Ich verlebte stille, wundervolle Wochen dort. Da ich weder Kraft noch Lust hatte, soviel umherzuklettern wie im vorigen Jahr und die alte Kathrin mich überdies mehr denn je in ihren Schutz nahm, fand die Tante nicht allzuviel Ursache zum Schelten. Und der Sepp erwies sich als der treuste, rücksichtsvollste Kamerad. Er strahlte über das ganze braune Gesicht vor Freude über meine Ankunft; er ließ sich willig mit Plaid und Mantel bepacken, wenn ich dafür nur wieder mit ihm gehen durfte; er hob mich, das lange Mädel, das ihn an Größe beträchtlich überragte, über jeden Bach, jede sumpfige Stelle. Und gleich am ersten Tage führte er mich mit geheimnisvoll verlegenem Lächeln durch den Wald bis zu dem Hügel, unter dem der Badersee grün aufleuchtete und Waxenstein und Zugspitze herübergrüßten, als wäre es nur ein Vogelflug bis zu ihnen. Dort unter der alten Buche hatte er mir eine Bank gezimmert und in ungefügen Buchstaben ein »Alix« in die Lehne geschnitten. Dort nahm ich zum erstenmal mein gerettetes Buch aus der Tasche: »L'Arrabiata« war es. Ich weiß heute nichts mehr von seinem Inhalt; ich weiß nur, daß das kleine Werk mich in einen Traum von Schönheit verstrickte, daß ein Gluthauch von Leidenschaft mir daraus entgegenströmte, die mich mir selbst entrissen. Wenn ich morgens erwachte, solange noch alles still im Hause war, zog ich immer häufiger mein Notizbuch unter dem Kopfkissen hervor und schrieb in Versen nieder, was mich bewegte, und was ich niemandem hätte sagen können.

Im Spätherbst kehrten wir heim. Es war mir eine Erleichterung, Großmama nicht mehr vorzufinden, — ich hätte ihr nicht in die Augen zu sehen vermocht. Wie wenig hatte ich mich ihres Vertrauens würdig gezeigt, wie schwach, wie schlecht war ich gewesen! Das sollte nun anders, ganz anders werden. Durch tägliche Opfer wollte ich gut machen, was ich verbrochen hatte. Mit wahrer Leidenschaft stürzte ich mich in die selbstgewählte Aufgabe und nahm gleich das schwerste auf mich, was es für mich geben konnte: Handarbeiten. Der Eifer, mit dem eine büßende Nonne sich geißelt, konnte nicht hingebungsvoller sein als der, mit dem ich Strümpfe stopfte! Rascher, als er erlahmte, machte meines Vaters Versetzung nach Posen ihm ein Ende. Ich sah dieses Verschlagenwerden nach einer Stadt, von der niemand etwas Gutes zu sagen wußte, als eine gerechte Strafe für meine Sünden an. Keine Lockungen der Eitelkeit und des Vergnügens würden mich dort dem Ernst des Lebens entreißen.

An einem der letzten Abende vor der Abreise saßen wir zwischen hochaufgetürmten Kisten um den Eßzimmertisch. Schwarz starrten die vorhanglosen Fenster zu mir herüber, vor denen ich stets ein Grauen empfand, wie vor offenen Gräbern. Mama trug ihren unscheinbarsten Morgenrock, ich — im Vollgefühl größter Selbstentsagung — eine Schürze. Nur der Wilhelm wahrte auch inmitten der Unordnung des Umzugs die Form: tadellos, wie stets, war sein Frack, blank geputzt, wie immer, der silberne Teller, auf dem er Mama einen Brief präsentierte. »Aus dem Kabinett Ihrer Majestät der Kaiserin,« sagte er mit der Miene ehrfurchtsvoller Devotion. Mamas Gesicht erhellte sich, während sie las. »Das ist wirklich ein Glücksfall«, — damit reichte sie den Brief meinem Vater. Ihm stieg das Blut zu Kopf bei der Lektüre; die Adern schwollen ihm auf der Stirn; er räusperte sich immer heftiger. »Das hast du ja mal wieder fein eingefädelt,« rief er schließlich mit dröhnender Stimme, warf den Brief auf den Tisch und sprang vom Stuhl auf. Ich erhob mich gleichfalls, um möglichst rasch zu verschwinden. »Du bleibst!« schrie Papa wütend, mein Handgelenk umklammernd. »Alix ist schließlich die Hauptperson, — mag sie entscheiden,« fügte er hinzu und reichte mir trotz Mamas entrüstetem »Aber Hans, wie unpädagogisch!« den gewichtigen, großen Bogen. Er enthielt die kurze Mitteilung, daß »Ihre Majestät gnädigst geruht habe, Fräulein Alix von Kleve eine Freistelle im Augustastift zu bewilligen,« und die Bemerkung von der Kaiserin eigener Hand »sie freue sich, die Enkelin ihrer lieben Jugendfreundin Jenny in die ihrem Herzen so nahe stehende Anstalt aufnehmen zu können.« Im Fluge erschienen all die Bilder des Stifts vor mir, die ich bei meinen Besuchen mit Großmama oft genug gesehen und meinem Vater oft genug geschildert hatte: Alles war Uniform dort, von der Kleidung bis zur Gesinnung, und von den weiten Schlafsälen bis zum Garten atmete alles denselben Geist: den der Hygiene, der Pünktlichkeit, der Ordnung. Da gab es kein stilles Plätzchen und keine Zeit zum Träumen. Das, was mir von klein auf das tiefste Bedürfnis gewesen war: allein sein zu können mit meinen Gedanken, wäre hier Tag und Nacht unbefriedigt geblieben. Aber war es nicht vielleicht die Hand Gottes, die mir grade diesen Weg der Buße wies? Würde ich nicht mit einem Schlage meine Eltern von drückenden Sorgen befreien, wenn ich ihn, ohne Rücksicht auf meine Wünsche, tapfer betrat? Erwartungsvoll fragend sah Papa mich an. Und leise, mit gesenkten Augen sagte ich: »Es wird wohl das beste für mich sein!«

»Ihr habt ja das Mädel gut klein gekriegt,« höhnte Papa, »aber ich geb das nie und nimmer zu! So stehts noch nicht mit mir, daß ich meine Tochter das Gnadenbrot essen ließe! — Sie bleibt zu Hause, wo sie hingehört, sie wird nicht zum Hofschranzen erzogen — und damit basta!«

Mama blieb still. Ich wurde ins Bett geschickt, hörte aber noch lange des Vaters heftige Stimme: mein Schicksal, das fühlte ich, wurde dort drüben entschieden.

Am Tage darauf mußte ich mich auf des Vaters Kniee setzen, und mit einer weichen Zärtlichkeit, die er selten zu zeigen pflegte, sprach er auf mich ein:

»Du bist mein einziges Kind, Alixchen, und meine ganze Lebensfreude. Wenn ich dich von mir gebe, so heißt das, dich verlieren, denn fremde Einflüsse werden auf dich wirken, die meinem Denken und Fühlen entgegengesetzt sind. Glaube mir: niemand meint es so gut mit dir wie ich, wenn ich auch oft grob und heftig bin, — und niemand kann dich lieber haben.« Mit feuchten Augen sah er mich an: »Willst du deinen armen alten Vater wirklich verlassen, mein Kind?«

Schluchzend schlang ich die Arme um seinen Hals: »Ich bleibe bei dir, Papa.«

Drittes Kapitel

Wir saßen um den runden Mahagonitisch beim Nachmittagskaffee; von der Hängelampe mit dem grünen Schirm fiel ein warmes Licht auf den zierlich gedeckten Tisch mit seinen Kristalltellern und Sahnennäpfchen und seinen alten, weißen, wappengeschmückten Porzellantassen; die dickbauchige silberne Kaffeekanne blitzte, und der große Napfkuchen duftete sonntäglich. Mit lustigem Prasseln übertönten die brennenden Holzscheite im Kamin die grämliche Herbststimme des Novemberregens draußen.