Mein Onkel war, so viel er sich auch zu bilden strebte, den Anforderungen moderner Landwirtschaft geistig nicht gewachsen. »Man müßte Chemiker, Ingenieur, Naturforscher sein, um nicht von jedem Hans Narren übersehen und betrogen zu werden; statt dessen hat unsereins nur Leutnant gelernt,« sagte er einmal bitter. Er entschloß sich sogar zum Verkehr mit einem alten Gegner aus der Nachbarschaft, einem Freisinnigen, der der beste Landwirt im Lande war. Ich begleitete die Herren zu Pferde bei ihren Inspektionsritten und hörte oft, wie der alte Mann das Neue, das der junge schuf und plante, rückhaltlos gut hieß. »Nur eins kann ich Ihnen nicht verhehlen, Herr Baron, mit der Angst würde ichs kriegen, wenn ich Sie nicht für einen bedachtsamen Mann hielte, der weiß, daß er Hunderttausende hier hineinstecken muß, ehe die Millionen herausspringen.« Ich sah, wie Onkel Walter um einen Schein blasser wurde, und erschrak mit ihm.
Er war sehr ernst geworden in den letzten Jahren. Sein fröhlicher Leichtsinn brach nur dann immer wieder hervor, wenn seine Frau ihn umschmeichelte — wegen neuer Toiletten, neuem Schmuck oder neuen Hunden — und sein Söhnchen, das sie ihm vor drei Jahren geschenkt hatte, auf seinen Knieen ritt. Dieser Stammhalter war der Mittelpunkt des Lebens. Er besaß schon seinen eigenen kleinen Hofstaat, und zwei Miniaturpferdchen — Shetland-Ponies, die der Vater direkt hatte kommen lassen — spürten bereits, wenn er in seinem winzigen Wagen durch den Park fuhr, die Peitsche des kleinen Junkers. Alle tyrannisierte er; für mein Schwesterchen, das selbst gewöhnt war, daß die anderen sich ihr unterordneten, war er der gefürchtetste Quälgeist, und vor ihm flüchtend, klammerte sie sich leidenschaftlich an mich an. Mein liebebedürftiges Herz empfand das sehr wohltätig, und mein, eingedenk der eigenen Kinderqualen, leicht erregtes Mitleid kam ihren Wünschen rasch entgegen. Schon früh morgens pflegte ich mit ihr in den verstecktesten Teil des Parks zu fliehen; ich erfand die phantastischsten Spiele und die buntesten Märchen, und der halbe Tag ging vorüber, ehe ich zu mir selbst kam. Dann geschah es wohl, daß mich heftiger Groll gegen die kleine Tyrannin erfaßte, die mich so in Anspruch nahm; aber ein bittender Blick ihrer großen Blauaugen, ein zärtlicher Druck ihrer runden Ärmchen um meinen Hals machte mich wieder gefügig. Nein, sie sollte, sie durfte nicht erleben, was ich erlebt hatte! Allmählich lernte ich sogar, ihr dankbar sein: die anderen nannten mich einen »Blaustrumpf« — »überspannt« — »verdreht«, dem süßen sechsjährigen Blondkopf aber konnte ich gar nicht phantastisch genug sein. Sie wollte immer neue Märchen hören — »ganz neue, die noch kein Kind gehört hat« —, und unsere ganze Umgebung wurde zum Ausgangspunkt meiner Geschichten, in die ich Götter- und Heldensagen verflocht. Sie glaubte an mich — felsenfest: wenn wir auf dem Haff segelten, warf sie heimlich mitgebrachten Kuchen ins Wasser, — für Neringa, die Hafffrau, die drunten hungert, — zwischen die Steine der Parkmauer schob sie Töpfchen mit Milch, — für die Wichtelmännchen, die dort ihr Wesen treiben.
Ließ sie mich frei, so vergrub ich mich in die Bibliothek. Unter dem Vorwand, die Bücher ordnen zu wollen, hatte ich mir dieses Asyl, das nur selten jemand betrat, gesichert. Es war dunkel und roch nach moderndem Papier; aber was kümmerte das mich, die ich tief im Ledersessel kauerte und über dem Lesen alles vergaß! Eine kuriose Sammlung enthielten die Schränke: alte landwirtschaftliche Broschüren und Zeitschriften, Reichstagsprotokolle der jüngsten Zeit, Modeblätter, die sich seit Jahrzehnten angesammelt hatten, französische Romane verfänglicher Art, — Zolas »Nana« und »Assommoir« mitten darunter, — deutsche moderne Familienromane und schließlich in billigen, schlecht gebundenen Ausgaben die deutschen Klassiker. Mit der Hast einer Heißhungrigen verschlang ich alles: von den Memoiren der Cora Pearl bis zu Wieland und Herder. Ich muß aber wohl in jener Zeit weder für die Schlüpfrigkeit noch für den Realismus sehr empfänglich gewesen sein; was ich von dieser Art las, interessierte mich kaum, es rief höchstens ein Gefühl des Ekels in mir wach. Noch weniger fesselten mich die deutschen Romane. »Unsere Unterhaltungsliteratur ist flach, kraft- und saftlos,« schrieb ich an meine Kusine, »sentimental und nüchtern, weil die Schriftsteller sich nach ihrem fast nur aus Frauen bestehenden Publikum richten. Männer lesen keine Romane mehr, weil sie zu weibisch geschrieben sind, und Frauen werden immer weibischer, weil sie sich mit dem faden Zeug ihren geistigen Magen verderben. Am schlimmsten ists, wenn auch noch Frauen die Romane schreiben: mit der gestohlenen Gloriole der Poesie verklärte Klatschgeschichten. Ein neuer Grund für meine Antipathie gegen die Frauen. Ich frage mich nur: sind wir so klein, so leer, so unweiblich — oder hat man uns so gemacht?«
Mit um so heißeren Wangen und klopfenderem Herzen vertiefte ich mich in Goethe. Auch das, was ich schon längst kannte, war voll neuer Offenbarungen für mich. In ein kleines Heft, das ich ständig bei mir trug — sorgfältig in ein grünseidenes Tüchlein gewickelt —, schrieb ich ein, was mir am besten gefiel und schlug es in stillen Stunden auf, wie der Priester sein Brevier, um zu lesen und wieder zu lesen, bis ich Satz für Satz auswendig konnte. Zwei standen doppelt unterstrichen an der Spitze: »Er gehörte zu den vielen, denen das Leben keine Resultate gibt und die sich daher im Einzelnen vor wie nach abmühen;« — — und: »Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden.« Der eine sollte sein, wie ein drohend aufgerichtetes Zeichen, eine stete Warnung, das Leben nicht zu verzetteln, sondern ihm nach großen Zielen die feste Richtung zu geben, — der andere ein Tröster in Zeiten der Mutlosigkeit, wenn ich zu mir selbst das Vertrauen verlor oder andere mich dessen zu berauben versuchten. Mit bewußter Auflehnung gegen die asketischen Erziehungsmaximen meiner Mutter schrieb ich mir vor allem solche Stellen ab, die das Recht auf Persönlichkeit und den Wert der Freude betonten; »Ein Kind, ein junger Mensch, die auf ihren eigenen Wegen irre gehen, sind mir lieber, als manche, die auf fremden Wegen recht wandeln;« — »Fröhlichkeit ist die Mutter aller Tugenden;« — »ein glücklicher Mensch, ein Wesen, das sich seines Daseins freut, ist das Endziel der Schöpfung.«
Erfüllt von dem, was ich innerlich erfuhr, konnte es nicht ausbleiben, daß ich zuweilen auch davon sprach. Meine Begeisterung konnte nicht immer stumm bleiben; ich sehnte mich nach Menschen, um mich ihnen mitzuteilen, nach jungen vor allen Dingen, bei denen weder Spott noch die Weisheit des Alters mich hätte zurückstoßen können. »Ich suche Menschen, wie Diogenes,« schrieb ich an meine Kusine, mit der ich aus demselben inneren Bedürfnis heraus lebhaft korrespondierte, »und sehe dabei immer deutlicher, daß unsere miserable Erziehung uns um das Beste im Leben betrogen hat. Das bißchen Kunst und Wissenschaft hat man uns nur gelehrt, damit wir darüber schwatzen können. Es ist kein Teil unserer selbst geworden; es bleibt in Museen und Büchern wie die Religion in der Kirche. Hätten wir den rechten Ernst, das tiefe Verständnis für sie, — Geist und Herz würden so sehr davon erfüllt sein, daß sie am Gemeinen oder Oberflächlichen gar keine Freude empfänden.«
Kamen junge Leute nach Pirgallen, die, wie Onkel Walter spottend zu sagen pflegte, beim »Alix-Examen noch nicht durchgefallen waren,« so streckte ich vorsichtig die Fühlhörner meines Geistes aus. Meist begegnete ich einem verlegenen Lächeln, einem erstaunten Blick, und meine Mutter, die solch einem mißglückten Versuch zuweilen zuhörte, sagte mir einmal:
»Daß du das Nüsseknacken gar nicht aufgeben magst! Du stehst doch, daß sie alle taub sind.«
»Ich glaubs aber nicht — ich will es nicht glauben,« antwortete ich, »mein eigene Existenz bürgt mir dafür, daß es noch andere meiner Art geben muß!« Mama kräuselte spöttisch die Lippen: »Die Mehrzahl ist gemein — die Dummen sind noch die besten.« Aber je häufiger sie ihrer tiefen Menschenverachtung Ausdruck verlieh, desto empörter lehnte ich mich dagegen auf, desto übertriebener wurde mein Triumphgefühl, wenn irgend eine Wesenssaite des Anderen, die ich berührte, leise zu klingen begann.
Da war besonders einer, ein junger Nachbar, der oft herübergeritten kam. Tiefere Bildung besaß er nicht, aber das einsame, durch keine Abwechselung unterbrochene Leben an den grauen Wassern des Haffs hatte ihn nachdenklich gemacht, so daß es uns nie an Gesprächsstoff fehlte. Unser Verkehr dauerte nicht lange. Onkel Walter nahm mich eines Tages beiseite und erklärte mir, daß der Brandenstein keine »Partie« für mich wäre.
»Ich denke ja auch gar nicht daran, ihn zu heiraten,« rief ich.