Während der Nachmittagstunden beschäftigten wir uns mit der Tagespolitik und der modernen Literatur. Die Militärvorlage warf damals ihre Schatten voraus; die sozialdemokratische Presse entfaltete eine lebhafte Agitation dagegen und kritisierte auf das schärfste das Verhalten der Regierung, die, statt alte feierliche Versprechungen auf dem Gebiet der Sozialpolitik einzulösen, die Lebenshaltung des Volkes nur durch neue, ungeheure Lasten herabdrücke. Ich lernte durch dürre Zahlen belegte Tatsachen über Löhne, Lebensmittelpreise, Arbeits- und Existenzbedingungen kennen, durch die die graue Nebelwelt des Elends, wie ich sie hie und da vor mir hatte aufsteigen sehen, eine immer deutlichere, fest umrissenere Gestalt annahm. Meine philosophischen Interessen traten mehr und mehr zurück: hier war ein Gebiet, das empfand ich instinktiv, das zu erschöpfen die ganze Kraft erforderte. Und die Zeit, die mich trug, kam mir auch darin entgegen: von allen Seiten strömten mir in Form von Büchern, Broschüren und Zeitungsartikeln Aufklärungen aller Art zu. Wir vertieften uns mit brennendem Eifer in den ersten Band von Marx Kapital und in die Schriften von Friedrich Engels, wir lasen Paul Göhres »Drei Monate Fabrikarbeiter,« dessen ungewollte agitatorische Kraft uns mit sich fortriß; und als Dr. Brandt dem Professor eines Tages die Probenummer einer von ihm ins Leben gerufenen Zeitschrift zuschickte, die ausschließlich Fragen der Sozialpolitik behandeln sollte, las ich sie mit brennendem Eifer und sah von da an jeder Nummer mit einer Spannung entgegen, wie der Backfisch einer Romanfortsetzung. Auch Egidy, der inzwischen heimgekehrt war, erblickte nicht mehr in der Überwindung der Dogmen den Ausgangspunkt allen Heils, sondern im Kampf gegen Not und Unterdrückung.

»Es ist eine Lust, zu leben, wo alles sich rührt, und alles wächst, — dem gleichen Himmel zu, ob auch die Wurzeln im verschiedensten Erdboden stehen,« pflegte Glyzcinski zu sagen. Und wenn ich ungeduldig seufzte: »Könnten wir nur den Anfang der künftigen Ordnung der Dinge noch erleben,« so antwortete er: »Aber wir sind ja schon mitten darin!«

Tatsächlich schien diese eine Bewegung mit einer ungeheuern magnetischen Kraft alles an sich zu ziehen. Die Wissenschaft trat in ihre Dienste, die Kunst schmiedete Waffen für sie. Was waren Hauptmanns »Weber« andres, als ihr dröhnender Schlachtgesang?! Jener Fanatismus, der nichts sieht als sein Ziel, der ihm entgegenstürmt mit blutenden Füßen und keuchendem Atem, die stillen Stege nicht kennt, die abseits von seinem Wege auf duftende Blumenwiesen, in dämmernde Wälder und hoch auf die Berge der weiten Ausblicke führen, den kein Ausruhen lockt im Schatten der Dorflinde und der Kirchenpforten, — derselbe Fanatismus, der die ersten Christen zwang, die weißen Marmorleiber heidnischer Götter in die pontinischen Sümpfe zu werfen, hatte von mir Besitz ergriffen.

Und meine Seele schloß leise, daß keiner es merkte, die Pforte der Kammer zu, hinter der lebte, was zu tiefst mein Eigen war.

Fast wie eine Störung empfand ichs, als Sindermann mich zur Vorlesung seines nunmehr vollendeten Dramas einlud. Aber war er nicht auch einer, der mit uns kämpfte?

Wir fuhren miteinander hinaus nach Chorin, einem jener stillen melancholischen Waldwinkel der Mark, wo schwarze Kiefern sich in kleinen tiefen Seeen spiegeln und in zerbröckelnde Klosterruinen der mattblaue Himmel hineinscheint. Freunde des Dichters erwarteten ihn hier, und ein fremder »Kollege«, wie er sich mit einem seltsam feinen Lächeln nannte, war dabei: Detlev von Liliencron.

Niemand ist in seiner Wahrhaftigkeit so unbarmherzig wie die Natur. Sie scheidet grausam Echtes vom Unechten, ihr Licht, das durch keine Schleier und keine Papierlaternen gedämpft wird, beleuchtet grell, was am Menschen ihr entspricht, und was ihn von ihr trennt. Frauen mit kunstvollen Lockengebänden auf zarten Köpfchen, in modischen Kleidern und zierlichen Hackenschuhen, die in der Stadt schön sind und im Salon blenden, wirken, wo die Natur herrscht, plötzlich halb lächerlich, halb gespensterhaft. Und moderne Männer mit lüstern-blasiertem Lächeln und der »interessanten« Blässe endloser Kaffeehausnächte auf den Zügen, richtet sie ohne Nachsicht, als das, was sie sind. Werfen sich diese Damen und Herren in dem instinktiven, unbehaglichen Gefühl, zu sein, wo sie nicht hingehören, aber gar in Dirndlkostüme und Lodenjoppen und setzen naiv grüne Hütchen auf ihre gebrannten Haare und müden Glatzen, so tritt ihre gräßliche Disharmonie zur Natur in tragischer Deutlichkeit hervor, und von den geistreichen Helden und Heldinnen großstädtischen Lebens bleibt nichts übrig als die armselige Maske kleiner Vorstadtkomödianten.

Aber auch große Menschen vermögen der Natur nicht immer Stand zu halten. Wer zu sehen gelernt hat, dem enthüllen sie ihre Blößen, daß es einem beinahe wehe tut.

Wir gingen vom Bahnhof durch den Wald bis zu dem kleinen Wirtshaus am See. Warum hatte nur unser Dichter solch glänzend-schwarzen Bart und so geistreiche Augen — so fleischige Finger und eine so starke Männerhand? Auch hier war eine Disharmonie, die schmerzte. Wie ein Stück dieser märkischen Natur selbst schritt dagegen der andere, mir noch völlig fremde, neben uns, ein Mann aus einem Guß, bei dem alles zueinander paßte.

Ein Gewitter stand drohend am Himmel, als Sindermann zu lesen begann, und Blitz und Donner begleiteten die sich entwickelnde Katastrophe. Rasch war ich wieder im Bann des Werkes. Das war ja alles mein eigenes Erleben: wie dieser Maria die Heimat zur Fremde wurde, in der die Menschen eine unverständliche Sprache sprechen, wie sie sich selbst retten muß vor den Schlingen, die die Heimat wieder nach ihrer Freiheit auswirft. Und ich war es selbst, die sprach: »Es muß klar werden zwischen der Heimat und mir!«