Wir würden keine Liebes-, sondern eine Freundschafts- und Arbeitsehe führen; sie würde für Sie alles andere eher als eine ›Versorgung‹ sein; wir würden wie die Zukunftsmenschen leben, wo auch die Frau sich durch eigene Arbeit erhält. Ich bin ohne Vermögen und habe nur ein geringes Einkommen. Im übrigen wissen Sie, daß mein Leben jeden Tag zu Ende sein kann.

Und nun dürfen Sie rasch ›nein‹ sagen. Meine Freundschaft zu Ihnen würde auch dann immer dieselbe bleiben. Das ›ja‹ würde jedenfalls eine lange Überlegung notwendig machen. Handelt es sich doch um etwas Ähnliches, als wenn ein Mädchen den Nonnenschleier nimmt. Sollten Sie trotz alledem einmal ›ja‹ sagen, so könnte es doch eine in ihrer Art schöne Ehe werden.

Ewig
Ihr treuer Freund
Georg von Glyzcinski.«

Ich hatte kaum zu Ende gelesen — mit klopfendem Herzen und tiefen Atemzügen —, als ich schon am Schreibtisch saß und meine Feder über das Papier flog:

»Mein lieber Freund!

Es bedarf für mich keiner Überlegung, um meine Hand mit einem freudig-dankbaren Ja in die Ihre zu legen. Und es geschieht nicht im Gefühl, auf Glück und Liebe verzichten zu müssen: für mich gibt es nur ein Glück, und das ist bei Ihnen; und alles was an Liebe in mir ist, gehört Ihnen. Auch ich habe, wie die Kinder, einmal von einem Paradies geträumt, das dem Himmel der Frommen ähnlich sah. Jetzt könnte es mir fast wie die Hölle erscheinen, — während Sie mir bieten, was die Erfüllung meiner heißesten Wünsche in sich schließt.

Ich sehe einen Urwald, bewohnt von allerhand Raubzeug, oft undurchdringlich dicht, daß die Sonne nicht bis auf den Boden dringen kann. Und mitten darin wir beide, eng verbunden, mit den Beilen bewaffnet, die Du uns schmiedetest. Und aus der Nähe und aus der Ferne tönen die Axtschläge vieler anderer Arbeiter zu uns herüber. Das ist Musik für unser Ohr. Freilich fehlt es nicht an niederfallenden Ästen, die uns verwunden, an giftigen Schlangen, die uns umdrohen. Aber solange wir uns selber haben, solange uns das Werkzeug nicht entfällt, solange wir offnen Auges das Licht immer mächtiger in die Tiefen des Waldes fluten sehen, — solange ist er uns das Paradies unseres Lebens ...«

Ich schickte meine Antwort voran und folgte ihr auf dem Fuße. Leise trat ich ins Zimmer — Georg bemerkte mich nicht. Auf dem Schreibtisch vor ihm lag mein Brief, die Hände hatte er darüber gefaltet und die Stirn wie versunken darauf gepreßt.

»Georg —«

»Alix —«, er fuhr zusammen, ein Antlitz wandte sich mir zu, überströmt von Tränen. Und er nahm meine Hände und küßte sie und zog meinen Kopf zu sich hernieder, und ich fühlte, wie sein Mund sanft meine Augen berührte.