»So benimm dich nicht so dumm! Die ganze Gegend spricht schon davon, und er selbst muß sich Hoffnungen machen, wenn du dich stundenlang mit ihm allein abgibst,« entgegnete er. Ich war außer mir: ein junges Mädchen benimmt sich also unpassend, wenn es länger als fünf Minuten mit einem und demselben Herrn redet. — »Die lieben Nächsten drücken nur dann ein Auge zu, wenn sie dabei eine Verlobung wittern,« heißt es in einem Brief an Mathilde. »Fühlst du, wie ekelhaft das ist? Welch eine faustdicke Beleidigung unseres ganzen Geschlechts darin liegt? Die Hündin wertet man nicht anders als uns. Pfui Teufel!«

Ich zog mich nach jenem Erlebnis immer mehr zurück und unterdrückte meinen Menschenhunger, bis Onkel Walter seinem Unwillen über meine »Haberei« energischen Ausdruck gab. Ich kam grade dazu, als er mit Mama über mich sprach.

»Sie wird sich die besten Aussichten verscherzen und eine verdrehte alte Schraube werden,« sagte er. »Oder willst du am Ende nicht heiraten?« Damit wandte er sich an mich.

»Gewiß will ich — sehr gern sogar, wenn der Mann danach ist!« lachte ich.

Mama sah von ihrer Handarbeit auf: »Du weißt, daß ich dich nicht zwingen werde. Ein Mädchen, das wie du, eine gesicherte Zukunft hat, ist viel glücklicher, wenn sie nicht heiratet.«

»Mit eurer Zuversicht auf Alixens Zukunft!« warf Onkel Walter ärgerlich dazwischen. »Die berühmte Tante Klotilde kann noch zehn Mal heiraten, oder hundert Jahre alt werden, oder ihr Geld den Hottentotten vermachen. Wir müssen sie unter die Haube bringen, solange sie hübsch ist, — das allein ist eine Gewähr für die Zukunft. Sie darf sich freilich nicht mit Flausen den Kopf verdrehen und verzauberte Prinzessin spielen, sonst nimmt ein vernünftiger Kerl von vorn herein Reißaus.«

Hochmütig warf ich den Kopf zurück und sagte spöttisch: »Beruhige dich, lieber Onkel, ich kriege noch zehn für einen. Ich werde dir den Kummer nicht antun, eine alte Jungfer zur Nichte zu haben.«

Und nun nahm ich wieder an der Geselligkeit teil, — nicht allein, weil ich ihm beweisen wollte, daß ich recht hatte, sondern auch, weil die Tante mich ärgerte, die — wie ich herausfühlte — aus reinem Egoismus das Einsamkeitsbedürfnis ihrer Rivalin zu fördern suchte. »Laß sie doch, wenn es ihr kein Vergnügen macht, — wir werden auch ohne sie fertig!« hatte sie erst kürzlich ihrem Mann zugerufen, als er noch vom Wagen aus mich zur Teilnahme an einem Ausflug nötigen wollte. Außerdem — wer weiß?! — konnte der Gralsritter, von dem ich doch immer wieder heimlich träumte, nicht auch hier, am grauen Gestade der Ostsee landen?!

Picknicks und ländliche Feste, wo schrecklich viel gegessen, noch mehr getrunken und wenig geredet wurde, Jagd- und Manöverdiners und häuslicher Trubel fingen an, mir sogar wieder Spaß zu machen. Wenn ein paar lustige Leutnants, um vom Manöver aus Pirgallen zu erreichen, meinetwegen ein paar Nächte um die Ohren schlugen; wenn abends am Strande von Kranz, dem nahen Seebad, wohin wir häufig fuhren, prasselndes Feuerwerk mir zu Ehren in die Luft stieg; wenn Blicke mir folgten, die mehr sagten als schmeichelnde Worte, — dann schlürfte ich mit wonnigem Wohlgefühl den berauschenden Trank der Bewunderung, und die kleinen Teufel der Eitelkeit triumphierten über die guten Geister im Bücherschrank von Pirgallen. Aber »er« blieb unsichtbar, und so war meine Gesellschaftspassion immer nur ein Wechselfieber. »Die Gesellschaft ists gar nicht, die mich amüsiert, sondern die Rolle, die ich in ihr spiele,« schrieb ich an Mathilde, »denn an sich ist sie tödlich langweilig und leer — leer — leer wie ein ausgeblasenes Ei. Damit es was taugt, muß ich es erst mit meinen Farben bemalen.«

Ein paar Wochen vor unserer Abreise kam ein Freund meines Onkels, Herr von Ollech, Rittmeister bei den Gardedragonern, nach Pirgallen. Schon auf den Königsberger Rennen hatte ich ihn kennen gelernt, und als wir abends zum Souper in großer Gesellschaft, die aus lauter Dohnas, Eulenburgs und Lehndorfs bestand, zusammen saßen, war er der Rettungsring gewesen, an den ich mich gehalten hatte, um nicht in dem unvermeidlichen Meer kindlicher Spiele unterzugehen. Er war eben in Bayreuth gewesen und hatte den Parsifal gehört. Das allein hätte genügt, um ihn mir interessant zu machen; sein ernstes musikalisches Verständnis war eine weitere starke Anziehungskraft. Ich freute mich, daß er mit uns heimwärts fuhr.