»So versuch es doch einmal ...«
Ich sprang auf: »Meinst du?!«
Schon am nächsten Morgen ging ich zu Martha Bartels. Weit draußen im Osten wohnte sie. Durch zwei schmutzige Fabrikhöfe mußte ich hindurch bis zu dem niedrigen Häuschen mit der wackligen Holztreppe, die an einem Stall vorbei hinauf in ihre Wohnung führte. Das Rattern der Nähmaschine wies mir den Weg; eine laute gleichmäßig lesende Männerstimme begleitete es. »... die Befreiung der Arbeiterklasse kann also nur ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein,« hörte ich durch die Türe. Ein graubärtiger Alter öffnete mir. »Laß die Dame nur herein, Vater,« rief Martha Bartels aus dem Zimmer, »das ist sicher die Frau Professor —« Mit ausgestreckter Hand kam sie mir entgegen.
Ein freundlicher Raum wars, in den ich eintrat: auf den beiden Betten lagen rotgewürfelt und glattgestrichen die Kissen, vor dem alten braunen Sofa mit dem sorgfältig geflickten Bezug stand auf drei geschwungenen Beinen ein runder Tisch, auf dem nicht ein Stäubchen sich zeigte. Nur um die Maschine am Fenster bauschte sich weiße Leinwand, sonst herrschte peinlichste Ordnung überall. Als einziger Schmuck prangten die Bilder von Marx und Lassalle an den Wänden.
Mit Fragen begann ich das Gespräch; Vater und Tochter ergänzten einander im Erzählen: wie er einst, als kleiner Schuhmachermeister, lange und hartnäckig den Kampf gegen die übermächtige Fabrik geführt habe, wie sie — früh mutterlos — schon als Schulkind mit verdienen mußte und der kleine Haushalt überdies auf sie allein angewiesen war.
»Damals haderte ich mit dem Geschick,« sagte der Alte, »an den lieben Gott zu glauben hatte ich längst aufgehört, und oft wußt ich nicht, sollt ich den Fabrikanten erschlagen, oder lieber mit dem Kinde zusammen dem elenden Leben ein Ende machen.«
»In der Werkstatt, wo ich mit immer müden Augen und einem Stumpfsinn, der mir bald alles gleichgültig machte, Knopflöcher nähte, — Tag aus, Tag ein, vom grauen Morgen bis tief in die Nacht immer bloß Knopflöcher! —« fuhr die Tochter fort »lernte ich einen Bügler kennen, der nahm mich zuerst in Versammlungen mit und steckte mir heimlich Zeitungen und Flugblätter zu. Wie mir da die Augen aufgingen!«
Der Alte streichelte mit der runzligen Hand die Wange der Tochter. »Sehen Sie, und damit hat mir die Kleine das Leben gerettet! Wir waren auf einmal nicht mehr allein, und der Mühe wert wars auch für uns arme Leute, zu leben! Hier in diesem Zimmer sind wir während des Sozialistengesetzes oft genug mit den Genossen zusammen gekommen, und draußen in der Fabrik, wo ich arbeitete — der Meisterhochmut war mir glücklich vergangen! —, und in der Werkstatt, wohin die Martha ging, haben wir ganz im stillen immer neue Freunde geworben.«
Die Tochter lachte: »Jetzt gehts dem Vater eigentlich viel zu friedlich zu! Sie hätten ihn sehen sollen, wie er mit seinem ehrlichen Gesicht den Spitzeln eine Nase drehte und unsere Zeitungen überall einzuschmuggeln verstand! — Na, lange dauerts nicht mehr, und er wird sich seiner alten Künste erinnern müssen!«
Und dann erfuhr ich von ihrer jetzigen Tätigkeit: wie sie für ihre Gewerkschaft auf Agitationsreisen ging, wie sie in täglicher Kleinarbeit für die Partei die Kollegen und Kolleginnen zu gewinnen suchte, wie sie im Arbeiterinnenverein die Proletarierfrauen durch Vorlesen aus Büchern und Zeitschriften zu geistigen Interessen erzog.