Ich atmete auf, als wir endlich in Pirgallen waren, wo ich hoffte, mich meinen Studien und Arbeiten ganz überlassen zu können. Dort hatte sich inzwischen mancherlei verändert. Mein Onkel hatte sich in den Reichstag wählen lassen, — auf vieles Zureden seiner Parteigenossen, denn in ihm selbst regte sich zu stark das alte Herrengefühl des ostdeutschen Junkers, als daß es ihm nicht widerstrebt hätte, die durch das allgemeine Wahlrecht nun einmal festgesetzte Gleichheit zwischen Herr und Knecht auch nur äußerlich anzuerkennen. Daß er, dessen Verkehr mit den Untergebenen nur im Befehlen, Tadeln und Strafen bestand, von ihrer Gunst abhängig war, ja sogar um sie werben mußte, erschien ihm als eine Entwürdigung. Er war dabei ein so ehrlich überzeugter Konservativer, so durchdrungen davon, daß jede Erweiterung der Freiheit und der Rechte der unteren Volksklassen zu ihrem eigenen Verderben ausschlagen würde, daß er sich vollkommen berechtigt glaubte, auch durch ungesetzliche Mittel den Einfluß liberaler oder gar sozialdemokratischer Strömungen zu bekämpfen. Seinen ehemaligen Viehhirten, einen notorischen Säufer, der sozialdemokratisch gestimmt hatte, weil »der Herr Baron dem Krugwirt verboten hatte, ihm mehr als zwei Glas Schnaps zu geben,« pflegte er seiner Mutter gegenüber immer wieder zu zitieren, wenn sie das »Recht auf die persönliche Überzeugung« verteidigte. »Gar nichts wußte der Kerl sonst von der Sozialdemokratie,« sagte er, »er konnte weder lesen noch schreiben. Jeder, der ihm Fusel gibt, dessen ›Überzeugung‹ hat er. Stellt Euch vor, alle Viehhirten und Konsorten stimmten wie er und kämen zur Macht, — eine nette Wirtschaft würde das.« Und als Großmama einwarf: »So gebt dem Volk eine bessere Bildung,« antwortete er: »Damit jeder Instmannsjunge Professor werden und keiner mehr arbeiten will! Dann sollen wir wohl unsere Frauen vor den Melkeimer setzen und uns hinter den Pflug stellen?«
»Vielleicht entspräche solch ein Wechsel der göttlichen Gerechtigkeit,« meinte Großmama lächelnd, »seit Jahrhunderten gingen sie hinter dem Pfluge — am Ende ist jetzt die Reihe an Euch!« Mit hochgeschwollener Stirnader sprang der Onkel vom Stuhl und warf die Türe hinter sich zu. Er war reizbarer als sonst. Zu deutlich pochte die neue Zeit an das schwere Burgtor von Pirgallen, und er selbst hatte die Zugbrücke, die unliebsamen Gästen den Eingang wehrte, in eine feste, steinerne verwandelt. Er selbst hatte bei der Regierung all seinen Einfluß daran gesetzt, damit die Eisenbahn bei ihm vorbei gelegt, der Hafen am Kurischen Haff an seine Gutsgrenze gebaut werde. Nun konnten seine Steine zu fernen Bauten über die Ostsee entführt werden, und die Erträgnisse seines Gutes fanden in Berlin zahlungskräftige Käufer, — aber neue Gedanken waren mit den fremden Ingenieuren und Arbeitern eingeführt worden. Er selbst strebte danach, sein Besitztum, das seine Väter schlecht und recht ernährt hatte, in eine kapitalistische Unternehmung zu verwandeln, von der er Millionen erwartete. Aber mit den Maschinen, mit den Kanälen, den Wiesen meliorationen, den neuen Bebauungsweisen, der ganzen intensiven Art der Bewirtschaftung kamen Scharen neuer Arbeitskräfte ins Land, von denen die Alteingesessenen Ansichten und Bedürfnisse rasch, Handfertigkeit und Verständnis aber um so langsamer lernten. Die Unzufriedenheit wucherte wie Unkraut, und am üppigsten in den kleinen strohgedeckten Katen, deren Bewohner seit Generationen im Dienste der Golzows standen.
In einer der ältesten hauste die alte Maruschka mit Kindern und Enkeln, ein verhutzeltes, zitteriges Weiblein. Wie braune Fichtenrinden waren ihre Wangen und ihre Stirn, die Augen eingesunken, weiß und gelb wie versteckte Harzlöcher. Nur wenn sie Großmama sah, verzog sie die dünnen Lippen zu einem Grinsen. Vor Jahren hatte ich sie, die seit ihrer frühsten Mädchenzeit in der Burg diente, noch in einem der dunkelsten Räume, dicht über dem Wassergraben, von morgens bis abends vor dem alten mächtigen Webstuhl sitzen sehen. Alle Mägde trugen die Stoffe, die sie wob: feste harte, aus groben blauen und roten Fäden. Die »junge Frau Baronin« hatte sie aufs Altenteil gesetzt, — sie brauchte das Zimmer, und die hübschen Dienstmädchen trugen das altmodische Zeug nicht mehr. Nun haßte die Alte die neue Zeit und alles, was sie mit sich führte. An ihrem schwälenden Herdfeuer in der engen Stube mit dem grauen schmierigen Lehmboden, wo Hühner, Gänse, Ferkel und Kinder durcheinander gackerten, quiekten und schrieen, war die Freistatt aller Murrenden. Sie hetzte die Schüchternen auf, die noch in blinder Unterwürfigkeit an der Herrschaft hingen, sie lobte die Unbotmäßigen und hatte trotz all ihrer Armseligkeit stets den Schnaps bereit für die, die im Krug mit den »Neuen«, den »Städtischen« nicht zusammen sitzen mochten.
Ihr Jüngster, der Franz, war Stallknecht, dem mein Onkel seiner Gewandtheit wegen häufig die wertvollsten Pferde überließ. Eines abends sah er, daß die »Delilah«, die der Franz hatte bewegen sollen, schweißtriefend und ohne Decke in ihrer Box stand, während er auf seinem Bett daneben seinen Rausch ausschlief. Ehe ich, die ich dabei stand, es verhindern konnte, sauste meines Onkels Reitpeitsche ihm quer übers Gesicht. Taumelnd erhob er sich, sah meinen Onkel mit blöden Augen an und fiel ihm heulend zu Füßen. Ich wollte mich schon empört abwenden, — empörter noch über den Feigling, der vor mir winselte, als über den Onkel —, als mich aus dem Augenwinkel des auf dem Boden Kauernden ein Blick traf, wie der eines wilden Tieres. Am nächsten Morgen lag eine der Zuchtstuten verendet im Paddock. Keiner von uns zweifelte, daß Franz der Täter war, ich, die ich hartnäckig schwieg, am wenigsten. All seine Arbeitskollegen jedoch standen auf seiner Seite und lenkten den Verdacht auf die Kanalarbeiter. Zu beweisen aber war nichts. Onkel Walter entließ den Knecht und verbot ihm mit allem Nachdruck, den Boden Pirgallens wieder zu betreten. Wir saßen gerade in der Halle beim Frühstück, als die alte Maruschken unangemeldet auf der Freitreppe erschien, die verschrumpelten braunen Hände über ihrem Krückstock gefaltet, im selbstgewebten Sonntagsstaat, den eisgrauen Kopf von einem schwarzen Tuch umwunden, die kleinen Bernsteinaugen funkelnd auf uns gerichtet, wie die Waldhexe aus dem Märchen.
»Verzeihen die gnädige Herrschaft«, hob sie mit stockender Stimme an —
»Was willst du, Maruschken?« frug Großmama, ihr gütig die Hand entgegenstreckend, während Onkel sich ungeduldig räusperte.
»O mai allerkutestes gnädiges Frauchen«, — schluchzend stürzte die Alte vor ihrer einstigen Herrin nieder und zog demütig ihren Rock an die Lippen, »mai Jung hat das Perdchen, das liebe kute Perdchen, nich erstochen! Schickens ihn nich in die Fremde! Mai Vater, mai Großvater, mai Ahne — alle, alle haben der gnädigen Herrschaft gedient mit Leib und Leben — schickens uns nich fort!« Ihre Stimme wurde krächzend wie Rabenstimmen, wenn sie im Herbst auf den Stoppelfeldern sitzen.
»Mein Sohn schickt euch ja nicht fort, Maruschken,« antwortete Großmama. »Nur den einen von deinen Kindern, und — wenn er sich draußen gut führt —« bittend sah Großmama zu Onkel Walter herüber — »darf er gewiß wieder nach Hause kommen.«
Die Alte richtete sich auf. Stumm sah sie von einem zum anderen.
»Nimmt der gnädige Herr Baron den Befehl zurück?« kam es leise und zischend über ihre halbgeöffneten Lippen.