Frau Vanselows Besuch unterbrach unser Gespräch. Sie hatte nicht Worte genug, um die Größe meines Erfolgs zu schildern. »Und nun dürfen Sie sich uns nicht mehr entziehen,« sie richtete ihre feucht gewordenen Augen mit einem Ausdruck zärtlichen Flehens auf mich, »sie müssen ihren Vortrag in unserem Verein wiederholen!«
»Nein, verehrte Frau!« Meine Energie ließ mich fast erschrecken. »Ich wiederhole weder diesen Vortrag, noch spreche ich vor Vereinsmitgliedern. Veranstalten Sie eine Volksversammlung! Wir müssen die gewinnen, die noch nicht die unseren sind, — wir müssen vor der breitesten Öffentlichkeit die Forderung des Frauenstimmrechts erheben!«
Sie starrte mich entgeistert an: »Eine Volksversammlung?! Aber das ist ja — das ist ja — sozialdemokratisch!« Es bedurfte jedoch nur eines kurzen Zuredens, an dem Georg sich lebhaft beteiligte, um sie zu gewinnen.
»Sie haben ganz und gar meine Ansicht ausgesprochen, mein teuerster Herr Professor, und der Verein Frauenrecht wird es sich nicht entgehen lassen, auch in diesem Fall an der Spitze zu schreiten! — Aber nicht wahr — meine liebe junge Freundin —, Sie werden ihre Wünsche vor unserem Vorstand selbst vertreten?«
Ich versprach ihr, was sie wollte, und wandte mich, als sie fort war, mit einem triumphierenden »Nun?!« an Tondern. Er fuhr, wie erschrocken, aus seiner Schweigsamkeit auf: »Erlassen Sie mir die Antwort! Sonst entdecken Sie am Ende noch Ihre Seelenverwandtschaft mit S. M., und verlangen von dem Nörgler, daß er den Staub von seinen Pantoffeln schüttele!« Und mit überstürzter Hast empfahl er sich.
Frau Vanselow führte mich im Vorstand des Vereins Frauenrecht ein: »Sie werden sich mit mir freuen, meine Damen, daß es mir gelungen ist, diese junge vielversprechende Kraft gerade unserem Verein gewonnen zu haben.« Die Damen begrüßten mich mit neugierig-kühler Reserviertheit. Ich war doch wieder in recht beklommener Stimmung. All diese Frauen, die seit Jahrzehnten in der Bewegung standen, die an Wissen, an Erfahrungen, an Verdiensten reich waren, sollte ich — ein Neuling auf allen Gebieten — meinem Willen gefügig machen!
Aber je öfter ich mit ihnen zusammenkam — und es bedurfte zahlreicher Sitzungen, um nur um kleine Schritte vorwärts zu kommen —, desto mehr erstaunte ich. Es war, als ob der Verein um ihr Denken und Streben eine Mauer gezogen hätte. Von dem, was jenseits lag, wußten sie nichts, und nur widerstrebend ließen sie sich von mir an einen Ausguck ziehen, von wo aus sie den Feminismus im Ausland, seine großen Kämpfe und Siege und den Stand der Stimmrechtsbewegung überschauen konnten.
»Das ist alles ganz schön und gut, aber nichts für uns deutsche Frauen,« meinte kopfschüttelnd ein rundliches, bebrilltes Persönchen, dessen Doktortitel sie mir äußerst interessant erscheinen ließ; »wir würden das Wichtigste gefährden: die endliche Zulassung der deutschen Frauen zum Medizinstudium, wenn wir so bedenkliche Fragen wie die politischer Rechte berühren wollten!«
»Und unser Verein, der sowieso schwer genug kämpfen muß, würde zweifellos seine einflußreichen und opferwilligsten Mitglieder verlieren,« jammerte ein dürre alte Jungfer.
»An das Gefährlichste denken Sie natürlich zuletzt, meine Damen,« fügte eine Dritte hinzu und setzte eine geheimnisvoll-wissende Miene auf. »Angesichts der jetzigen Strömung innerhalb der Regierungskreise würde es unseren Verein politisch anrüchig machen und der Gefahr der Auflösung aussetzen, wenn wir öffentlich eine sozialdemokratische Forderung aufstellen würden.«