»Jetzt erst, wo die Menschen Sie nicht mehr als einen Märtyrer bewundern, werden Sie zeigen können, daß Sie ein Mann sind!« sagte Georg, als er schwieg.

Mit einer raschen Bewegung, als wolle er jeden Rest von Schwäche verscheuchen, strich sich Egidy über die Stirn und reichte Georg die Hand: »Weiß Gott, — ich werde es beweisen!« Und sich zu mir sich wendend, fuhr er fort: »Erinnern Sie sich, was ich Ihnen in Hannover sagte: ›Im schlimmsten Fall reite ich allein — langsamen Schritt vorwärts — nach Zählen — im Kugelregen.‹ — Leben Sie wohl.«

Mich ließ er schweren Herzens zurück. »Allein — im Kugelregen!« wiederholte ich leise und kreuzte fröstelnd die Arme unter der Brust.

»Meine Alix fürchtet sich?! — Vergiß niemals, was der große Sklavenbefreier William Lloyd Garrison sagte: Einer mit der Wahrheit im Bunde ist mächtiger als alle. In diesem Glauben siegte er!« Georgs blasse Haut leuchtete im Abenddämmer.

War ich so schwach, daß ich immer Menschen suchte — Gleichgesinnte? — und mich freute wie ein Kind, das hinter den Felsen hundert Gespielen wähnt, wenn irgendwo ein Echo meiner Stimme mir entgegenklang?...

Der Verein Frauenrecht hatte mich trotz meiner Sünden in seinen Vorstand gewählt: Ich war ein »Name«, — damit hatte Frau Vanselow die Mitglieder für ihren Plan gewonnen. Und ich hatte trotz meiner inneren Abneigung die Wahl angenommen: der Verein war am Ende doch ein wirksames Mittel zum Zweck. Vor allem galt es eins durchzusetzen: die deutsche Frauenbewegung aus ihrem Veilchen-Dasein zu befreien. Fünfundzwanzig Jahre hatte ich selbst gelebt, ehe ich von ihrer Existenz etwas erfuhr. Die deutsche Presse nahm noch jetzt kaum je irgendwelche Notiz von ihr.

Es gelang mir zunächst — nachdem ich von vornherein die Arbeit dafür auf mich genommen hatte —, eine Zeitungs-Korrespondenz durchzusetzen, und ich hatte die Genugtuung, daß meine Notizen in zahlreichen Blättern Aufnahme fanden. Nun mußte ein Organ geschaffen werden, — eine weithin sichtbare Fahne für unsere Sache. Ich gewann den Verleger der Ethischen Blätter für die Idee und kam strahlend über diesen Erfolg in die Vorstandssitzung des Vereins. Aber statt allgemeiner Freude begegnete ich allgemeinem Widerstand. Über die Verantwortung, die wir damit auf uns nehmen müßten, jammerte die eine, über die »seit Jahren liebgewordenen« Vereinsmitteilungen, an deren Stelle die Zeitschrift treten sollte, die andere.

»Und die Frage der Redaktion ist doch vor allem eine schwer zu entscheidende,« meinte mit bedenklich hoch gezogenen Augenbrauen Frau Vanselow und sah mich prüfend an. Ich begriff.

»Selbstverständlich wird sie unserer verehrten Vor sitzenden anvertraut werden,« sagte ich rasch. »Und meine liebe Frau von Glyzcinski wird mir hilfreich wie immer zur Seite stehen,« ergänzte Frau Vanselow und streckte mir über den Tisch hinweg die Hand entgegen.

»Ich halte dies Vorgehen für unethisch,« tönte Frau Schwabachs scharfe Stimme dazwischen. Erstaunt sah ich auf: »Das begreife, wer kann!«