»Wir müssen uns vor dem zweisamen Egoismus hüten, Kindchen,« mahnte er oft; »das hieße den Frieden und die geistige Eintracht unseres persönlichen Lebens höher stellen, als unsere Sache.«

Und so mußt ich denn so manchen Abend opfern und kam doch fast immer mit einem Gefühl peinlicher Leere nach Hause. Gearbeitet wurde, — zweifellos. Da war eine kluge, warmherzige Frau, die eine Auskunftsstelle für Bedürftige und Verlassene gegründet hatte und der Sorge für die vielen Fragenden all ihre Zeit opferte; da war eine andere, die voll tiefen Erbarmens Tag aus, Tag ein denen nachging, die eigene Leidenschaft und männliche Lüsternheit in des Lebens tiefste Abgründe riß; eine Gruppe gab es, die zu einer künftigen Volksbibliothek die Bücher Stück für Stück mühselig zusammentrug. Und Reden wurden gehalten, zu Tagesfragen Stellung genommen, und manch ein Schwankender sicherlich auf neue Wege geführt.

Aber was galt das alles mir? Entsprach dieser Verein mit seinen paar hundert Mitgliedern jener großen Bewegung, wie ich sie erwartet hatte? Vergebens erinnerte mich Georg daran, daß wir im ersten Anfang unserer Entwickelung stünden. Mir kam es vor, als ob die mit vielem Eifer ergriffene praktische Arbeit innerhalb der Gesellschaft den großen starken Strom der Idee in hundert klägliche Wasserleitungen teile, deren jede grade nur ausreichte, ein paar dünne Süppchen zu kochen.

Oder fehlte es unserer Sache nur an den richtigen Menschen? Unsere Zeitschrift und unser Haus wurden allmählich der Mittelpunkt, um den sich scharte, was unseres Geistes war. »Eine gefährliche Nebenregierung!« hatte Dr. Jacob mir einmal mit sauersüßem Lächeln gesagt, — derselbe Dr. Jacob, der, wie mir dienstfertige Freunde berichteten, jedem anvertraute, daß Fräulein von Kleve den Professor von Glyzcinski nur geheiratet hätte, um eine Rolle zu spielen.

Selten nur waren wir nachmittags an unserem Teetisch allein. Georgs Beziehungen zu den Gelehrten des Auslands zogen uns Gäste aus aller Herren Ländern zu; Amerikaner und Engländer fehlten nie; aber auch Russen, Rumänen und Japaner fanden sich ein: Studenten und Studentinnen, die heißhungrig in wenigen Monden Deutschlands ganze Kultur in sich aufzunehmen verlangten, Professoren, die dem alten Witzblattypus in nichts mehr glichen, für die das Leben Wissenschaft und die Wissenschaft Leben war.

Ein geistvoller Kopf, mit den Spuren mancher Säbelmensur auf den Zügen, tauchte häufig zwischen ihnen auf: der des Sozialdemokraten Schönlank. Niemand verstand wie er, die Ideen der Partei darzustellen und zu verteidigen, und stets umgab ihn eine aufmerksame Zuhörerschaft. Auch Egidy kam, und Martha Bartels und ihr Vater. Eines Tages brachte sie sogar den lahmen Reinhard mit, den Professor Tondern, unser sozialpolitisch am meisten links stehendes Vorstandsmitglied, sofort mit Beschlag belegte, um mit der Gewerkschaftsbewegung Fühlung zu gewinnen. Auch der Leiter der Neuen Freien Volksbühne war ein häufiger Gast, und manch ein junger Theologe, voll ehrlicher Begeisterung für die neuen Aufgaben, die der christlich-soziale Kongreß den Vertretern der Kirche stellte, fand den Weg zu uns. Bertha von Suttner erschien, sobald sie in Berlin war, beseelt von jenem strahlenden Glauben an die Sache, der das Kennzeichen geborener Reformatoren ist, und über den nur engherzige Alltagsleute lächeln. Denselben heiteren Optimismus, der die ganze Atmosphäre in starke Schwingungen zu versetzen scheint, brachte Frances Willard in unseren Kreis, die tapfere Amerikanerin, die auf dem Feldzug gegen Laster und Not entdeckt hatte, daß ihrem Geschlecht zu seiner Durchführung die Waffen fehlten, und die nun mit einer Energie ohne Gleichen den Gedanken des Frauenstimmrechts von einem Ende der Welt zum anderen trug.

So verschiedenartig die Menschen waren, die über den dunkeln Hof und die finstere Treppe den Weg in unsere hellen Zimmer fanden, — zweierlei war ihnen allen gemeinsam: die Überzeugung, daß unsere Welt sich das Lebensrecht verscherzt habe, und die Kraft, die Welt der Zukunft mit der Hingabe des ganzen Lebens aufzubauen.

»Ist das nicht recht eigentlich unsere Ethische Gesellschaft?« sagte Georg eines Tages, als unsere Gäste all ihre Reformpläne und Umsturzideen miteinander ausgetauscht hatten und im Rausch der eigenen Begeisterung bis zum späten Abend bei uns geblieben waren. »Von allen Seiten bohren sie schon den Felsen an, der unser Nordland vom Zukunftssüden trennt!« Er strahlte wieder wie ein Kind.

»Ich möchte auch bohren, Georg!« meinte ich — eine tiefe Unzufriedenheit mit mir selbst hatte mich innerhalb dieses Kreises selbständig schaffender Menschen ergriffen —, »nicht immer bloß nachschleichen, wo die anderen schon den ersten Schritt getan haben.« Schon längst beschäftigte mich der Gedanke, daß die Frauen vor allem berufen seien, Trägerinnen der sozialen Bewegung zu werden, die notwendig zum Sozialismus führen müsse.

»Unsere politische Rechtlosigkeit, unsere wirtschaftliche Abhängigkeit, unsere soziale Unterdrückung stellt uns auch ohne unser Wissen und Wollen auf die Seite aller Entrechteten. Unsere mütterlichen Empfindungen machen uns überdies hellsichtiger für Not und Elend. Hätten wir die Frauen, — wir hätten die Welt!« Ich lief aufgeregt im Zimmer umher — »das ist eine Aufgabe, die sich der Mühe lohnt — —«