»Das Leben ist kurz, Alix, viel — viel zu kurz! Du mußt mich nie mehr verlassen!«

»Nie mehr, Georg — nie mehr!« — Angstvoll forschte ich in seinen Zügen. — »Hast du gelitten, — mehr als sonst?«

»Sprechen wir nicht davon, — jetzt ist es ja gut — alles gut!« Und er lächelte mit seinem strahlendsten Lächeln.

Zwanzigstes Kapitel

An einem schönen Sommersonntag besuchten uns die Eltern wieder. Sie berührten das Vergangene nicht mehr. Und von da an kamen sie oft, aber meist jeder allein. »Bei Euch ist's so schön ruhig!« pflegte Mama zu sagen, wenn sie sich tief in den Lehnstuhl gleiten ließ. »So viel Sonne habt Ihr!« bemerkte der Vater und stellte sich mit dem Rücken ans Fenster in die hellsten Strahlen, als fröstle ihn. Auch das Schwesterchen lief oft herüber. Sie war ein bildhübscher Backfisch geworden, mit einem suchenden Glanz in den Augen. »Papa brummt immer, — wir gehen ihm so viel als möglich aus dem Wege!« erzählte sie.

Sonntags mußte ich zu Tisch zu den Eltern kommen, oder zu Onkel Walters. Es war jedes Mal eine Quälerei, denn um zwecklosen Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen, blieb mir nichts übrig, als zu schweigen, während mir das Blut oft vor Zorn in den Schläfen klopfte. Man vermied zwar von der Ethischen Bewegung zu sprechen, schimpfte aber um so mehr auf Juden, Kathedersozialisten und Egidyaner, als den »Hilfstruppen« der Sozialdemokratie, und die Tante besonders fand ein Vergnügen darin, mich durch ihre schwärmerische Kaiser-Verehrung zu reizen.

Einmal nahm mich der Onkel beiseite, und ich erwartete schon eine wohlgemeinte politische Belehrung, als er von Egidy zu sprechen begann. »Er ist ein Phantast, aber trotz alledem ein Edelmann und dein Freund,« sagte er, »da gehört sich's, daß du ihn vor Schaden bewahrst. Er hat sich droben bei uns mit einem meiner Nachbarn, einem notorischen Schwindler — Wohlfahrt heißt der Kerl zum Überfluß! —, wie ich höre, das Näheren eingelassen. Warne ihn, ehe es zu spät ist.« Ich ließ mir die nötigen Details geben und bat Egidy um seinen Besuch.

Wir hatten einander ein paar Monate lang nicht gesehen. Er aber sah um Jahre gealtert aus. Kaum hatte ich den Mut, diesem müden Gesicht gegenüber zu sagen, was ich wußte. Er starrte mich an, die Finger ineinandergekrampft, die Augen weit aufgerissen. Und plötzlich sank sein Kopf auf die gefalteten Hände, und seine breiten Schultern bebten, von lautlosem Schluchzen erschüttert. Fassungslos stand ich vor ihm: er, der dem Spott und Haß einer ganzen Welt getrotzt hatte, dessen sieghafter Glaube an die Menschen ihn unüberwindlich zu machen schien, — er saß hier vor mir, zusammengebrochen, als wäre ein Fels ihm auf den starken Nacken gestürzt, — und weinte!

»Meine Kinder — meine armen Kinder!« stieß er abgebrochen hervor — »alles habe ich diesem Menschen geopfert, — mein Letztes!«

Georg kam nach Hause. Egidy raffte sich auf, um ihn zu begrüßen, aber die Kniee wankten ihm. Und dann war's, als müßte er sein Herz ausschütten, aussprechen, was er vielleicht vor sich selbst noch verhehlt hatte: Wie seine Hoffnungen ihn betrogen, die Scharen seiner Gefolgschaft ihn verlassen hatten, sein Haus leer geworden war, seitdem er nicht mehr Wein und Braten aufzutischen vermochte.