Ich hatte einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Zugleich kam mirs feige und erbärmlich vor, ihn so gehen zu lassen.
»Ich bin viel draußen,« sagte ich zögernd und verlegen, »wenn du mich brauchst, wie du sagst, dann — dann könnten wir uns irgendwo treffen.«
»Hab Dank, herzlichen Dank, Alix. Aber das macht die Sache nicht besser. — Uns ein heimliches Rendezvous geben, wie — wie ... nein, das kann ich dir nicht antun. Machen wirs kurz: Lebwohl.« Er zog meine Hand an die Lippen und wandte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, rasch zur Türe.
In mir kochte es. Ah, wer diesen Götzen der Konvention zerschmettern könnte, auf dessen Altar unsere besten Gefühle und schönsten Stunden verbluteten, dem zu Ehren wir unsere freien Glieder in Fesseln schlugen. Gegen Abend, als ich aus der Gartentür trat, sprang mir ein kleiner Bub in den Weg und hielt mir einen Strauß Schneeglöckchen entgegen. Schon zog ich die Börse, um sie zu kaufen, da drückte der Überbringer ihn mir schelmisch lachend in die Hand und rannte davon. Jetzt entdeckte ich erst den Brief, der um die Stiele gewickelt war.
»Im Begriff, abzureisen,« schrieb Hellmut »sende ich meiner lieben Freundin diese Blümchen, die einzigen, die ich auftreiben konnte. Ich fahre direkt nach Berlin. So leid es mir Mamas wegen tut, — mein Entschluß steht fest: ich will frei bleiben. Auch wenn ich den Adler auf dem Helm opfern muß. Ich werde mich zu den Ludwigsluster Dragonern versetzen lassen und scheide von Dir mit der Hoffnung auf ein frohes Wiedersehen in Schwerin und auf eine freundliche Fortsetzung unserer unterbrochenen Gespräche.
Dein alter Freund
Hellmut.«
Meine Freude war so groß, daß ich sie allein gar nicht tragen konnte. Die alte Kathrin mußte, so sehr sie sich auch zierte, beim Abendessen neben mir sitzen und den Wein mit mir trinken, den ich mir selbst aus dem Keller geholt hatte. Schließlich rief ich den Pudel herein und trieb ihn im Zimmer so lange im Kreise umher, bis vergessene Jugenderinnerungen in ihm aufdämmerten und er, fröhlich mit dem Schwanze wedelnd, in ein heiseres Bellen ausbrach.
Mitte Juni war ich wieder in Schwerin. In vier Wochen stand der Einzug des Großherzogs bevor, dem eine Reihe von Festlichkeiten aller Art folgen sollte. Unmöglich konnte ich meiner Mutter alle Toilettensorgen allein überlassen, und meine Tante, die kurz nach Hellmuts Abreise in Grainau eingetroffen war, schenkte mir aus lauter Rührung über meine Pflichttreue ein rosaseidenes Kleid, von weißem, goldgesticktem Tüll überrieselt. Nun saß ich zu Mamas hellem Erstaunen selbst in der Schneiderstube. »Das sind ja ganz neue Talente, die du entwickelst,« sagte sie, während ich unermüdlich anprobierte, steckte und heftete, nur die mechanische Vollendung der Arbeit der Näherin überlassend. Niemand sollt' es merken, daß unsere Kleider nicht bei Gerson gearbeitet worden waren. Es war mir beinahe störend, daß ein paar unentwegte Verehrer vom vorigen Winter zu meinem Geburtstag eine Landpartie arrangiert hatten, die mich einen ganzen Tag Arbeitsunterbrechung kosten würde. Schließlich aber amüsierte ich mich dabei köstlich und ließ mir vergnügter denn je den Hof machen. Wir lagerten gerade unter den Buchen und ließen die Sektpfropfen knallen, als mein Vater erschien, der am Vormittag nicht hatte abkommen können, und eine himmelblaue Uniform neben ihm auftauchte.
»Ich bringe Se. Durchlaucht den Prinzen Hellmut gleich mit, der uns heute seinen Besuch hat machen wollen,« sagte Papa. Alle waren aufgesprungen und verstummt. Jeder Prinz, selbst der kleinste, ruft in jedem, selbst dem vornehmsten Kreis, eine Verlegenheitspause hervor. Hellmut verbeugte sich und trat dann rasch zu mir, die ich mich allein von meinem Rasenplatz nicht gerührt hatte. »Diesen Tag habe ich mir zu meiner Antrittsvisite ausgesucht, um Ihnen als alter Freund meine ergebensten Glückwünsche zu Füßen zu legen.« Bei der förmlichen Anrede sah ich erstaunt zu ihm auf.
»Ich danke Ihnen, Durchlaucht, daß Sie sich meiner erinnern,« antwortete ich mit kaum verhülltem Spott.