Abend für Abend saß er dann im Halbdunkel des großen leeren Saals und entlockte dem alten Klavier klagende und jauchzende, zärtliche und sehnsüchtige Töne. Die kleinen Amoretten über den Türen, auf deren runde Körperchen das Licht weniger Kerzen einen rosigen Schein warf, schienen zu atmen, und die Blätter der Linden draußen bebten im Takt. Ich saß vor der offnen Türe, den mondhellen Garten vor mir, und das Zaubernetz wogender Rhythmen umspann mir dichter — immer dichter Herz und Sinne. Dankbar hingerissen erwiderte ich den Druck der Hand des Spielers, wenn er schließlich zu mir heraustrat und mir Gute Nacht bot. Sah ich ihn morgens wieder, den überschlanken, großen Mann, mit den wässerigen Augen, der roten Nase und den ergrauenden Haaren, hörte ich seine rauhe Stimme, sein Lachen, das wie tonlos war, so war er mir ein Fremder, — eine Seele voll Wohlklang, die sich auf der Suche nach Menschwerdung in den Körper eines Dekadenten verirrt hatte.
Angstvoll empfand ich, daß er mich liebte, und sah zugleich an der Selbstverständlichkeit, mit der man mich mit ihm allein ließ, was alle erwarteten. Ich fürchtete die Aussprache — aber nicht weniger die Trennung. Ich kürzte den Augenblick des Gutenachtsagens mehr und mehr ab; ich wußte, daß ich in seiner Macht war, wenn der Zauber seiner Musik mich gefangen genommen hatte.
Sein Urlaub ging zu Ende; ich fesselte mein Schwesterchen so sehr als möglich an mich, um ein Alleinsein zu verhindern. Aber eines schönen Morgens lief sie mir davon, als wir grade im Begriffe waren, in den Kahn zu steigen. Stumm ruderte er mich auf dem schmalen Kanal, der sich, von Bäumen und Büschen dicht umstanden, durch den Park zog. Schon tanzten gelbe Blätter auf seinen dunkelgrünen Spiegel nieder, während die Glut des Spätsommertages wie eingeschlossen unter dem Laubdach lag. Ich starrte ins Wasser und spielte mit der Hand darin. Ein »Fräulein von Kleve«, mit rauherer Stimme als sonst hervorgestoßen, ließ mich zusammenfahren. »Wollen Sie meine Frau werden?« — — Ich antwortete nicht. »Ich bin nicht jung, nicht schön,« fuhr er nach einer Pause leise fort. »Ich habe Ihnen nichts zu bieten, als —« er zögerte, und eine flüchtige Röte stieg ihm heiß in die Stirn — »meinen Namen, mein Vermögen und — meine Liebe.« Wieder eine lange Pause — ich brachte keinen Ton über die Lippen. Mein Gegenüber seufzte tief auf. »Ich will keine rasche Antwort, wenn Ihr Herz Sie nicht dazu zwingt. Nur eins sagen Sie mir, bitte: lieben Sie einen andern?«
»Nein!« entgegnete ich, ihm grade in die Augen sehend. Seine Züge leuchteten so hell auf, daß ich erschrak. Er griff nach meiner Hand. »Dann will ich warten, und — hoffen. Es ist ja so wie so vermessen, daß ein alter Knabe wie ich so viel Jugend und Schönheit begehrt. Ich reise morgen früh — in vier Wochen kommen Sie durch Berlin. Ihre verehrte Frau Mutter soll mich Ihre Ankunft wissen lassen, wenn — wenn Sie für mich entschieden haben; — ists recht so?«
»Ja,« war alles, was ich hervorbringen konnte. Wir landeten. Als er mir beim Aussteigen die Hand reichte, traf mich ein Blick, — ein Blick so voll Liebe, so voll Leid, daß ich ihm aus lauter Mitgefühl fast in die Arme gesunken wäre. Abends saß er zum letztenmal am Klavier und ließ seinen Phantasien freien Lauf; ich konnte der aufsteigenden Tränen nicht Herr werden, lief fort und verschloß mich in mein Zimmer, um es erst zu verlassen, als ich am nächsten Tag den Wagen über den Burghof rollen hörte.
Es verletzte mich, daß jedermann um unsere Beziehungen zu wissen schien. Ich wurde rücksichtsvoll behandelt, wie eine Kranke, während widerstreitende Empfindungen mir alle Ruhe raubten. Mußte ich wirklich mit meinen achtzehn Jahren über solch eine Lebensfrage nachdenken wie über ein Rechenexempel? Wenn mein Verstand zehnmal ja gesagt hatte, so warf das Nein meiner Sinne all seine Weisheit über den Haufen. Meiner Sinne — nicht meines Herzens. Allzu häufig floß es von Mitleid über, das der Liebe so ähnlich sieht; wenn ich mir dann aber vorstellte: der Mann soll dich küssen, soll von dir Besitz ergreifen — körperlich! —, dann haßte ich ihn beinahe.
Wir waren noch in Pirgallen, als ein Telegramm meines Vaters eintraf. »Brigade in Schwerin« — nichts weiter stand darin. Die Freude war allgemein und bei mir am größten; meine Abneigung, nach Brandenburg zurückzukehren, beeinflußte im Stillen meine Entscheidung Ollech gegenüber. Die neue Garnison, der kleine Hof, die fremde, Neugier und Hoffnung in gleicher Weise wachrufende Umgebung gaukelten mir lauter lichte Zukunstsbilder vor. Als wir auf dem Wege nach Berlin im Zuge saßen und meine Mutter die Schicksalsfrage stellte: »Soll ich Ollech benachrichtigen?« bedurfte es keiner Überlegung mehr. Ordentlich komisch kam mirs vor, daß ich jemals zwischen »Ja« und »Nein« hatte schwanken können.
Während der Übersiedelung der Möbel blieben wir in Berlin. Meine Mutter kannte keine größere Freude, als ohne Haushaltungs- und Gesellschaftszwang in der Hauptstadt zu sein. Während sie unermüdlich von einem Museum, einem Theater zum anderen ging, jede Ausstellung durchwanderte, die Läden von innen und außen betrachtete, verschwanden die scharfen Linien um ihren Mund und machten dem Ausdruck kindlichen Genießens Platz. Sie vergaß dabei sogar ihre Erziehungsgrundsätze und nahm mich in Possen und Operetten mit, die sich im Grunde gar nicht »schickten«.
Im Oktober kamen wir nach Schwerin. Der erste Eindruck war ein deprimierender: ein Bahnhof wie in einem abgelegenen Provinznest, dicht daneben eine riesige Holzbaracke — das Interims-Theater —, enge, holprige Straßen, kleine Häuser mit niedrigen Fenstern, Menschen, deren Aussehen einen um Jahre zurückversetzte. Aber schon unser neues Heim veränderte das Bild: eine kleine Villa, dicht am Park, die in fröhlichem Weiß zwischen Bäumen und Büschen einladend hervorlugte. Und ich hatte zwei Zimmer darin: das Schlafstübchen, weiß und blau wie einst, der kleine Salon in mattem Grün, — eine Überraschung meines Vaters. Glückselig war ich: zur Arbeit und zum Träumen ein stiller, abgeschloßner Winkel für mich! Nicht rasch genug konnte ich meine Bücher in die zierlichen Etageren räumen, meinen Schreibtisch mit Bildern schmücken. Viele verborgene Schätze kamen ans Licht, die teils aus Mangel an Platz, teils aus Angst vor Mama in Koffern und Kisten verborgen gewesen waren. Da waren Makarts Fünf Sinne in großen Photographien, Böcklins Insel der Seligen. Ich hatte mich berauscht an der glänzenden Schönheit Makartscher Frauengestalten, ich hatte die Wirklichkeit vergessen gehabt vor dem dunkelblauen Wasser und der leuchtenden Ferne auf Böcklins vielgeschmähtem Bild. Mitten auf meinem Schreibtisch prangten sie nun. Eine bunte Gesellschaft, von denen jeder einzelne vom anderen weiter entfernt war als Böcklin von Makart, versammelte sich auf meinem Bücherregal: Goethe und Julius Wolff, dessen sentimentale Sinnlichkeit mich vorübergehend fesselte, Gottfried Keller und Felix Dahn, dessen germanische Götter- und Helden geschichten meiner alten Neigung begegneten, Scherers Geschichte der Deutschen Literatur, die eben erschienen war, und die ich eifrig studierte, Webers Welt- und Lübkes Kunstgeschichte und daneben in wirrem Durcheinander griechische Klassiker, russische Novellisten, altdeutsche Heldenlieder in braunen Reclambänden, moderne Lyriker in goldüberladenem Prachtgewand.
Noch spät am Abend kramte ich in meinem Zimmer, überzeugt, daß niemand mich stören würde, da sich die Schlafstuben der Eltern ein Stockwerk höher befanden, als meine Mutter eintrat. »Noch nicht zu Bett?!« rief sie und musterte ärgerlich meine Umgebung. Dabei fiel ihr Blick auf Bilder und Bücher. »Du bildest dir doch nicht ein, daß ich dergleichen dulden werde: diese schamlosen nackten Frauenzimmer und dies Bild eines Verrückten?«