»Wo aber nehmen Sie bloß die Zeit und die Kenntnisse her?« frug ich mit steigendem Erstaunen. »Sie müssen doch wohl verdienen, wie ich sehe!«
»Gewiß muß sie das und für Zwei sogar!« antwortete der Vater, »mich will sie durchaus nicht mehr in die Fabrik gehen lassen.«
»Er ist mir zu nötig!« unterbrach sie ihn. »Er liest mir vor, wenn ich nähe, und wenn wir Feierabend machen, brauch' ich ihn wieder. Er hat eine bessere Schulbildung als ich und erklärt mir, was ich in unseren Büchern nicht verstehe.« Sie sah nach der Uhr: »Seien Sie nicht böse — aber jetzt muß ich fort, — wir tragen heut in unserem Bezirk Wahlflugblätter aus —«
Wir gingen zusammen. Unterwegs erzählte sie mir von ihrem Frauenverein, von den polizeilichen Verfolgungen, denen er ausgesetzt wäre. »Sie sollten mal hinkommen, Frau Professor!«
»Mit Freuden, wenn ich darf! Aber — bitte — nennen Sie mich nicht ›Frau Professor‹, Frauentitel sind mir zuwider, wenn sie nicht selbst erworben sind.«
Sie blinzelte mich von der Seite an: »Ja — wie soll ich Sie sonst anreden — ich verschnappe mich am Ende noch mal und sage: Genossin!«
Sie hatte ihr Ziel erreicht. Vor einer kleinen Kneipe strömten die Menschen zusammen, Frauen und Männer, junge und alte Leute. Sie grüßten einander, wie lauter Freunde. Still trat ich beiseite. Wie sie alle fröhlich waren und siegesbewußt! Ein paar mißtrauische Blicke streiften mich, mit spöttischem Augenzwinkern gingen Arm in Arm ein paar Mädchen an mir vorüber. Und mit jähem Schmerzgefühl empfand ich: daß ich hier eine Fremde war.
Acht Tage später begleitete ich Georg zum Wahllokal. Während er im Rollstuhl vor der Tür stand, streckten sich ihm von allen Seiten die Hände mit den Wahlzetteln entgegen. »Wir wählen den Sozi,« sagte er laut und lustig, »meine Frau und ich!«
Aber der Rollstuhl ging nicht über die Stufen. Der Diener, der ihn schob, mußte den Gelähmten hineintragen. Ein Auflauf Neugieriger entstand. Ich deckte rasch die schwarze Pelzdecke über den armen, schmalen Körper — »Frauen raus!« sauste mich eine rauhe Stimme an, kaum daß ich den Fuß auf die Schwelle setzte. Ich ballte unwillkürlich die Fäuste und schritt mit zurückgeworfenem Kopf an dem Schreier vorbei in den Saal, wo ich vor dem Tisch des Bureaus stehen blieb, bis Georg seinen Zettel in die Urne geworfen hatte.
Daß wir uns innerlich mit wachsender Sicherheit zum Sozialismus bekannten, spiegelte sich in jeder Nummer unserer Zeitschrift wieder. Wir hatten des alten Bartels Selbstbiographie veröffentlicht und, dadurch angeregt, durch die sozialdemokratische Presse Aufforderungen zur Einsendung solcher Lebensbilder verbreiten lassen. Von allen Seiten kamen sie uns zu, und wir erwarteten Wunder von den Folgen der in ihrer Einfachheit doppelt erschütternden Bekenntnisse. Aber statt dessen liefen aus den Mitgliederkreisen der Ethischen Gesellschaft Klagen um Klagen ein über den »aufreizenden, unethischen Ton«, den wir anschlügen, und Professor Seefried, Georgs alter Gegner, erschien in Berlin, um durch einen öffentlichen Vortrag die politische Neutralität der Gesellschaft aufs neue scharf zu betonen und sich in ihrem Namen gegen die »einer höheren ethischen Welt- und Lebensauffassung widerstreitenden Ideen des Kollektivismus« zu erklären. Eine heftige Debatte in unserer Zeitschrift schloß sich daran; und in den Sitzungen und Versammlungen der Gesellschaft traten die tiefen geistigen Gegen sätze zwischen Sozialisten und Antisozialisten trotz aller Aufrechterhaltung ethischer Formen immer deutlicher hervor. Ich beteiligte mich bald genug nur aus Rücksicht auf Georgs Wünsche an den Vereinsversammlungen.