»Nein!« Ein Faustschlag auf den Tisch bekräftigte Onkel Walters heftige Antwort. »Und nun geht, Maruschken. Mein letztes Wort habt Ihr!«
Fest auf den Stock gestützt, reckte die Alte den krummen Rücken und hob den Kopf, daß die Sehnen an ihrem Halse wie braunrote Stricke hervortraten.
»Die alte Maruschken geht, mai kutestes Herrchen, — geht weit — weit weg und nimmt mehr mit, viel mehr, als bloß ein Perdchen! — — Auf diesen alten Armchen trug ich den jungen Herrn — gab ihm die Brust, statt dem eignen Jungchen. Und gearbeitet hab ich an die vierzig Jahr auf Pirgallen — und Söhne und Töchter hab ich geboren und aufgezogen in Gehorsam vor der Herrschaft und Gottesfurcht, und sie arbeiten auch auf Pirgallen, für die gnädige Herrschaft« — —
Ungeduldig unterbrach der Onkel ihren Redefluß. »Ich bin der letzte, der deine treue Arbeit nicht anerkannt und redlich belohnt hat. Aber einen widerhaarigen Trunkenbold — und wenn er zehnmal dein Sohn ist — kann ich nicht brauchen. Meine Geduld ist erschöpft — hüte dich, Alte, mich noch zu reizen. Ich weiß recht gut, wo die Stänker und Hetzer zu Hause sind!«
»Gar nichts weiß der Herr Baron, gar nichts« eiferte sie. »Im Krug, wo die Kanalarbeiter sitzen, beim neuen Inspektor, wo die fainen Herren aus der Stadt morgens und abends Wein trinken, in der Gesindestube, wo die vornehmen Diener mit die Stadtmächens schäkern, da sind die Stänker; — bei der alten Maruschken nich! Wir halten noch auf alte Art und Zucht, wir lieben das liebe Landchen, die Burg, und die Kirche und die Kate. Aber die anderen, das sind Ausländsche, die blos aufs Geld sind und keinen Glauben nich haben. Warum holt sie der Herr Baron und unsere Jungchens schickt er weg, daß sie auch so werden wie die Fremden? — — Zu Haus wollen wir bleiben —« ihre Stimme kreischte — »mit die Kindersch. Aber wo die rechte Liebe weg is, geht auch die Ehrfurcht und der Gehorsam ... Die Peitsche ins Gesicht, — das haben der alten Maruschken ihre Jungchen nich verdient um die Herrschaft —«
Wütend erhob sich der Onkel: »Nun hab ich die Komödie satt, scher dich zum Teufel.«
Mit aufgerissenen Augen starrte die Alte ihn an und beachtete Großmama gar nicht, die begütigend ihre Hand auf ihre Schulter legte.
»Ich scher mich, ich scher mich, aber zum Teufel nich!« schrie sie, »der Teufel is zu Haus jetzt auf Pirgallen, — alle bösen Geister gehen um, — im Turm krachts, wo die gnädige Herrschaft die faulen Insten in Ketten legte, und aus dem Haff steigen die toten Fischer auf — die alte Maruschken geht — das liebe Herrgottche suchen —«
Wie unter einem Zwang waren wir alle verstummt. Die Steintreppe humpelte sie hinab — sie wandte den Kopf nicht mehr — sie war jetzt ganz klein und zusammengesunken. Am folgenden Tage stand ihre Kate leer, — bei Nacht und Nebel war sie mit ihren Kindern und Enkeln davongegangen, ihren armseligen Hausrat auf zwei Karren mit sich schleppend. Die Leute flüsterten noch lange mit leisem Grauen davon, wie sie drohend den Krückstock erhoben habe, als sie an der Burg vorbeikam, und unaufhörlich vor sich hinmurmelnd dem Zuge der ihren voran geschritten sei, vor jeder Hütte am Wege inne haltend, um den aus dem Schlaf geschreckten Bewohnern zu erzählen, daß der Herr von Pirgallen sie von Haus und Hof vertrieb.
Auch für mich war der Eindruck ein unverwischbarer. Ich ging oft ins Dorf hinab und in die Ortschaften am Strande, und lernte die harten, einsilbigen Menschen kennen, die für unaufhörliche Arbeit ein spärliches freudloses Leben gewannen. Die meisten nahmen es noch hin wie etwas Selbstverständliches, aber schon zuckte in ihren Augen hie und da dieselbe Flamme auf, die in dem Blick der alten Maruschken gebrannt hatte. Die Zeit, da sie sich vor dem Herren fühlten wie stumme Sklaven oder wie willenlose Kinder, war vorüber. Es gingen wirklich böse Geister um, auch in der alten Ordensburg.