In meinem künftigen Schlafzimmer, einem großen Raum, dessen einziges Fenster auf den dunklen Hof hinaussah, zog ich mein Brautkleid an. Kranz und Schleier lagen bereit; niemand kam, mir zu helfen. Sie waren alle vorn und schmückten den Altar! Da hört' ich eine zaghafte Stimme an der Tür: »Darf ich?«, und eine kleine Frau schlüpfte herein, verlegen und lächelnd an der großen weißen Schürze zupfend, in den roten Händen einen bunten Nelkenstrauß. Ich kannte sie flüchtig: die Frau vom Tischler nebenan war's, dem Georg aus dem Elend geholfen hatte, und der jetzt täglich kam, um sich den »Vorwärts« zu holen. »Ich konnt' doch heut nicht fehlen,« stotterte sie, »ich mußt' doch dem gnädigen Fräulein zeigen, wie mächtig wir uns freuen, mein Karl und ich! So schön ist's, daß der gute Herr Professor nu nich mehr so alleinich is, — so heilig schön, daß Sie seine Frau werden!« Dabei faltete sie die Hände und sah mich aus ihren hellen runden Augen an, wie der gute Katholik ein wundertätiges Heiligenbild. Und dann nahm sie vorsichtig den Schleier und steckte ihn mir auf die Locken und legte mit ihren groben Arbeitshänden ganz leicht und zart den Kranz darauf: »Der liebe Gott segne Sie! —«
War es, weil ich aus dem Dunkel kam, oder weil helle Freudentränen mir in den Augen standen, — ich sah, als ich in Georgs Zimmer trat, nichts als Wogen goldschimmernden Glanzes. Wie Schattenbilder, die uns nichts angingen, bewegten sich die Menschen darin. Ich hörte Worte, mit denen sich mir kein Sinn verband, und leises Schluchzen, das von weit her kam. Um den Tisch hinter der schwarzen Gestalt des Pfarrers schwebte eine Woge weichen Blumendufts zu mir herüber, ein weißes Kreuz leuchtete auf grünem Grund, — es hatte einst auf Großmamas Schreibtisch gestanden — und die schwarze Schrift darauf war die Traupredigt, die ich allein vernahm: »Die Liebe höret nimmer auf.« Ein paar Händedrücke fühlt' ich noch, eine paar zeremonielle Küsse auf der Stirn — Kleiderrauschen — halblautes Schwatzen — Türen schlagen — und noch einmal den grellen Ton der Glocke: Ein Telegramm. »In zärtlichster Liebe bin ich bei dir und Georg. Dein Vater.«
Dann ward es still, ganz still bei uns. Wir waren allein.
Neunzehntes Kapitel
In einem Tal des Friedens lebte ich. Sanfte Höhenzüge hüteten es vor der Welt, wie freundliche Wächter. Meine Wege kannten keine jähen Abhänge mehr, an denen der Fuß ängstlich strauchelt, nirgends drohte ein Fels, kein Habicht lauerte auf meine singenden Vögel. Die Bäche dämpften ihr Geschwätz, der Wind streichelte leise Blätter und Blumen, der Sonne Licht war wie ein mütterliches Lächeln.
Wie kam es nur, daß die Tage vorüberflossen ohne Angst — ohne Streit, daß die Stunden nicht mehr erfüllt waren von der lastenden Luft heimlichen Zornes? Und daß ich sagen durfte, was ich dachte?! Wie war es möglich, daß ich kein Kettenklirren hörte, wenn mein Fuß neue Pfade betrat, daß ich nicht allein war und mich doch niemand scheltend zurückriß, wenn ich vom Berge weit — weit in die Ferne sah? Einer war neben mir und hütete jeden meiner Schritte und ging mir zugleich voran, ein Pfadfinder.
Der Pöbel strömte herzu mit seiner Neugierde und seiner Niedrigkeit, aber unsichtbare Kräfte verschlossen ihm unser Tal des Friedens. Wir allein gingen ungehindert ein und aus. Aber ob wir gleich in der Welt wandelten und unsere Schwerter kreuzten mit Krämern und Philistern, so war doch unsere Seele immer in ihm. Und seine Quellen heilten alle unsere Wunden ...
Fieberhaft rasch klopfte damals das Herz der Zeit. Sie war, wie ein geniales Kind, das über dem Reichtum seines Innern unruhig von einem der goldenen Schätze zum anderen springt.
Der Kaiser hatte den Reichstag aufgelöst. Wieder einmal war der Monarch, der unter dem nivellierenden Rock des Europäers stets den mystisch-schimmernden Herrschermantel des Gottesgnadentums trug, mit dem Volk aufeinandergestoßen. Daß er es nicht begriff, nicht begreifen konnte, war weniger seine Schuld als die des unlösbar-tragischen Widerspruchs zwischen der uralten Tradition der Könige und der zum Bewußtsein ihrer selbst erwachten Menschheit. Väter pflegen selten zu begreifen, daß ihre Kinder Menschen werden. Für ihn blieb das Volk — »mein« Volk!, — das Kind, das willenlose, und immer nur waren es »Hetzer« und »Unberufene«, die sich als seine Wortführer aufspielten. Darum galt ihm das Heer, — ein durch die Macht der Disziplin in das Stadium der Kindheit zurückgedrängtes Volk —, stets als »die einzige Säule, auf der unser Reich besteht,« und ein Volksverräter war, wer seine Entwicklung hemmte. Im festen Glauben an die ihm von Gott selbst gegebene Macht, — »suprema lex regis voluntas,« hatte er ein Jahr vorher in das goldene Buch Münchens geschrieben —, verkündete er seinen Willen allen hörbar, und nahm die stummen Verbeugungen deren, die um ihn standen, als Zeichen für die allgemeine Ergebenheit.
Um die Militärvorlage tobte der Wahlkampf, der alte Parteien auseinanderriß und wie Scheidewasser die Geister voneinander trennte. In atemloser Spannung sah ich zu. Auch Egidy, der tapfere Träumer, der »Edel-Anarchist«, der keine Partei anerkannte und doch, getrieben von der unbestechlichen Wahrhaftigkeit seines Wesens, die Wahlparole der Sozialdemokratie nur in seine Sprache übersetzte, stand auf der Wahlstatt.