Mit ruhiger Fassung sah ich den Ereignissen entgegen, die nun folgen mußten, — daß meine Eltern gegen meine Heirat wesentliche Einwände erheben würden, nahm ich nicht an: Georg war von gutem, alten Adel — und im übrigen konnte es von ihnen nur als Erleichterung empfunden werden, mich endlich aus dem Hause zu haben. Ich war wie versteinert vor Schreck, als Georgs offizieller Brief an meinen Vater gekommen war und ich in seinem Zimmer vor ihm stand. Schwer atmend, mit dunkel gefärbtem Gesicht, die Augen rot unterlaufen, saß er auf seinem Stuhl, den Rock geöffnet, mit den Fingern ungeduldig an seinem Kragen zerrend, als fürchte er, zu ersticken. Heiser, ruckweise, mit einer Stimme, die die seine nicht war, begann er zu reden, während die Mutter, im Sofa zusammengekauert, leise vor sich hin weinte.
»Das mir — das mir! — hat Gott mich nicht schon genug gestraft?! — Dich — dich — auf die ich so stolz gewesen bin! — Die du mein — mein Kind warst vor allem! — Dich, um die ein König noch hätte betteln müssen! — Dich will dieser — dieser — den Gott selbst als einen Ausgestoßenen brandmarkte —«
»Papa —!« schrie ich und taumelte bis an die Tür zurück.
Er sprang auf, um sich im nächsten Augenblick, wie von einem Schwindel erfaßt, mit beiden Fäusten schwer auf den Tisch zu stützen. Den Kopf weit vorgestreckt, die Augen stier auf mich gerichtet, fuhr er mich an:
»Du läufst mir nicht wieder davon, — und wenn ich dich mit Gewalt festhalten müßte! Und deinen sauberen Galan —« er lachte grell auf — »ein Kerl, der nicht einmal ein Mann ist, — niederschießen tu ich ihn, wie einen tollen Hund — —.« Mit einem unartikulierten Laut fiel er in den Stuhl zurück. Ich lief nach Wasser, — benetzte ihm die Lippen, — rieb ihm die Stirn, — es war ja ein Kranker, den ich vor mir hatte! Aber kaum war er zu sich gekommen, stieß er mich auch schon von sich.
Mama, Ilse und der Diener brachten ihn zu Bett. Fast die ganze Nacht saß ich horchend vor seiner Schlafzimmertür. Wie eine Mörderin kam ich mir vor. Als der Morgen graute, schrieb ich ein paar Zeilen an Glyzcinski, und kaum daß der graue Novembertag mit schwerfällig-langsamen Schritten durch die Straßen geschlichen kam, hörte ich den Vater schon wieder in seinem Zimmer auf und nieder gehen. Er rief nach mir, — die Angst schnürte mir die Kehle zu, aber ich folgte. Wie entsetzlich sah er aus! In einer einzigen Nacht, — wie furchtbar gealtert!
»Fürchte dich nicht, — ich tue dir nichts —« sagte er und verzog den Mund mit den gesprungenen Lippen zu einer Grimasse, die ein Lächeln sein sollte. »Ich will nur mit dir reden, will dir klar machen, — was du nicht weißt — nicht wissen kannst, und was der Professor —« es war ihm offenbar unmöglich, den verhaßten Namen zu nennen — »vielleicht auch nicht weiß. Die einzige Entschuldigung, die ich ihm zubilligen kann!« Ich mußte mich neben ihn setzen, wie in früheren Jahren, und er behielt, während er sprach, meine Hand in der seinen.
»Ich sagte dir schon, — du bist mein Kind! Du hast meine Leidenschaften, mein heißes Herz, mein wildes Blut. Bist du die — die Frau dieses Mannes, so wird — ich weiß es genau, ganz genau! — eine Zeit kommen, früher oder später, wo dein Herz sich vor Qualen zusammenkrampft, wo dein Blut nach Liebe schreit — schreit!! — hörst du? — Nach einer Liebe, die dieser Mann dir nie wird geben können! — Dann wirst du unglücklich werden, totunglücklich — oder —,« er brachte nur mit äußerster Anstrengung die letzten Worte hervor — »eine Ehrlose, — eine — eine Dirne!«
»Papa, lieber Papa!« ich streichelte ihm die Hände, »du könntest so nicht sprechen, wenn du mich besser kennen würdest! — Ich bin kein Kind mehr — ich habe viel erlebt, — sehr, sehr viel gelitten, mein Blut hat endgültig ausgetobt, mein Herz weiß von keiner anderen Liebe als von der, die Georg mir bietet!«
»Du irrst, — und dieser Irrtum wird dein Unglück werden. Ich kenne dich besser, als du dich in diesem Augenblick kennst —.« Seine überwachten Augen sahen ins Weite, er schien immer mehr zu vergessen, daß ich neben ihm saß. »Auch ich liebte — und verzehrte mich nach Liebe! Und warb ein viertel Jahrhundert lang um sie, die mein Weib war. Ich wollte nicht begreifen, daß all meine Leidenschaft sie nicht erwärmen konnte —! Bis ich ein alter Mann geworden bin, bis ich einsehen lernte, daß nichts — nichts im Leben mir Wort hielt, — auch meine Liebeshoffnung nicht! —« Er schwieg, überwältigt von der Erinnerung.