»Wenn das die Frau Baronin wüßte!« sagte die Kathrin seufzend, als er weg war.
Es regnete in Strömen, als ich am folgenden Tage erwachte »Nun kommt er sicher nicht,« war mein erster Gedanke, und mißmutig zog ich die Decke wieder über die Schultern. Aber eine leise Hoffnung tauchte gleich darnach auf und zwang mich, statt des alltäglichen Lodenrocks ein hübsches, helles Hauskleid aus dem Schrank zu holen. Kaum saß ich am summenden Teekessel, als ich draußen sein fröhliches »Grüß Gott, Fräulein Kathrin« hörte. »Naß bin ich wie 'ne Katze, aber pudelwohl, — Sie sehen, die Viecher vertragen sich auch im Menschen,« fügte er hinzu, und selbst die wohl erzogene Dienerin erlaubte sich, zu lachen. Sie ließ uns sogar allein — es war ja das letztemal, mochte sie sich zur eigenen Beruhigung sagen.
Wie war es behaglich im Zimmer, während draußen der Regen an den Fenstern niedertroff! Wir frühstückten und plauderten miteinander, ganz wie alte Vertraute, und setzten uns schließlich vor den kleinen Kamin, der eine wohlige Wärme ausstrahlte. »Wie wärs mit einer Zigarette? frug er und hielt mir die gefüllte Dose hin.
»In diesen heiligen Hallen?« antwortete ich, halb erschrocken.
»Bis die Gestrenge kommt, ist der Duft verflogen. — — Ich muß dir was erzählen, Alix, und das geht nicht ohne den Glimmstengel. Der macht Mut, weißt du!« Wir rauchten eine Zeitlang schweigend.
»Du mußt mich nicht so ansehen,« fing er schließlich wieder an, »sonst kommts mir gar zu komisch vor, daß ich dir Geständnisse mache, wie einem Kameraden.« Ich rückte lächelnd den Stuhl zur Seite und sah geradaus ins Feuer. »Ists recht so?«
»Fein! — Wenn du nur nicht ein so verdammt hübsches Profil hättest! —« Er schwieg aufs neue. Nach ein paar Minuten aber begann er: »Ich habe — Dummheiten gemacht in Berlin. Es hat der armen Mama, die so nicht auf Rosen gebettet ist, einen tüchtigen Happen Geld gekostet, die Sache in Ordnung zu bringen —.« Ein bißchen erschrocken wandte ich den Kopf nach ihm — »es war nichts Gemeines, Alix — Kind, gewiß nicht. Du kannst ja nicht wissen, wies unsereinem geht. Wir sind nicht von Stein — die jungen Mädels der Gesellschaft sind steif und langweilig wie Holzpuppen, — und wenn sies nicht sind, ists ihr Unglück.« Ich fuhr zusammen. — »Kannst am Ende selbst ein Lied davon singen, was?! — Kurz und gut, siehst du, ich verliebte mich eines Tages in eine Ballettratte — einen süßen, kleinen Käfer, sag ich dir —«, zu dumm, daß ich mich in diesem Augenblick bis zu Tränen ärgerte — »aber gräßlich ungebildet. Ich habe sie eigentlich nur zwei Tage gern gehabt, nachher wars Gewohnheit, Mitleid, — was weiß ich« — er war aufgestanden und ging unruhig im Zimmer hin und her, die Zigarette zwischen den Fingern zerdrückend. »Ich konnte schließlich nicht länger — ich mußte frei sein! Ihr Vater lief spornstreichs zu Mama und heulte ihr was von zerstörtem Leben, geraubter Ehre usw. vor. Mir gegenüber hatte er bis dahin den untertänig-dankbarsten Diener gemimt. Das übrige kannst du dir am Ende vorstellen!«
Ich zitterte vor Erregung. Mich hatte ein Gedanke gepackt, der mich nicht minder los ließ. »Hat sie — ein — Kind?« stieß ich mit aller Anstrengung hervor. Verblüfft blieb er vor mir stehen. »Du bist wirklich aus der Art geschlagen, Alix,« damit streckte er mir die Hand entgegen. »Meine Hand drauf: nein! Wäre das Unglück geschehen, ich hätte anders gesprochen! — Aber wir sind noch nicht zu Ende. Man hat mich auf Urlaub geschickt — nach Italien, wie du siehst! —, und wenn die Galgenfrist zu Ende ist, soll ich — heiraten!« Mit komischem Entsetzen rang er die Hände.
»Wen?« frug ich, während mir das Herz hörbar schlug.
»Wen?! Ein kleines Prinzeßchen natürlich, semmel blond — du weißt, wie ich so was liebe! —, bleichsüchtig, eine Figur wie ein wohlgehobeltes Brett.« Ich spürte mit heimlicher Freude den raschen Blick, der zu mir herüberzog. »Die Ebenbürtigen mit dem nötigen Mammon laufen nicht zu Dutzenden in der Welt herum. Und eine Ebenbürtige muß es sein, Mama träumt doch ständig, daß ihrem Einzigen Vetter Georgs Krone eines schönen Tages auf den Dickkopf fällt! Eine Reiche natürlich auch, — du weißt ja, in wie schmerzlichen Widerspruch unser Portemonnaie zu dem Glanz unseres Namens steht!«