»Ich, ich will dir helfen, Großmama,« rief ich, ohne eine Antwort von ihr abzuwarten, während die abenteuerlichsten Pläne sich in meinem Hirne kreuzten. »Ich komme mit nach Pirgallen, und dann pflege ich das kleine Kind, und du brauchst keine Kinderfrau.« Bittend sah ich auf zu ihr; mit wehmütigem Lächeln streichelte sie mir die glühenden Wangen, und durch ihre Liebkosung ermuntert, fuhr ich noch eifriger fort: »Weißt du, wenn ich das tue, sind doch auch die Eltern mich los und brauchen kein Geld für mich auszugeben« — — Großmama war noch immer still — — »vielleicht kann ich sogar selbst Geld verdienen. Du hast einmal gesagt, daß viele arme Kinder für Geld arbeiten müssen. Ich tanze doch so gut — Herr Ebel hat mich doch selbst unterrichtet — der nimmt mich gewiß zum Theater.«
»Du kleiner Hitzkopf du — was für törichte Gedanken du dir machst,« unterbrach mich Großmama. »Komm, laß uns ruhig miteinander reden,« damit ließ sie sich in dem tiefen Stuhl nieder, dessen Bezug noch Spuren meiner Tränen zeigte, und ich kauerte mich ihr zu Füßen, wie in jenen glücklichen Stunden, wo ich ihren Märchen lauschte. Lange und liebreich sprach sie auf mich ein: daß ich mir die Dinge nicht so schwarz ausmalen solle, daß wir zwar nicht mehr reich, aber auch nicht arm seien, daß ich viel helfen könne, wenn ich meiner Mutter das Leben erleichtere, wenn ich überflüssige Wünsche unterdrücke und tüchtig lerne, damit ich einmal, falls es nötig sein sollte, auf eignen Füßen zu stehen vermöchte. Meine heroische Opferwilligkeit wurde nicht wenig herabgestimmt. Gar kläglich kam mir vor, was Großmama mir als eine Aufgabe ans Herz legte. »Und — das kleine Kind?« wagte ich noch einmal schüchtern zu bemerken. Die feinen Adern auf Großmamas Schläfen schwollen. »Versprich mir, daß du niemandem sagst, was du von ihm gehört hast,« sagte sie, mir ernst und fest ins Auge blickend. »Ich verspreche es,« hauchte ich.
Großmama küßte mir beide Wangen. »So, nun komm! Ich bring dich in dein Bettchen, und morgen ist das alles nichts als ein Traum für dich.« Still und in mich gekehrt folgte ich ihr.
Als sie aber die Decke an den Bettpfosten befestigt hatte, — ich pflegte sie sonst im Traume von mir zu werfen —, und, die Hände gefaltet, neben mir stand, mein Abendgebet erwartend, richtete ich mich noch einmal auf: »Großmama, liebe Großmama,« kam es mit Anstrengung über meine Lippen, »sag mir doch, ist eine Geliebte dasselbe wie eine Frau?« Und sie gab mir eine Antwort, wie ich sie noch auf keine Frage von ihr erhalten hatte: »Kind, das verstehst du nicht.«
Mein Abendgebet vergaßen wir danach alle beide.
Trotz des gemeinsamen Geheimnisses, um das meine Gedanken sich in der Stille unaufhörlich drehten, trat seitdem eine leise und noch lange nachwirkende Entfremdung zwischen uns ein. Ich aber achtete von nun an genau auf meine Umgebung, auf alles, was geschah und was gesprochen wurde. Ich merkte, daß Papa mir seltner etwas mitbrachte als früher, wo er fast immer eine Schachtel Bonbons oder ein Spielzeug für mich in der Tasche gehabt hatte. Und wenn er es jetzt noch tat, so war Mamas Empörung über die »Verschwendung« so groß, daß mir von vornherein jede Freude verging. Ich sah, wie im stillen überall gespart und geknausert wurde, ohne daß sich nach außen viel veränderte: unsre alte französische Köchin machte einer deutschen Platz, die keine Kuchen und Pasteten backen konnte, an Stelle der Jungfer trat ein Hausmädchen, unter deren Händen Mamas blonder Kopf nicht mehr zu einem Kunstwerk wurde wie früher. Nur der Wilhelm, der Diener, blieb, und seine stets gleichmäßig unbeweglichen Züge verrieten niemandem, wie anders es im Hause der Herrschaft geworden war; er schenkte den billigen Mosel bei Tisch mit derselben Würde ein, wie den teuren Rheinwein früher.
Aber noch mehr, als ich sah, hörte ich, und lernte rasch ein halbes Wort, ein vielsagendes Lächeln verstehen: da mußte der eine den Abschied nehmen, weil er sein »Verhältnis« geheiratet hatte, und der andre ruinierte sich eines »Frauenzimmers« wegen; da wurde einer im Duell erschossen, weil seine Frau auf dem Zimmer eines Schauspielers gefunden worden war, und eine andre wurde in der Gesellschaft »unmöglich«, weil sie ihren Mann heimlich verlassen hatte. Bei alledem schwebte mir immer Onkel Walters Geliebte vor, die Mutter seines Kindes, der meine Phantasie die Gestalt der duldenden Madonna gegeben hatte, und ich nahm im Innern unentwegt Partei für ihre Leidensgefährtinnen.
Im Sommer gingen wir wieder nach Oberbayern. Mein schwaches Herz, das sich in Ohnmachtsanfällen allzu häufig bemerkbar machte, bedurfte der Stärkung durch die Bergluft. Aber meine Freude über das Reiseziel sollte eine erhebliche Einbuße erfahren: statt im Rosenhaus zu wohnen, bei Tante Klotilde, blieben wir in Garmisch im Hotel. Als wir das erstemal zu ihr kamen, war ich steif und still. Selbst als der Sepp mit einem Strauß von Orchideen, die ich ihrer märchenhaften Formen wegen immer besonders liebte, vor mir stand, ließ ich mich nicht bewegen, mit ihm zu spielen. »Das Fräulein ist wohl ganz preußisch geworden,« sagte Tante Klotilde spöttisch. Ich sah sie böse an. Sie hatte keine Spur von Verständnis für mich; sie wußte nicht, daß ich die Kosthäppchen des Lebens nie leiden konnte. Wer nicht das ganze köstliche Gericht haben kann, für den ist eine Probe davon nur eine grausame Mahnung an das, was er entbehrt.
Es blieb bei kurzen Besuchen am Rosensee; nur selten holte die Tante uns zum Spazierenfahren ab und unterließ es dabei nie, ihrem Ärger über die Nichte, die eine »gelbe Hopfenstange« geworden wäre, Luft zu machen. Ich war bisher so gewöhnt gewesen, bewundert zu werden, daß mich ihre Bemerkung einigermaßen in Erstaunen setzte. Der Spiegel sprach für ihre Richtigkeit. Diese Entdeckung steigerte nur meine morose Stimmung. Ich hatte niemanden, der mich ihr hätte entreißen können; Mama hielt mich abwechselnd für unartig oder für launisch; sie befand sich überdies bald in einer ihr sehr angenehmen Gesellschaft und war daher ganz zufrieden, daß ich gar keine Ansprüche an sie stellte, sondern am liebsten allein mit meinem Buch im Hotelgarten saß. Die Bäume darin standen in Reih und Glied, wie Soldaten, und verbargen, trotz ihrer Dürftigkeit, den Kranz der fernen Berge; um aber jedes Gefühl für die Großartigkeit der Natur vollends zu verwischen, plätscherte ein dünner, kleiner Springbrunnen in der Mitte. Hier konnte ich zeitweise vergessen, daß ich dem alten grauen Freund, dem Waxenstein, so nahe und er mir doch so unerreichbar fern war.
Ich blieb nicht lange allein. Ein junger Mensch mit fuchsig rotem Haar und einem Gesicht voll gelber Sommersprossen, der mit seiner Mutter, einer Schriftstellerin, an der Table d'hote neben uns saß, gesellte sich immer häufiger zu mir und rümpfte immer deutlicher die Nase über meine Lektüre. Freilich: das ganze Elend der damaligen Jugendliteratur konnte nicht deutlicher zum Ausdruck kommen als hier. Gegen den gräßlichen Nieritz mit seiner Zuckerwassermoral hatte ich schon selbst protestiert, dafür herrschten jetzt Ottilie Wildermut und Elise Polko, die der gesitteten höhern Tochter in hundert Variationen stets dasselbe predigten: der Mann ist deines Lebens Ziel und Zweck. Hans Guntersberg, froh, eine so dankbare Zuhörerin für seine Primanerweisheit gefunden zu haben, erzählte mir von seinen Lieblingsbüchern, und von niemandem schwärmte er mehr als von Paul Heyse. Ein Buch nach dem andern brachte er mir, um mir daraus die seiner Meinung nach schönsten Stellen mit dem Pathos eines Vorstadttragöden vorzulesen. Sein ganzer Koffer steckte voller Bücher und sein Kopf voller Liebesgeschichten, wobei es kein Wunder war, daß es in dem einen an Platz für frische Kragen, in dem andern an Interesse für klassische Sprachen fehlte. Er war nämlich schon zwanzig Jahre alt. Seine körperliche Nähe war mir widerwärtig, und meine Sehnsucht nach seinen Büchern stand immer in hartem Kampf mit meiner Antipathie gegen seine Persönlichkeit. Er mochte fühlen, was ihn allein für mich anziehend machte und gab daher seine Schätze nicht aus der Hand. Plötzlich kam er nicht mehr und antwortete mir ausweichend, als ich ihn abends nach der Ursache frug. Am nächsten Tag schlich ich ihm nach und fand ihn in der Laube des Nebenhauses mit einem Mädchen, das nicht nur erheblich älter, sondern auch viel hübscher war als ich. In seiner bekannten Schauspielerpose stand er vor ihr und deklamierte, während der Schweiß ihm in Perlen auf der sommersprossigen Stirn stand. Halb belustigt, halb verärgert wandte ich mich ab. Ich gönnte der Rivalin den Kurmacher, aber seine Bücher gönnte ich ihr nicht. Vielleicht gab er sie mir jetzt, da seine Person anderweitig untergebracht war. Er lachte mich aus, als ich ihn darum bat: »Für dumme Göhren wie dich ist das noch nichts.« Mir fiel ein Laden in Partenkirchen ein, der alle leiblichen und geistigen Bedürfnisse der Sommergäste zu befriedigen pflegte. Heyses Novellen hatte er gewiß. Das Schlimme war nur, daß ich kein Geld besaß. An meinem Geburtstag hatte ich in Erinnerung an Großmamas Ratschläge das Goldstück von Tante Klotilde unberührt gelassen. Mama sollte mir zum Winter ein Kleid davon kaufen, dieser Wunsch — ein erstes Zeichen praktischen Verständnisses — war durch einen der seltnen mütterlichen Küsse belohnt worden. Sie für diesen Zweck nun doch um das Geld zu bitten, wäre töricht gewesen; bestenfalls hätte sie meinen Lesehunger durch einen neuen Band Wildermut gestillt. Und doch hatte ich ein Recht darauf — es war mein Eigentum —, ich konnte tun damit, was ich wollte; Mama hatte es sogar selbst in mein Portemonnaie gesteckt, das in der Kommode unter den Taschentüchern lag. Tagelang kämpfte ich mit mir, — aber das Verlangen wurde um so stärker, als ich Stunden und Stunden nichts mit mir anzufangen wußte; endlich konnt ich nicht länger widerstehen: unter dem Vorwand, ein Taschentuch haben zu müssen, verschaffte ich mir den Schlüssel und nahm mein Portemonnaie an mich. In fliegender Hast, als brenne der Boden unter mir, lief ich die Treppen hinunter durch die Straße nach Partenkirchen. Für meine Mutter, sagte ich verwirrt und stotternd im Laden, sollte ich Heyses Novellen kaufen. Verwundert sah man mich an, als ich ein ganzes Goldstück vorwies. Mit mehreren Bänden beladen lief ich zurück; die Eile, die Angst vor Entdeckung, das klopfende Gewissen ließen mein Herz immer stürmischer schlagen. Glühende Funken tanzten vor meinen Augen; zuweilen wars dann wieder, als hüllten schwarze Schleier sie ein. Ungesehen kam ich ins Hotel zurück und hatte noch gerade so viel Kraft, mein Paket in die leere Reisetasche zu stecken, als der Schwindel mich packte und ich zusammenbrach. Auf meinem Bett, umringt von der Mutter, dem Arzt, dem Stubenmädchen, das mich zuerst gefunden hatte, fand ich mich wieder. Die Hotelküche sei nichts für mich — es fehle mir an Bewegung — Garmisch sei zu heiß — die Baronin Artern müsse mich ins Rosenhaus nehmen, da würde das dumme Herzchen schon zur Räson kommen — hörte ich des alten Doktors freundliche Stimme sagen. Er fuhr selbst nach Grainau, um mit der Tante zu reden. Schon am nächsten Tag sollte ich hinüber. Der Gedanke an die versteckten Bücher ließ zunächst meine Freude nicht aufkommen. Ich benutzte den Augenblick, wo Mama zum Essen hinunter ging, um mich hastig anzuziehen, nahm das verhängnisvolle Paket und trug es mit wankenden Knien in den Garten. Dort, unter einem Fliederbusch, vergrub ich ein Buch nach dem andern in der Erde; nur eins — das letzte, ein dünnes Bändchen, versenkte ich in meine Kleidertasche. Dann erst kam mir die bedenkliche Moralität des Ereignisses zum Bewußtsein: statt der Strafe für meine Sünden erwartete mich das Rosenhaus, meiner ständigen stillen Sehnsucht Ziel!