»Wir sind der Überzeugung, daß das Gemeinsame der Menschen —« fast mechanisch sprach ich jetzt und ausdruckslos — »nicht die Religion, die im Gegenteil die Welt in feindselige Lager teilt, wohl aber eine allgemeine Moral sein kann, auf Grund deren wir handeln.« Mir wurde, angesichts der größeren Ruhe um mich her, freier ums Herz. »Das größte Glück der größten Anzahl — diese sittliche Richtschnur kann von allen anerkannt werden, ohne daß der Glaube des einzelnen verletzt zu werden braucht.«

»Dazu sind Sie ja viel zu feige!« — wie ein gut gezielter Pfeilschoß flogen mir die Worte zu.

Ich sah auf Egidy — noch rührte er sich nicht — das Herz tat mir weh, und zugleich kam mir blitzartig die Erkenntnis, daß er im Grunde in seiner Rede dasselbe gemeint hatte. Ich zwang mich zur Ruhe und würdigte den Zwischenrufer keiner Antwort. »Herr von Egidy rühmte sich mit Recht, daß er mit offenem Visir kämpfe, — und wir und meine Freunde sind die letzten, die seinen Mut bezweifeln. Wir ehren jede Überzeugung, indem wir sie nicht antasten und über ihre Schranken hinweg den anderen die Hände reichen ...«

Ein spöttisches Gelächter neben mir reizte meinen kaum unterdrückten Zorn, und alle Selbstbeherrschung verlierend, stürzten mir die Worte über die Lippen: »Sie sind feige, die Sie mich hinterrücks angreifen, — nicht ich! Viel rücksichtsloser als bei irgend einem unter Ihnen ist meine Gegnerschaft zur Kirche, zu den Dogmen, ja, zum Christentum selbst, dessen Inhalt, dessen Tendenz volks- und kulturfeindlich ist.«

»Alix!« — meiner Mutter Stimme war's, — in ein fassungsloses Schluchzen brach sie aus. Meine harte Mutter, die Empfindungen kaum zu kennen schien, sie zum mindesten immer in eisernen Fesseln hielt, — meine Mutter weinte! Wir führten sie hinaus, Egidy und ich. Er sprach ihr beruhigend zu, und ihre Augen wurden trocken, ihre Lippen bewegten sich zu mühsamem Lächeln. An der Tür streckte er mir die Hand entgegen, — ich übersah sie. Wir fuhren wortlos nach Haus. Erst als ich vor meinem Schlafzimmer ein leises »Gute Nacht« flüsterte, schien sie sich des Geschehenen wieder zu erinnern.

»Du — du wagst es, mir eine gute Nacht zu wünschen?!« kam es stoßweise über ihre Lippen. »Hast du mir nicht schon genug Kummer gemacht, und nun muß ich noch das Fürchterliche erleben, daß du in aller Öffentlichkeit unseren Herren und Heiland verleugnest?! ... Dazu also hast du die Freiheit benutzt, die wir törichte, mehr als rücksichtsvolle Eltern dir gewährten, hast dir von dem Professor, der uns gegenüber die Maske des duldsamen Ethikers trägt, den Kopf verdrehen lassen! Ein schöner Dank für all unsere Liebe — — Aber das schwör' ich dir zu: keinen Fuß setzt du mehr über die Schwelle dieses Elenden!« Ich wollte heftig erwidern, aber schon war sie fort und schob geräuschvoll den Riegel vor ihre Türe.

Noch in der Nacht schrieb ich zwei Briefe, den einen an Egidy, worin ich mich bitter beklagte, daß er mich in seinem eigenen Hause den Angriffen seiner Anhänger schutzlos preisgegeben habe, und daß ich dafür nur eine Antwort hätte: ihm von nun an fern zu bleiben, und einen anderen an meine Kusine Mathilde, durch den ich sie bat, mich so rasch wie möglich zu sich einzuladen, da ich Berlin auf einige Zeit verlassen müsse. In aller Frühe steckte ich beide in den Kasten und ging zu Glyzcinski. Als ich bei ihm eintrat, in dies stille, vertraute Zimmer voll Licht und Frieden und Vogelgezwitscher, überfiel mich ein Schwindel, — sekundenlang lehnte ich mit fest auf das Herz gepreßten Händen an der Türe. Er hatte sich krampfhaft aufgerichtet und starrte mich an, die Augen angstvoll aufgerissen, die Züge leichenfahl. Und dann hielt er meine Hand in der seinen und ließ sie nicht los, so lange ich erzählte.

»Meine liebes, armes Schwesterchen!« sagte er immer wieder. »Aber es mußte einmal so kommen, — Sie werden sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß schließlich ein Bruch zwischen Ihnen und den Ihren unvermeidlich ist.« Ich ließ mutlos den Kopf sinken. »Dann erst werden Sie leisten können, was Sie zu leisten berufen sind.«

Ich sprach von meiner Absicht, abzureisen. Es legte sich wie ein Schleier über seine Augen, und ein fast unmerkliches Zucken ging durch seinen Körper. »Aber ich bleibe ohne Besinnen, wenn es Ihnen lieber ist,« fügte ich rasch hinzu. Er lächelte gezwungen: »Mir scheint es freilich fast unmöglich, Sie zu missen, — aber gehen Sie — gehen Sie nur! Wie könnt' ich verlangen, daß Sie mir ein Opfer bringen?!« ...

Ein Opfer?! schoß es mir durch den Kopf, — ist nicht der Gedanke für mich selbst beinahe unerträglich, ihn zu verlassen?! — —