Der nächste Tag war der letzte meines Aufenthalts in Hannover, und mit einer Schleppjagd sollte an demselben Morgen der Kursus der Stabsoffiziere abgeschlossen werden. Schon früh um fünf Uhr fuhren wir, Frau von Behr und ich, im leichten Jagdwagen hinaus zum Rendezvous. Taufrisch lag die weite Heide vor uns, von Gräben und Hecken und von dem im Sonnenlicht glitzernden blauen Band der kleinen Witze durchschnitten. Zwischen Weidenstämmen und gelbem Ginster hatte sich eine große Gesellschaft zusammengefunden: junge Offiziere der Reitschule, Mädchen und Frauen der Gesellschaft in hellen Sommerkleidern, Burschen und Ordonnanzen mit Decken und Mänteln und der Koch des Kasinos mit seinem weißbeschürzten Stab vor dem mit Kisten und Fässern hochgetürmten Kremperwagen. Mit Feldstechern und Opernguckern bewaffnet, warteten wir alle der Reiter. Und plötzlich brauste es heran, wie ein farbensprühendes Märchen aus Tausend und einer Nacht: blau, grün, gelb, rot, weiß, — hatte ein Regenbogen sich dicht über die Erde gespannt?! Näher kam es und näher — das Schnauben der Rosse, das Sausen der Gerten, der vielstimmig-aufmunternde Zuruf der Reiter vereinten sich zu einem einzigen fiebrisch-wirbelnden, wild aufreizenden Ton. Da flog ein Brauner, den schlanken Leib lang gestreckt dicht vor mir über das Flüßchen, hinter ihm ein Fuchs — ein Schimmel mit wehendem Schweif kaum eine Nasenlänge weiter, und nun — zehn, zwanzig, hundert rassige Tiere, Schaum vor dem Maul, mit bebenden Nüstern, — mir klopfte das Herz, und noch minutenlang nachher fühlte ich nichts als die wundervoll-leidenschaftliche Erregung dieses Augenblicks. Dann lagerten wir auf dem grünen Rasen, duftige Erdbeerbowle kredenzten die Ordonnanzen, und mitten in der Schar dieser durch die eigene Leistung froh bewegten Männer kam ich mir einmal wieder wie zu Hause vor. Da fiel mein Blick auf einen, der mit verschränkten Armen und gefurchter Stirne abseits stand: Egidy, — und ich erwachte aus der Betäubung. Nein — hier war meinesgleichen nicht mehr, — ich erhob mich hastig aus dem lustigen Kreise und trat auf ihn zu.

»Ihre Worte kommen mir nicht aus dem Sinn« — sagte er, »ich ging nach Hannover in der Meinung, noch einmal fröhlich sein zu können, und überzeugte mich für immer, daß der Frohsinn gebannt ist und, — bleiben die ernsten Gedanken in meinem Schreibtisch —, nimmer wiederkehren würde. Und nun empfind' ich, daß die Veröffentlichung dem Frohsinn erst recht den Weg sperren wird.« Seine Stimme sank. Mit einer raschen Bewegung legte er die Hand vor die Augen: »Und es ist doch so schön gewesen!«

Ein Blick voll tiefem Abschiedsweh flog über die Haide, den schimmernden Fluß, die lachenden Kameraden. Mir wurden die Augen feucht. Ich griff nach seiner Hand. »Gehen wir,« sagte ich leise, »losreißen müssen wir uns doch — ehe die anderen uns verleugnen.« Und stumm, schweren Herzens, zögernd, als schleppten wir eine unsichtbare Kette nach, schritten wir durch den Wald zur nächsten Station.

Abends war ich wieder in Harzburg. Noch in der Nacht nahm ich mein schwarzes Büchlein aus dem Koffer, schrieb ein paar Zeilen dazu und sandte es frühmorgens an Egidy. Eine unbestimmte Hoffnung, daß er doch vielleicht der Befreier — auch mein Befreier — werden könnte, ließ mir das Herz dabei höher schlagen. Wenige Tage später bekam ich seine Antwort. »Wir sind Bundesgenossen,« schrieb er, »denn nicht darauf kommt es an, was wir glauben, sondern was wir sind; nicht darauf, wie wir uns nennen, sondern ob wir wollen, daß etwas werde. Ich rechne auf Sie. Zu wirken gilt es, solange es Tag ist, mein ganzes Dasein gehört diesem Wirken.

In wahrster respektvoller Ergebenheit
M. von Egidy.«

Nun verflossen meine Tage wieder in alter Einförmigkeit; aber ihr trübes Grau war wie Frühlingsnebel, der die Sonne ahnen läßt, und meine träge gewordene Phantasie griff wieder nach der Palette, um Zukunftsbilder zu malen. Ich konnte unsere Abreise kaum mehr erwarten. In Berlin würde der große Strom des Weltgeschehens die Rinnsale des Eigenlebens aufnehmen, das enge Beieinandersein innerlich entzweiter Menschen würde aufhören, und »das Wunderbare« würde vielleicht doch noch erlösend in mein Dasein treten.

Meine Mutter war, um Wohnung zu suchen, schon vorausgereist, als ich von Professor Fiedler, dem Herausgeber der Goethe-Zeitschrift, einen Brief erhielt. Er hatte sich nach Großmamas Tod zuerst an Onkel Walter gewandt, um zu erfahren, welche Erinnerungen ihr Nachlaß an den großen Freund ihrer Jugend enthielte, und dieser hatte ihn an mich verwiesen. Ob ich für seine Zeitschrift einen Artikel schreiben wolle, frug er, — ich staunte: wie kam es nur, daß ich bisher so blind gewesen war?! Die Lebende hatte mich ernst und eindringlich auf den Weg des Erwerbs gewiesen, und die Tote gab mir die Mittel an die Hand, durch die es mir möglich sein sollte, ihn zu betreten!

Gewiß, mit Freuden würd' ich den Aufsatz schreiben, antwortete ich; viele wertvolle Erinnerungsblätter von der Hand der Verstorbenen seien in meinem Besitz, die ich zu veröffentlichen die Absicht hätte, und überaus dankbar würde ich ihm sein, wenn ich dabei auf seine Hilfe rechnen könne. Umgehend erhielt ich noch einen Brief, worin mir der Gelehrte seinen Beistand zusicherte. Ich strahlte: das war ein Anfang, — der erste Schritt zur Unabhängigkeit, und vielleicht — zum Ruhm!

An einem jener leuchtenden Herbstabende, wie sie nur im Norden Deutschlands vorkommen, näherten wir uns Berlin. In hellem Violett, das hie und da ins Rosenrote überging, lag der Dunst der Großstadt über den Häusern, verwischte ihre Häßlichkeit und verlieh ihnen einen Schimmer phantastischen Lebens. Feuchtglänzende Schienenstränge liefen vor uns her und dehnten sich nach allen Seiten, — zahllose Polypenarme, die sich verlangend dem gewaltigen Ungeheuer der Stadt entgegenstreckten, das mit roten, grünen und weißen grell-glotzenden Augen gierig Ausschau hielt nach neuer Beute. Ein schwarzer Rachen, öffnete sich die Halle des Bahnhofs. Mit Gezisch und Geratter brauste der Zug hinein — Rauchschwaden stiegen auf — ein letztes Ausatmen seiner Maschine — ein kurzer, harter Stoß noch — und Berlin hatte ihn verschlungen. Aufgeregt, rücksichtslos, erwartungsvoll schoben und drängten sich die Menschen. Mir aber war, als müßten meine Füße den grauschwarzen Asphalt sanft und schmeichelnd berühren: Neuland war es, das ich betreten hatte.

Sechzehntes Kapitel