»So willst du wirklich — wirklich diesen Krüppel heiraten, den man im Mittelalter der Zauberei angeklagt, und ganz gewiß verbrannt haben würde?« sagte er mit ungläubigem Lächeln.
»Ich will!« antwortete ich fest »und wenn es sein muß, ohne den Segen der Eltern.« Da ich wußte, daß meines Vaters Heftigkeit mich nicht würde zu Worte kommen lassen, so schrieb ich ihm einen langen, liebevollen Brief, in dem ich ihm klar zu machen versuchte, daß ich alt genug sei, um nach eigener Überzeugung mein Leben zu gestalten, daß es im höheren Sinne gewissenlos und pflichtwidrig wäre, statt der eigenen Einsicht und dem eigenen Gefühl sklavisch dem Machtgebot anderer zu gehorchen, daß es schlimmer sei als töten, wenn ein Mensch den anderen zeitlebens zur Unmündigkeit und Unfreiheit verdamme.
Einen ganzen Vormittag lang schien mein Vater meinen Brief zu ignorieren, erst als ich das Haus verlassen wollte, trat er mir im Flur entgegen.
»Du bleibst!« rief er und umklammerte mein Handgelenk. »Die sechs Monate Frist, die ich dir gestellt habe, sind noch nicht um, — aber du zwingst mich, meine Bedingungen zu ändern. Du wirst von heute ab deine Besuche einstellen. Dieser sittenstrenge Ethiker soll mir nicht ganz und gar deine Seele vergiften.«
»Du brichst dein Versprechen, Papa —« stieß ich hervor und riß mich gewaltsam los. In demselben Augenblick griff er nach der alten Reiterpistole auf seinem Schreibtisch —.
»Ein Schritt noch und ich schieße —.« Aber schon lief ich die Treppe hinunter — über die Straße — über den Platz, — Menschen und Wagen und Häuser sah ich wie Schatten an mir vorüberfliegen.
Wie ich zu Georg kam, — ich weiß es nicht, — der gelle Angstschrei, den er ausstieß, als ich mitten in seinem Zimmer niederfiel, brachte mich zur Besinnung. Noch an demselben Abend fuhr ich zu Freunden von ihm, die mir auf alle Fälle ihr Haus schon zur Verfügung gestellt hatten. Ohne Angabe meiner Adresse teilte ich den Eltern mit, daß ich nicht mehr zu ihnen zurückkehren werde. Aber noch ehe mein Brief sie erreicht haben konnte, benachrichtigte mich Georg, daß Onkel Walter mich zu sprechen wünsche. Er erwarte mich im Reichstag. Ich ging hin. Und während im Plenarsaal die Redeschlacht um die Militärvorlage tobte, gingen wir ruhig und gemessen in der Wandelhalle auf und ab, und niemand konnte ahnen, daß sich hier ein Schicksal entschied.
»Hans war bei mir, — gleich nach jener Szene. Er sprach, dramatisch wie immer, von Verstoßen, Verfluchen und dergleichen,« begann Onkel Walter in geschäftsmäßigem Ton. »Ich habe ihm erklärt, daß es unser aller Pflicht sei, einen Familienskandal zu vermeiden, und daß ich — wenn er auf seinem Standpunkt beharren wolle — meine Nichte, die Tochter meiner Schwester, in mein Haus nehmen, und daß sie dort unter meinem Schutz heiraten würde. Ilse ist, Gott Lob, ganz meiner Meinung. Ein Zustand, wie der bisherige, ist für alle Teile auf die Dauer unhaltbar. Von mir aus ist Hans bei Geheimrat Frommann gewesen, der ihm zugeredet hat, nachzugeben, und dich und deinen Verlobten in den höchsten Tönen pries. Infolgedessen hat dein Vater sich wesentlich beruhigt. Er wird morgen meine Frau nach Pirgallen begleiten und erlaubte deiner Mutter, alle Vorbereitungen zu deiner Hochzeit zu treffen, an der er natürlich selbst nicht teilnehmen wird.«
Mir traten die Tränen in die Augen, — die Erschütterung dieses neuen plötzlichen Umschwungs war zu groß für mich!
»Du hast keine Ursache, mir zu danken,« schnitt Onkel Walter schroff jede Antwort ab, »ich tat nur meine Pflicht im Interesse der Ehre unserer Familie. Im übrigen ist es hohe Zeit, daß wir Ruhe vor dir haben.« Damit war ich entlassen.