Noch am Nachmittag kam ein Brief von Egidy. »Der Vorwurf, den Sie mir machen, bekümmert mich sehr,« hieß es darin. »Ich habe nicht den Eindruck gehabt, daß mein Schutz Ihnen nötig war. Ich fand, daß Sie sich selbst an besten verteidigen konnten. Am tiefsten aber betrübt es mir, daß Sie jetzt von einem Wegbleiben reden. Der Gedanke, Sie missen zu müssen, ist mir schmerzlich. Ich habe Herz und Kopf noch so voll für Sie, — ich habe sie richtig lieb. Am schmerzlichsten aber ist der Stachel, den Ihre Worte mir ins Herz gesenkt: daß Ihnen dies Wegbleiben gar etwa so schwer nicht würde! Ich meine: andernfalls dürften Ihnen Vorkommnisse solcher Art einen solchen Gedanken nicht eingeben, vielmehr müßten Sie eine Befriedigung im Überwinden derartiger Dinge finden; dies um so mehr, als Sie meiner ritterlichen Verteidigung wohl überzeugt sein dürfen, sofern ich sehe, daß Sie derselben irgend benötigen. So wenigstens denke ich von der Aufrechterhaltung eines Bandes, das zu keinem anderen Zwecke besteht als zu dem: den Menschen zu dienen; — — ganz abgesehen von einem Gefühl wohltuender Freundschaft: ›oh reiß den Faden nicht der Freundschaft kurz entzwei — wird sie auch wieder fest — ein Knoten bleibt dabei —‹ Wir werden uns aussprechen, — ich bin in wenigen Stunden bei Ihnen ...«

Und er kam. Ich wollte ihn nicht sehen, meine Mutter empfing ihn; er blieb lange bei ihr, und als er gegangen war, trat sie mir mit ganz verändertem Ausdruck entgegen. »Egidy läßt dich grüßen,« sagte sie, »danke es diesem prachtvollen Menschen, daß ich dir noch einmal verzeihe und deine Freiheit nicht antasten will.«

Noch am Abend brachte der Diener Glyzcinskis mir ein paar Zeilen von ihm: »Eben verläßt mich Egidy. Sein Besuch war mir eine doppelte Freude: Ich erfuhr, daß er Ihre Mutter beruhigen konnte, und lernte einen Mann kennen, wie es — trotz all seiner Schrullen und Eigenheiten — wenige geben mag. Nicht wahr, nun darf ich auch hoffen, daß Sie bleiben werden und bei mir wieder jeden Nachmittag Sonntag ist?!«

Egidy selbst schrieb mir nur vier Worte: »Hab ichs recht gemacht?!«

Ein politisches Ereignis von weittragender Bedeutung sollte dem Einigen Christentum Egidys und der Ethischen Bewegung, die bisher beide einen verhältnismäßig kleinen Kreis Getreuer umfaßten, gewaltigen Vorschub leisten: der Zedlitzsche Volksschulgesetzentwurf. Wer die Wissenschaft vertrat, oder einen auch nur gemäßigten Fortschritt, fühlte sich in seinen Idealen persönlich verletzt und suchte nach Gleichgesinnten, um den Mut zu gemeinsamen Protesten zu finden, den er für sich allein nicht aufbrachte. Die sich Christen nannten, strömten Egidy zu, die Juden und die Freidenker zeigten ein täglich wachsendes Interesse an der Ethischen Bewegung. Egidy selbst war zuerst so gedrückt durch die Täuschung, die sein Vertrauen auf den Kaiser gefunden hatte, — denn daß der Entwurf dessen persönlichstes Werk war, daran zweifelte kaum einer —, daß die neue Anhängerschaft ihn dafür nicht zu entschädigen vermochte. Vor der Menge zeigte er sich stark und hoffnungsfroh; sprach ich ihn allein, so schien mirs, als sänke dieser stramm aufgerichtete Soldat zum erstenmal müde zusammen. Kam ich dagegen zu Glyzcinski, so fand ich den Gelähmten in einer Stimmung, die strahlend aus seinem Antlitz sprach und täglich zuversichtlicher wurde. »Denen, die das Gute wollen, müssen alle Dinge zum Besten dienen,« rief er mir zu, kaum daß ich eintrat. »Sehen Sie hier: —« und er schwenkte ein paar Briefbogen wie eine Fahne, »nichts als Beitritts- und Zustimmungserklärungen. Mein alter Traum geht wirklich in Erfüllung: wir werden in Deutschland eine Ethische Gesellschaft haben!«

Ich erzählte es Egidy, — seit jenem bösen Dienstagabend war die Ethische Bewegung zwischen uns nicht mehr erwähnt worden —, er schüttelte langsam den Kopf: »Wenn es doch bei der bloßen Bewegung geblieben wäre!« sagte er, »wie ganz anders flössen unsere Bestrebungen nicht nur neben- sondern ineinander, wenn Sie die Ihrigen nicht durch Satzungen zu einem künstlich gemauerten Kanal formen würden. Gedanken verbreiten, — das ist das einzig Not tuende! — Sie werden vor lauter Statutenberatungen und Vorstandssitzungen für diese Hauptsache gar keine Kraft und Zeit mehr übrig haben. Ein Verein — nun ja, — das ist ja ganz nett, aber — und nun glauben Sie mir einmal! — über kurz oder lang arten sie alle in Sport aus. Der Starke ist am mächtigsten allein!«

»Das sagen Sie!« antwortete ich, ein wenig ärgerlich, »und doch tun Sie nichts anderes als Anhänger werben, die sich zwar nicht auf Statuten, wohl aber auf Ihren Namen verpflichten müssen. Sogar an Bebel hat sich Ihr Freund, der asketische Kandidat der Theologie, neulich gewandt — —«

»Gewiß — und mit meiner Zustimmung,« unterbrach mich Egidy, »das Christentum schließt, wie alles andere Entwicklungsfähige, so auch den Sozialismus in seinen lebensfähigen und würdigen Forderungen in sich. Und einem Führer, wie Bebel, hätte ich eine richtigere Einsicht zugetraut. Wollen Sie seine Antwort lesen?«

Ich bejahte lebhaft und las den Brief nicht nur, sondern schrieb ihn auch ab, um ihn Glyzcinski zeigen zu können. Es hieß darin: » ... Das Bürgertum sieht die Religion heute als eins der wirksamsten Kampfmittel gegen die Sozialdemokratie an. Daher die Macht, die seit zwölf bis fünfzehn Jahren das Pfaffentum erlangte, und die Erscheinungen, die Herrn von Egidy zu seinem Kampfe gegen die herrschende Strömung aufreizten. Die Bürgerklasse, obwohl meist freigeistig, wird sich daher in ihrer Masse den Bestrebungen des Herrn von Egidy fernhalten, andererseits kann sich auch die Sozialdemokratie nicht für diesen Kampf begeistern, weil seine Ziele ihrer Natur nach nur eine Halbheit sein können und an dem sozialen und politischen Zustande, der hauptsächlich auf den Massen lastet, und dessen Beseitigung ihre Hauptaufgabe ist, nichts ändert. Sich für die Bestrebungen des Herrn von Egidy unsererseits zu engagieren, hieße unsere Kräfte zersplittern, aber auch zugleich seine Bestrebungen als sozialdemokratische stigmatisteren und ihm die Mehrzahl seiner Anhänger vertreiben ... Voller Sympathie also für die Sache an sich, insofern uns jeder Kampf gegen bestehende Übel willkommen ist und den bestehenden Bau erschüttern hilft, können wir doch nicht gemeinsam wirken, weil unser Ziel weit über das von Herrn von Egidy gesteckte hinausführt ... Da also der Berg nicht zu Mohammed kommen kann, muß Mohammed eben zum Berge kommen! ...«

Hier war kein Satz, dem ich hätte widersprechen können: gewiß, seine Partei konnte sicher und ruhig ihren Zielen entgegen gehen; sie bedurfte unser nicht. Aber eines, so schien mir, vergaß Bebel: daß es neben dem Proletariat Millionen Menschen gibt, die nicht nur der endlichen Erlösung ebenso würdig und bedürftig sind, die sich vielmehr auch im Augenblick, wo die Arbeiterklasse schon die Fahne des Sieges aufzupflanzen imstande wäre, ihr wie eine Barriere in den Weg stellen würden. Mich und meinen Glauben an unsere Sache entmutigte weder Egidy noch Bebel. Und der Professor — dessen war ich gewiß — würde nicht anders denken als ich.