Im Frühjahr wurde ich krank. Wiederholte Schwindelanfälle waren der Anlaß gewesen, mich schon Wochen vorher aus der Schule zu nehmen. Dann bekam ich die Masern und lag lange Zeit zu Bett. Als ich wieder aufstehen durfte, konnte ich mich durchaus nicht erholen. Eine Herzschwäche war zurückgeblieben. Ich sollte viel an der Luft sein und war daher vor- und nachmittags im Zoologischen Garten, wo ich mit Großmama auf einer sonnigen Bank zu sitzen pflegte, die recht schmal gewordenen Hände müßig im Schoß, den Kopf, der mir immer so schwer war, hinten übergelehnt. Sie las mir vor und hatte sich zu dem Zweck eine besondre Art von Lektüre ausgewählt: Schilderungen der Jugendzeit bedeutender Männer, die sie ihren Lebensbeschreibungen und Selbstbiographien entnahm. Zwei davon machten mir einen unauslöschlichen Eindruck: die Napoleons und die Goethes. Wie der große Kaiser ein armer Junge gewesen war und sich dem niederdrückenden Einfluß von Not und Verlassenheit nicht nur nicht unterwarf, sondern beide ihm zu Mitteln seiner Stärke wurden, und wie der Genius des großen Dichters sich schon an des Knaben Puppentheater, vor den staunend aufhorchenden Freunden offenbarte, denen er seine Märchen erzählte, — wundervoll war es! »Das muß das Schönste sein im Leben, Großmama: zu sein wie ein Stern, der allen leuchtet« — sagte ich einmal nachdenklich. Und ihre Antwort tönt mir noch in den Ohren: »Den alle lieben, meinst du wohl, weil er alle wärmt!«

Legte sie das Buch weg, so erzählte sie von ihrer eignen Jugendzeit, die sie in der Stadt des Dichters, fast ständig in seiner Nähe, verleben durfte. Wie arm kam mir, mit der ihren verglichen, meine Kindheit vor! Ich konnte überhaupt gar nicht mehr recht froh werden. Es lag irgend etwas Dumpfes, Schweres in der Luft, das die Mienen immer verstörter, das Lachen immer seltner werden ließ. Selbst meines Vaters Humor versiegte mehr und mehr, und häufiger als je flüchtete ich vor seiner tobenden Heftigkeit zu Großmama hinunter. Aber auch sie war zerstreut und sorgenvoll, so sehr sie sich auch vor mir zusammen nahm. Jeden Morgen vertiefte sie sich in den Kurszettel, und die mir rätselhafte Bemerkung: »Die Lombarden fallen« störte unsre sonst so gemütliche Frühstücksstunde. Eines Abends hatte Papa meine Mutter aus irgendeinem geringfügigen Anlaß heftig angefahren, was mich immer ganz besonders entsetzte, und ich lief, so rasch ich konnte, davon, um mich verängstigt im tiefen Sessel von Großmamas Boudoir zu vergraben. Da hörte ich nebenan das Geräusch von Stimmen: Onkel Walter war tags vorher aus Ostpreußen angekommen und betrat mit Großmama in starker Erregung, wie es schien, den Salon.

Sie setzten sich zusammen auf das weiche, grüne Sofa, das mir so oft zum Schmollwinkel diente, und nun hörte ich jedes Wort ihrer Unterhaltung: Großmamas weiche, von aufsteigenden Tränen verschleierte Stimme, Onkel Walters hartes, durch die Aufregung immer rauher klingendes Organ.

»Du kennst unsre finanzielle Lage,« sagte sie. »Hans hat sein kleines Vermögen völlig verloren, und was Ilsens Mitgift betrifft, so fürchte ich das Schlimmste. Dazu haben sich meine Einkünfte bedeutend verringert, und ich muß mich jetzt schon sehr einschränken, um Ilse und Max, die beide Familie haben, nicht im Stich zu lassen. Du hast nicht Frau, nicht Kind, hast ein schönes Gut, — du solltest ohne weiteres auskommen.«

»Klotilde kann bei Hansens für dich eintreten,« entgegnete er.

»Klotilde!« Großmama seufzte. »Jede Inanspruchnahme ihrer Hilfe heißt Alixchens ganze Zukunft gefährden.«

Onkel Walter stöhnte schwer.

»Hast du noch etwas, was du mir verschweigst? — Sprich dich doch aus, mein Junge!« schmeichelte Großmamas Stimme.

Und nun kams, wie ein Sturzbach wilder, leidenschaftlicher Worte, die schließlich Großmamas leises Weinen so wehevoll begleitete, daß sich mir das Herz schmerzhaft zusammenzog.

Ich verstand nicht alles, aber die Hauptsache prägte sich mir ein: irgendwo in der Schweiz oder in Italien bei einer der vielen Spielbanken, die damals wie Pilze aus der Erde schossen, hatte Onkel Walter sehr, sehr viel Geld verloren, und in Pirgallen standen die Dinge schlecht, da die Heuernte wieder einmal durch Überschwemmungen zerstört worden war — »ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf, wenn du nicht hilfst,« schloß er außer sich. Ich schrie entsetzt auf. Großmama erhob sich, ich hörte ihre Kleider rauschen, duckte mich schnell tief in die Kissen und hielt den Atem an.