»Wenn deiner Mutter Herz an dieser Zeremonie hängt, so lassen wir ihr die Freude,« meinte er nach kurzem Überlegen. »Dürfen wir unser Leben und seine Aufgabe von einer bloßen Formel abhängig machen?!« Ich senkte stumm den Kopf, so recht aufrichtig hätte ich seiner Ansicht doch nicht zustimmen können.

Den nächsten Verwandten war meine bevorstehende Heirat mitgeteilt worden. Mit einer gewissen Genugtuung zeigte mir die Mutter, um deren Mundwinkel sich die Falten der Bitterkeit täglich tiefer gruben, ihre teils entsetzten, teils mitleidigen Briefe. An Tante Klotilde hatte ich selbst geschrieben; ein paar Tage vor der Hochzeit antwortete sie mir: »Was du tust, ist Wahnsinn, ja, schlimmer noch: ein widernatürliches Verbrechen. Auf welch traurigen Abwegen du dich befindest, habe ich schon durch deine potsdamer Kusinen erfahren. Daß es aber soweit mit dir kommen würde, hätte ich nimmer gedacht. Wolle Gott, daß meine schlimmsten Befürchtungen für die Zukunft nicht in Erfüllung gehen! Das ist der einzige Wunsch, mit dem ich deine Heirat begleite...«

Aber je näher ich meinem Ziele war, desto gleichgültiger ließen mich all die Nadelstiche des täglichen Lebens.

Als ich jedoch am Abend vor der Trauung zum letztenmal in die elterliche Wohnung zurückkehrte, stockte mir schon vor der Türe der Atem, und in den dunkeln Räumen legte sich mir die Luft zentnerschwer auf das Herz. In dem verlassenen Zimmer des Vaters war es totenstill, selbst die Uhr tickte nicht mehr; — hatte ich — ich, die Tochter, die er am meisten liebte, ihn nicht hinaus getrieben?! Stumm und in sich gekehrt saßen Mutter und Schwester und ich um den gedeckten Tisch und zerbröckelten das Brot zwischen den Fingern. Die Lampe wollte heute nicht leuchten, und der Teekessel summte schwermütig, — groß und vorwurfsvoll sah mir zuweilen das blaue Augenpaar der Schwester entgegen, — die Mutter vermied meinen Blick; und was sie sagte, kam ihr rauh und hart aus der Kehle. In mein Zimmer trieb es mich früher als sonst. Ich legte mechanisch meine letzten zurückgebliebenen Sachen in den Koffer. Da klopfte es leise — und in den unruhigen Schein der Kerze trat Klein-Ilse mit heiß-geweinten Wangen, einen Kranz von Orangenblüten in der Hand und einen weißen Schleier. Sie wollte sprechen, — sie konnte es nicht, — unaufhaltsam flossen ihr die Tränen aus den Augen; — mit einer Bewegung, die Schmerz, Haß und Liebe zugleich zu diktieren schienen, warf sie ihre Gabe auf den Tisch und war im nächsten Augenblick wieder verschwunden. Ich lächelte müde, — einen anderen Kranz hatte ich mir wohl vor langen Jahren erträumt; — fort mit allem blassen Erinnern, — draußen stand die Arbeit, stand das Leben und begehrte meiner!

Noch einmal klopfte es: ein Brief von Georg:

»Mein Liebling! Zum letztenmal sag ich Dir aus der Ferne Gute Nacht. Von morgen ab wirst Du bei mir sein und bleiben. Eine heilige Lebensaufgabe liegt vor uns, die wir zum Wohle der Menschheit erfüllen wollen, und eine, die unsere bräutliche Ehe uns persönlich auferlegt.

Nach meinem Tode kannst Du — aber ganz aufrichtig, meine tapfere Alix! — der Welt erzählen, wie ihre Lösung gelang, — anderen zur Warnung, oder zur Nachahmung. Nur ein Versprechen verlange ich heute von Dir: sollte jene Liebe Dich jemals gefangen nehmen, vor der die Menschen uns warnen, und die sich auf mich, Deinen Gatten, nicht richten kann, — so denke, ich sei Dein Vater, und schenke mir Dein Vertrauen. Ich werde mich seiner würdig erweisen, und nie soll ein Stück Papier für Dich eine Fessel werden. In keiner Lebenslage würdest Du mich verlieren.

Dein in Zeit und Ewigkeit!
Georg.«

Und die Schatten der Vergangenheit zerstoben; ruhig und glücklich schlief ich dem Morgen entgegen.

Meine Kusine Mathilde war gekommen, — auch sie mit einem Gesicht, als sollte sie an einer Beerdigung und nicht an einer Hochzeit teilnehmen. Zu Fuß gingen wir vier in die Nettelbeckstraße. Wir gingen rascher — immer rascher, als wollte einer dem anderen ent laufen. Kein Wort der Liebe war meiner Mutter bisher über die Lippen gekommen. Vor der Haustür blieb sie aufatmend stehen. »Nun hast du deinen Willen durchgesetzt,« stieß sie zwischen den Zähnen hervor.