Berlin, 28. 12. 90
Liebe Mathilde!
Du beklagst Dich über mein monatelanges Schweigen, und solltest doch froh sein, daß ich Dich während einer Zeit innerer und äußerer Zerrissenheit mit Briefen verschonte. Womit ich nicht behaupten will, daß ich Dir jetzt das Bild abgeklärter Weisheit geben könnte. Aber ich habe zum mindesten den Taumel überwunden und sehe das Verwirrende, Vielgestaltige des neuen Lebens. — Doch Du willst zunächst seinen Rahmen kennen lernen. Er ist — um ihn mit zwei Worten zu kennzeichnen — bronzierter Gips, den der Fremde für vergoldete Holzschnitzerei zu halten verpflichtet ist. Wir wohnen — natürlich! — im ›vornehmen‹ Westen, aber an jener Grenzscheide, wo die neuesten Mietskasernen mit ihren dunkeln Höfen und protzigen Fassaden sich mit den Kartoffelfeldern begegnen. Unsere Wohnung hat einen Aufgang ›nur für Herrschaften‹ und ist selbstverständlich ›hochherrschaftlich‹: über den Türen tanzen Stuckamoretten mit verrenkten Armen und Beinen, die Öfen sind Prachtgebäude aus den buntesten Kacheln, das Eßzimmer — ein wahrer Tanzsaal — hat Holzpaneele und eine Holzdecke aus Papier, der Salon weist gar eine imitierte Seidentapete auf, die der Wirt uns als ganz besonders ›vornehm‹ anpries, und das Herrenzimmer prunkt im papierenem Leder! Dazu hat der Tapezier die Gardinen von acht Zimmern an die Fenster und Türen dieser drei Räume gehängt, so daß die Üppigkeit eine geradezu überwältigende ist und unsere verschossenen Möbel und zertretenen Teppiche in einem vorteilhaften Zwielicht Glanz und Reichtum vortäuschen. Die nüchterne Wahrheit beginnt erst mit dem langen dunkeln Korridor, an den sich drei Kammern — Schlafzimmer genannt — anlehnen. Eine davon bewohne ich. Es ist mir gelungen, sie mittelst Kretonnevorhängen in zwei Räume zu verwandeln, die sich freilich beide mit einem Fenster begnügen müssen und von der Existenz des Himmels keine Ahnung haben, geschweige denn von der der Sonne.
Und doch muß zwischen meiner Seele und der Sonne irgendein geheimnisvoller Zusammenhang bestehen: mein Denken und Fühlen friert ein ohne sie. Wenn ich arbeiten will, muß ich darum immer zuerst über Felder und Sturzäcker laufen, wo kein Haus und kein Baum Schatten werfen. Trotzdem will meine Arbeit nicht so recht hell und warm werden ...
Bald nach unserer Ankunft besuchte uns Professor Fiedler. Mein Artikel über Großmamas Goethe-Erinnerungen gefiel ihm — unter uns gesagt: mir gar nicht! —, und für alles, was ich sonst noch von ihr habe, war er aufs höchste interessiert. Er empfahl mich an Rodenberg, an Lindau, an Westermanns Monatshefte, und ich habe auf Monate, vielleicht auf Jahre hinaus zu tun, ohne daß der Eintritt in die Literatur mir irgendwelche Schwierigkeiten gekostet hätte. Auch sonst bin ich vom ›Glück‹ begünstigt: Meine Brennarbeiten hat der Offizierverein zum Verkauf angenommen, und meine Erfindung — die Vereinigung von Brennen und Malen auf Sammet und Tuch — hat eine Frauenzeitung geschildert und mich dabei als Verfertigerin empfohlen. Ich habe meinen Eltern infolgedessen das Taschengeld schon ›kündigen‹ können, und dieser erste Schritt zur Selbständigkeit ersetzt mir etwas den Mangel an seelischer und geistiger Befriedigung. Da ich den Eltern überdies durch Schneidern, Putzmachen und Gouvernantenspielen bei Ilse ein Mädchen für alles und ein Fräulein erspare, so kann ich mir einbilden, mich bereits selbst zu erhalten. Nur daß dies bloße Erhalten des Lebens vom Leben selbst weit entfernt ist.
Ich sehe dich heimlich lächeln. ›Ihr fehlt einmal wieder der Mann,‹ sagst Du. Du irrst: ich komme mir mit meinen 25 Jahren so alt vor, daß ich bereits großmütterlich mitleidig lächle, wenn andere von Liebe reden. Besinnst Du Dich auf Vetter Fritz in Brandenburg? Du warst damals sittlich entrüstet, daß ich dem guten Jungen den Kopf verdrehte. Nachdem er in den letzten acht Jahren meinen Geburtstag nicht einmal vergessen hatte, stellte er sich hier wieder bei uns ein, — noch immer derselbe kindliche Mensch, trotz seiner Gardeulanenuniform. Mit Blumen und Blicken wirbt er um mich, und seine Treue rührt mich oft so, daß ich mich frage, ob es nicht das Beste wäre, seine Frau zu werden. Dann hätte die liebe Seele Ruhe, und allen Ambitionen und Befreiungsgelüsten wäre ein für allemal ein Riegel vorgeschoben. Die gesamte Familie — die durch Onkel Walters und Maxens, durch Tante Jettchen und ihre Kinder und Enkel erschreckende Dimensionen angenommen hat — unterstützt natürlich im stillen die Sache, und das reizt mich zum Widerspruch.
Na, überhaupt die Familie! Die Familiensonntage vor allem, wo man sich mittags und abends genießt, meist fünfzehn bis zwanzig Mann hoch! Nur eins ist für mich dabei wohltuend: daß ich mich wieder einmal so recht intensiv als das einzige schwarze Schaf empfinde.
Seit Stöckers Abschied ist der Antisemitismus geradezu epidemisch geworden, gerade so, wie der Kultus Bismarcks — wenigstens in den Kreisen meiner lieben Verwandtschaft — erst nach seinem Sturz ins Kraut schoß. Und ein Staatsanwalt würde Karriere machen, wenn er das Geschimpfe auf S. M. mit anhören könnte, — vorausgesetzt, daß die Delinquenten nicht preußische Edelleute, sondern internationale Sozis wären! Der adlige Klub am Pariser Platz, wo nur die Alleredelsten der Nation aufgenommen werden und Papa und die Enkels täglich verkehren, ist der Mittelpunkt der Fronde; Ströme von Skandalosa fließen aus seinen Türen in die Welt, und ich könnte aus lauter Widerspruchsgeist — der zuweilen zur Objektivität erzieht — fast zur Verteidigerin des ›neuen Herrn‹ werden, wenn er nicht selbst der sich kaum schüchtern entwickelnden Anerkennung immer wieder einen Fußtritt gäbe, so daß sie zusammenknickt wie ein Veilchen unter dem Nagelschuh. Du kannst Dir denken, wie es mich z. B. begeisterte, als er in der Schulreform die Initiative ergriff, und welche Hoffnungen ich an die Konferenz knüpfte. Und dann stellte ihr S. M. keine andere Aufgabe, als die Schule in ein Kampfmittel gegen die Sozialdemokraten zu verwandeln und blindwütigen Hurrapatriotismus noch mehr als bisher zu verbreiten. Natürlich bestand die Antwort der zusammengerufenen ›Führer der Jugend‹ in devotester Verbeugung vor dem allerhöchsten Willen, und befriedigt von dem ›Erfolg‹ des ›offenen‹ Gedankenaustausches schloß S. M. die Versammlung mit einer Verbeugung seinerseits vor der Kirche.
Für Egidy war dies Ereignis, seit er den Abschied bekam, wohl der größte Schmerz. Ich stehe mit ihm in Briefwechsel, und so sehr ich mich im Gegensatz zu vielen seiner Grundanschauungen befinde, genieße ich diese lebens- und glaubensstarke Individualität, wie ein Durstiger frisches Quellwasser. ›So schwer auch die Gegenwart mich belastet,‹ schrieb er mir kürzlich, ›so kraftvoll ich auch ringen muß, um die Erinnerung niederzukämpfen, die gerade in diesen Tagen furchtbar an mir zehrt, da das Regiment, das acht Wochen nach dem Erscheinen der Ernsten Gedanken das meine werden sollte, sein Jubiläum feiert, — so beseelt mich doch die Hoffnung, daß ich dem Vaterlande, der Welt noch dienen kann, und daß das, was ich tat, nicht fruchtlos war. Auch auf den Kaiser ist meine Hoffnung unzerstörbar, — es gilt nur sein Ohr zu erreichen....‹
Doch ich sehe, daß mein Brief sich zu einem Buch auszuwachsen beginnt, — hoffentlich ein Beweis für die künftige Regsamkeit unseres Briefwechsels.