»Verstehst du nun, daß ich den Gedanken nicht ertragen kann, dich ebenso — nein — noch viel unglücklicher werden zu sehen als mich? — Du wirst ja nicht einmal Kinder haben!«

Ich zuckte zusammen, — aber rasch und gewaltsam hatte ich die Empfindung auch schon niedergekämpft, die ihm Recht hätte geben können.

»Alle armen, alle verlassenen Kinder in der Welt werden meine Kinder sein —« antwortete ich, »für sie werde ich denken und arbeiten!«

Papa stand auf: »So habe ich dir nichts mehr zu sagen. Du bist majorenn, du bedarfst meiner Erlaubnis nicht. Nur um eins bitte ich dich, und deine Mutter wird dieselbe Bitte dem — dem Professor vortragen — ich selbst fühle mich nicht stark genug, ihn zu sehen —: Warte nur noch ein halbes Jahr, — prüfe dich währenddessen. Du kannst, ungehindert durch mich, deinen Verkehr in derselben Weise fortsetzen wie bisher, — bist du dann noch entschlossen, — so strecke ich die Waffen.«

Ich wollte danken, — war doch dies Zugeständnis weit mehr, als ich nach dem gestrigen Auftritt noch glaubte erwarten zu dürfen, — aber er entzog mir seine Hand und verließ hastig das Zimmer.

Noch am Abend schrieb mir Georg, den meine Mutter inzwischen aufgesucht hatte:

»... Wir hatten eine lange ernste Unterredung miteinander, die mir um so größeren Eindruck machte, als kurz vorher der Oberst Glyzcinski hier gewesen war, dem ich mich in meiner Aufregung verriet, und der mir aus meinem Vorgehen die heftigsten Vorwürfe machte. ›Geschieht, was du in deiner Unkenntnis der Welt und der Menschen als dein Glück ansiehst, so geht Ihr zugrunde,‹ sagte er. Meine geliebte Alix, — sind wir nicht in einer Hinsicht wirklich unwissende Kinder? Es sollte doch keiner von uns zugrunde gehen! Wir haben doch beide eine Mission! Es gibt so gar wenige, die unseren Enthusiasmus für unsere Sache haben! Sollten wir uns beide nicht dieser Sache erhalten? Vielleicht ist es ein Verhängnis, das der schönen Tochter der Exzellenz den alten Professor zurseite schob und in ein stilles, beschauliches, von allen irdischen Freuden abgeschlossenes Gelehrtenleben plötzlich eine Fee hineinversetzte. Sollten wir dies Verhängnis nicht in ein segensreiches Schicksal verwandeln können, wenn wir, wenn vor allem ich mich selbst bezwinge? ...

Drei Stunden täglich Liebe und Sonnenschein? Ist das nicht viel? Die armen Millionen, denen sie nimmer scheint, die liebe Sonne! Ich freilich dürste nach mehr, aber dann geht einer von uns zugrunde!! — Und lieber lebe ich dauernd in tiefster Nacht, als daß ich über das Haupt des liebsten Menschen solch Schicksal heraufbeschwöre!

Machen wir also den ernsten Versuch, geliebte Freundin, uns mit ein wenig Glück — für mich ist das schon überschwenglich viel! — und viel Arbeit zu begnügen, und bitte Deine Eltern, daß sie es Dir leicht machen sollen ...«

Aber seine Blicke straften die scheinbare Ruhe dieser Verzichtleistung Lügen. Das strahlende Licht war aus seinen Augen verschwunden, wie das sonnige Lächeln um seine Lippen. Und verließ ich ihn des Abends, so hielt er mich oft mit einem Ausdruck fest, als litte er alle Qualen eines Abschieds auf immer. Wir sahen uns täglich. Bald aber merkte ich, wie mein Vater durch Einladungen und Verabredungen aller Art meine Besuche bei Georg zu hindern suchte. Erinnerte ich ihn an sein Versprechen, so wurde er heftig, setzte ich seinen Wünschen Widerstand entgegen, so konnte ich sicher sein, bei der Heimkehr die Mutter verweint, die Schwester verschüchtert, den Vater stumm und finster wieder zu finden. Blieb ich des Abends fort — Versammlungen und Kommissionssitzungen, über die ich in unserer Zeitschrift berichten mußte, machten es häufig genug notwendig —, so schlich ich mich in zitternder Furcht nach Hause, weil der Vater mich schon oft mit den ungerechtfertigsten Vorwürfen empfangen hatte. Jeder Artikel, den ich in unserem Blatt unter meinem Namen schrieb — die Anonymität war mir als eine Feigheit verhaßt —, gab Anlaß zu den peinlichsten Auseinandersetzungen, und die politischen Ereignisse der Zeit benutzte er, um das, was mir heilig war, maßlos zu verunglimpfen. Ich wurde schließlich von einem so dauernden, Angstgefühl gefoltert, daß ich oft meinte, vom Verfolgungswahn gepackt zu sein. Der täglich wiederholte Versuch, vor Georg heiter zu sein, mißlang immer vollständiger, und eines Tages gestanden wir einander das Unerträgliche unseres Zustands.