»Auch ich will, daß etwas wird,« antwortete ich ihm, »aber ich sehe nicht, daß wir, die wir jede gewaltsame Durchsetzung neuer Zustände ablehnen, dieses Werden anders fördern können, als durch ›reden‹, ›erziehen‹, ›predigen‹, das heißt durch Verbreitung neuer Ideen. Sie tun doch auch nichts anderes! Und Sie werden mir gewiß zugeben, daß Reden — ›bloß reden‹ (!) — eine mutigere und an Folgen reichere Tat sein kann, als Schlachten schlagen. Auf diese Folgen kommt es an, sagen Sie, und wieder finden Sie mich auf Ihrer Seite. Wenn ich aber wirklich zuweilen traurig — niemals lächelnd! — den Kopf schüttele, so nur deshalb, weil ich überzeugt bin, daß die Folgen der von Ihnen ins Leben gerufenen Bewegung größere sein würden, wenn Sie sich anderer Mittel bedienten. Die ursprüngliche Lehre Jesu mag mit Ihren Ansichten übereinstimmen — das zu entscheiden wäre Sache gelehrter theologischer Forschung —, aber das, was heute die ganze Welt unter Christentum versteht, ist etwas im Laufe der Jahrhunderte historisch Gewordenes, das umzustoßen viel mehr Zeit, viel mehr Kraft erfordern würde, — falls es überhaupt möglich ist! —, als neue Werte unter neuem Namen in die Köpfe und Herzen zu pflanzen ...«
Aber all unsere Auseinandersetzungen, in denen wir im Grunde mit größerer Leidenschaft um einander, als um Ideen kämpften, blieben fruchtlos. »Also — ich reite allein!« schrieb mir Egidy in einem Augenblick, wo wir, wie erschöpft vom Kampf, mit gesenktem Degen stumm voneinander gegangen waren, »aber — den Glauben dürfen, richtiger: können Sie mir nicht rauben, daß Sie und ich im kleinsten Finger dasselbe meinen; ich habe Sie erfaßt, nur Sie mich nicht! Warum? ich werde es Ihnen einmal sagen, — nicht schreiben; ich habe ein ganz klares Bewußtsein davon ...«
Glyzcinski gegenüber gab ich meinem Unmut über das Vergebliche meines Bemühens lebhaften Ausdruck. Er selbst hatte ursprünglich auf Egidy, als einen unserer künftigen Mitkämpfer, außerordentlichen Wert gelegt. Allmählich grub sich eine kleine Falte zwischen seine Brauen, wenn ich von ihm erzählte. »Sie sollten Ihre Kräfte nicht länger an eine verlorene Sache verschwenden,« meinte er dann. Aber ich konnte mich um so weniger beruhigen, als mir ein Zusammenstoß zwischen den beiden Bewegungen unvermeidlich schien, je mehr sie an Bedeutung gewannen.
Einer der Leiter der Ethischen Gesellschaften Amerikas war auf Glyzcinskis Veranlagung nach Berlin gekommen, seine Vorträge hatten große Aufmerksamkeit erregt und im Kreise der Intellektuellen lebhafte Debatten hervorgerufen. Ich sah, wie schmerzlich Egidy und seine Anhänger das Auftreten des Ethikers empfanden. An den folgenden Dienstagabenden drängten sich die Menschen mehr als sonst in den Salons der Spenerstraße; die hektisch geröteten Wangen vieler Besucher verrieten ihre krankhaft gesteigerte Aufregung; und welcher Gruppe ich mich auch näherte: die Plaudernden verstummten oder stoben scheu auseinander.
»Man hat Sie als Spitzel der Ethischen Bewegung verdächtigt,« sagte lachend Wilhelm von Polenz, ein treuer Freund und ständiger Gast des Egidyschen Hauses, den ich um Aufklärung bat. »Bande!« — stieß ich zwischen den Zähnen hervor. »Sie haben mit Ihrer Bezeichnung, fürcht' ich, mehr recht, als Sie ahnen,« — des jungen Dichters Züge waren ernst, fast traurig geworden — »es ist ein Jammer, daß unser Freund diese Umgebung hat und duldet. Aber es muß anders werden!« fügte er nach einer Pause hinzu. »Ich denke an solche, die fähig und würdig sind, Träger seiner Ideen zu sein, und die — vielleicht unbewußt — nach Vertiefung und Bereicherung ihres Innenlebens lechzen: an unsere jungen Künstler und Literaten.« Egidy begann zu reden und unterbrach unser Gespräch. Meine Gedanken waren aber noch dabei; Polenz hatte recht, ganz recht: die Dichter der »Ehre«, der »Familie Selicke«, des »Vor Sonnenaufgang« waren unsere geborenen Mitkämpfer. Unsere?! — die der Ethischen Bewegung natürlich!
»... Jetzt haben die Ethiker den Triumph, daß Orthodoxe und Liberale ihnen Beifall rauschen,« hörte ich Egidys klare, scharfe Kommandostimme, »weil sie erklären, die allgemein menschliche Moral zu vertreten und den religiösen Glauben des einzelnen nicht tasten. Ich aber muß es über mich ergehen lassen, daß man sich schaudernd von mir wendet, weil ich dem dogmatischen Christentum zu Leibe gehe. Ich sage Ihnen, daß ich jedem Dogma zu Leibe gehe, — aber mit offenem Visire, nicht so, daß man erst gar nichts Böses hinter mir ahnt und ich mich dann erst als Erzketzer entpuppe, sondern: erst Ketzer — dann ganzer und wahrer und Nur-Mensch, — — so sind noch nicht viele in die Schranken des öffentlichen Lebens eingeritten ...« Ein langer Blick traf mich, und irgend etwas Unbestimmtes — wars Ärger, wars Beschämung? — ließ mich erröten ... »Doch im Namen wahrer Religion tue ich es. Die Ethiker haben keinen Namen, der so alles in sich schließt, wie Religion. Hat man den Namen bisher mißbraucht, so soll man ihn jetzt zu Ehren bringen: Religion nicht mehr neben unserem Leben, unser Leben selbst Religion! Und diese Religion bezeichne ich mit dem Worte Christentum. Mögen die Ethiker es doch versuchen, mit einem anderen Wort etwas zu erreichen! Aufs Erreichen kommt es an, nicht auf den Widerwillen, den man gegen Begriffe und Worte hat, die achtzehnhundert Jahre lang der Deckmantel schnödester Frevel waren. Jetzt aber soll es anders werden. Wille wird! aber nicht, indem man das Banner fortwirft, und es der Menge überläßt, kopfscheu auseinander zu rennen, sondern indem man es höher denn je erhebt und mutig ausruft: Alle hierher! Eben entdecken wir erst, daß es noch nie richtig entrollt war — in den Falten, die man unseren Blicken entzog, steht ja ganz was anderes —, die ganze Menschheit soll dies Banner stützen, und nicht die Kirche!«
Es war sekundenlang still. Egidy hatte sich ein für allemal jede Beifallsäußerung streng verboten. Die Zunächststehenden sahen mich erwartungsvoll an. Das Herz klopfte mir bis zum Halse herauf — mir wurde heiß und kalt —, ich fühlte, ich mußte sprechen. Es dunkelte mir vor den Augen, die Angst schnürte mir fast die Kehle zu, — wie sollt' ich die Worte finden, wie reden, wenn all die vielen feindseligen Blicke mir entgegenblitzten?! Und doch: durft' ich zum erstenmal, wo die Gelegenheit sich bot, die große Sache zu verteidigen, — meine Sache! —, durfte ich feige schweigen?!
»Herr von Egidy stellte die Lage so dar, als ob es hieße: Hie Christentum — hie Ethik,« begann ich, die zitternden Hände krampfhaft auf die Stuhllehne vor mir stützend, »während wir alle, deren gleiches Ziel die Wohlfahrt der Menschheit ist, nicht die Verschiedenheiten unserer Anschauungsweisen hervorsuchen, sondern die Einheit unserer Aufgaben betonen sollten ...«
»Die Zerstörung der Kirche ist unsere Aufgabe!« rief eine krächzende Stimme dazwischen. Ich suchte einen Augenblick verwirrt nach dem zerrissenen Faden meiner Rede und fuhr dann fort. »Wir Vertreter der Ethischen Bewegung legen auf das gemeinsame Handeln den größten Wert und meinen, daß es weit richtiger ist, gegen Hunger und Not zu kämpfen, als gegen die Kirche ...«
Eine lebhaft gestikulierende Dame, der das Haar in stumpfblonden Strähnen über die Stirne hing, reckte die dürren Hände plötzlich hoch empor und schrie gellend: »Sie verleumdet Egidy, — duldet das nicht, duldet das nicht!« Egidy machte eine kurze, beruhigende Bewegung und stand dann wieder mit verschränkten Armen, die Blicke starr auf mich gerichtet, unter dem Türrahmen. Ich weiß, daß ich in diesem Moment, wo die Aufregung um mich stieg, wie um Hilfe flehend zu ihm hinübersah.