschloß ich gekränkt den silbernen Ziegenbock in meinem Schrank, gerade, wie ich lernte, meine Träume für mich zu behalten. Es war nun einmal nicht anders mit den Menschen, philosophierte ich, jeder war immer nur für eine Seite meines Wesens zu brauchen; es galt daher, die andre zu verstecken, bis auch für sie die rechten Gefährten sich finden würden.

Mit einer Schar kleiner Mädchen und Knaben bekam ich in demselben Winter die ersten Tanzstunden, die abwechselnd in ihren Familien stattzufinden pflegten. Da saßen dann all die Mamas und Großmamas und Tanten ernsthaft im Kreise herum und musterten die junge Generation und spannen Zukunftspläne und wetteiferten mit unserm Tanzmeister, der uns besonders interessant war, weil er in »Flick und Flock« den großen Krebs zu tanzen pflegte, in der Ausübung ihrer Erziehungskünste. Sie konnten stolz sein auf ihr Werk: So gut wir französisch parlierten, so zierlich tanzten wir Quadrille und Polka, — der Walzer war als »unschicklich« zu jener Zeit in der Hofgesellschaft verboten —, und so tadellos war unser Hofknix. »Eine Position in der Gesellschaft« war uns gesichert, ja wir besaßen sie, dank unsrer Familienbeziehungen, schon jetzt. Mir war sie etwas so Selbstverständliches, daß jener Hochmut, der nur entstehen kann, wenn man sie als etwas Besonderes ansieht, der daher am sichersten den Emporkömmling kennzeichnet, bei mir gar nicht aufkam. So war mir die Ehrfurcht und die Bewunderung, mit der Edith mich über die Kindergesellschaften bei »Kronprinzens« auszufragen pflegte, immer komisch erschienen. Ich hätte wirklich nicht gewußt, was mich im kronprinzlichen Palais zum Bewundern und Verehren hätte bewegen können: die kleine unansehnliche Kronprinzessin, die mit der Miene einer Gouvernante unsre Spiele beaufsichtigte, der lustige Kronprinz, dessen derbe Späße die Märchenprinzenillusionen unsrer Kinderträume gar nicht aufkommen ließen, die einfachen, mit Spielzeug wenig verwöhnten Kinder, der Teetisch, auf dem ich bald aufgegeben hatte, etwas zu suchen, was Kindergaumen reizt, — es gab doch immer nur dieselben Albert-Kakes — das alles gab ein Gesamtbild, das der Glanz der Kaiserkrone nicht zu treffen schien. Ich ging nicht allzu gerne hin: Prinzessin Charlotte, die mir am besten gefiel, war viel älter als ich; Prinzessin Viktoria, mit der ich spielen sollte, hatte nur Spaß am Kommandieren, was ich mir nicht gefallen ließ, die jüngern Geschwister waren Babys in den Augen der bald Zehnjährigen. Kam Prinz Wilhelm dazu mit dem kurzen lahmen Arm und dem finstern Gesicht, so wurde mirs vollends unheimlich. Es war jedesmal ein Seufzer der Erleichterung, mit dem ich mich in die Kissen des Wagens lehnte, der mich heimwärts fuhr. Schön waren nur die großen Feste: das Baumplündern, die Kinderbälle, die Aufführungen. Wenn ich mit offnen Locken, im Spitzenkleid und Atlasschuhen die lichterstrahlenden Säle betrat und gnädig die ersten Huldigungen kleiner Kavaliere entgegennahm, — dann ging mir eine Ahnung vom üppigen Freudenmahl des Lebens auf, die mir alle Fibern mit Sehnsucht füllte. Bei einem solchen Fest war es, als Helmut mir entgegentrat und mir auf dem Wege zum Ballsaal den Arm reichte. »Wie eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht siehst du aus,« flüsterte er dicht an meinem Ohr. Tausend und eine Nacht! Heiß überflutete es mich! Und als wir uns dann im schimmernden Glanz der Kerzen, bei rauschender Musik im Tanze wiegten, war mirs, als hörte ich verlockend die Worte zu seiner Melodie: schön sein — herrschen — genießen!

Eine Kugel, die ich mir einst im Schloß vom Weihnachtsbaum herunterholte, und in der sich noch heute alljährlich die Lichter unsres Tannenbaums spiegeln, ist das einzige, was mir zur Erinnerung an jene Feste übrig blieb. Ich hielt sie damals für eitel Silber. Aber sie ist auch nur aus Glas und hat schon lange einen Sprung! ...