Der Diener trat ein. »Es ist zehn Uhr, Herr Professor,« sagte er und sah mich halb verwundert, halb mißbilligend an. Erschrocken sprang ich auf. »Wie komm' ich nun ins Haus — und wie in die Wohnung!« Ich hatte vergessen, mich dem Mädchen anzukündigen.

»So bleiben Sie eben hier,« entschied Glyzcinski, »nebenan auf dem Sofa hat mein Bruder oft geschlafen, — Friedrich braucht Ihnen nur die Betten aus dem Schrank zu geben.«

War das eine stille Nacht! Nur aus der Ferne drang das Geräusch der Großstadt durch die offenen Fenster. Wie geborgen kam ich mir vor! Am nächsten Morgen beeilte ich mich, auf dem grünumbuschten Balkon den Frühstückstisch zu decken und achtete wenig auf das mürrische Gebahren des Dieners. Erst als er seinen Herrn im Rollstuhl hinausfuhr, traf mich aus zwinkerndem Augenwinkel ein hämisch-vielsagender Blick, vor dem mir fast der Morgengruß im Munde erstickte. Gott Lob — Glyzcinski bemerkte nichts. Seine Augen hatten den alten, klaren Schein, seine Wangen die gleichmäßige Färbung.

»So gut habe ich es in meinem Leben nicht gehabt!« sagte er und behielt meine Hand in der seinen.

Zu Hause fand ich ein Telegramm von der Mutter: »Papa über deine Abreise äußerst empört, verlangt sofortige Rückkehr oder Übersiedlung zu Egidys.« Noch am gleichen Tage zog ich auf Glyzcinskis Rat in die Spenerstraße. Egidy selbst war verreist, und so konnte ich, ohne zu verletzen, den Tag über abwesend sein. Fast immer war ich bei Glyzcinski. Wenn er es auch niemals zuließ, daß ich ihn pflegte, so konnte ich doch überwachen, ob die Vorschriften des Arztes befolgt, die verschiedenen Umschläge und Kompressen zur rechten Zeit gewechselt wurden. Meiner alten Kochkünste erinnerte ich mich wieder und freute mich wie ein Kind, wenn ich zusah, mit welch wachsendem Behagen der liebe Kranke meine Suppen aß. Einmal gelang es mir, den Arzt allein zu sprechen: »Nur der Geist hält diesen Körper aufrecht,« sagte er ernst. »Leidet er?« frug ich und lehnte mich, um meine Angst zu verbergen, tief in den dunkelsten Schatten der Treppe.

»Ein gewöhnlicher Mensch würde dies Dasein kaum ertragen, aber er, — wir Gesunden könnten ihn fast um das Glücksgefühl beneiden, das ihm unveränderlich aus den Augen strahlt.«

»Wird er genesen und — leben?« brachte ich mühsam hervor.

Mit einem prüfenden, langen Blick sah mir der Arzt ins Auge und reichte mir die Hand zum Abschied:

»Genesen, — niemals! Leben?! Glück und Liebe sind Elixire, die schon Sterbende ins Dasein zurückriefen. Verordnen können wir sie leider nicht!«

Glyzcinski wurde von Tag zu Tag frischer und froher. Morgens, wenn ich kam, begrüßte er mich, als wäre ich Jahre fort gewesen, und des Abends, wenn ich ging, zuckten seine Lippen, wie die kleiner Kinder, die weinen wollen. Unsere Tage verliefen in ruhigem Gleichmaß. Der Philosophie war der Vormittag gewidmet — »in einem Jahr müssen Sie Ihr Doktorexamen machen können,« hatte Glyzcinski mir versichert, und es war ein förmlicher systematischer Unterricht, den er mir erteilte. Er wollte dabei niemals zugeben, was ich immer deutlicher empfand: daß mir für große Gebiete des Wissens die sprachlichen und — noch mehr — die mathematischen und naturwissenschaftlichen Vorkenntnisse fehlten. Oft wünschte ich, mich noch auf irgendeine gymnasiale Schulbank setzen zu können, aber dann lachte er mich aus: »Sie kennen das Leben, — das ist mehr wert, als aller Wissenskram; und Sie sollen handeln, — das ist besser, als mathematische Aufgaben lösen und den Plato im Urtext verstehen können.«