Da verstummte die ferne Musik, ein heftiger Schreck machte dich zittern. »Wir müssen hinauf« — sagtest du heiser und fuhrst dann hastig fort, während wir die Treppe zur Terrasse emporstiegen: »Wir müssen uns trennen — mein Dienst ist morgen zu Ende —«
»Und in der nächsten Woche reisen wir,« flüsterte ich mühsam, — es würgte mir am Halse.
»Im Herbst erst sehen wir uns wieder —«
»Das ertrag ich nicht — —«
»Ich sterbe vor Sehnsucht —« Und noch einmal zogst du mich an dich, und aufschluchzend barg ich meinen Kopf an deiner Brust.
»Weine nicht, Liebling, weine nicht, — für ein ganzes Leben voll Liebe, das uns bevorsteht, ist das Opfer dieser nächsten Wochen am Ende nicht zu groß,« versuchtest du uns Beide zu trösten, dabei fielen heiße Tropfen aus deinen Augen mir auf die Stirn. —
Wir fuhren nach Karlsbad, — Mama, Klein-Ilschen und ich. Wir trafen mit einem großen Kreise alter und neuer Freunde zusammen. »Wir« sage ich, — aber im Grunde war ich gar nicht da, nur mein wandelndes Schattenbild. Automatisch geschah alles, was ich tat: mein Reden und noch mehr mein Lachen. Ich selbst saß still im dunkeln Chorgestühl eines hochragenden Doms, die Hände im Schoß gefaltet, die Augen emporgerichtet zu den in mystischen Farben glühenden Fenstern, unbeweglich horchend auf den Gesang süßer Engelsstimmen, die Stirn umweht von Wolken duftenden Weihrauchs ...
Wenn ich neben dem Rollstuhl Stauffenbergs ging, sprach ich wohl mit ihm von alledem, was mein Interesse sonst erregt hatte; aber eine ganz andere, eine fremde Alix war es. Ich selbst, ich lachte über sie und ihren komischen Eifer. Was ging mich die hohe Politik, was gingen mich Darwin, Wagner und Nietzsche an? Neben dem Reichtum lebendigen Lebens, das mir begegnet war, verblaßte alles zu blutleeren Schemen.
Am Abend unserer Rückkehr im Herbst saß ich im Dunkel der Intendantenloge im Theater. »Hoffmanns Erzählungen«, — jenes geniale Werk Offenbachs, das er geschaffen haben muß, besessen vom Geiste des Zauberers, dem es galt, — gelangte zum erstenmal, und ungekürzt, zur Aufführung. Meine Augen durchforschten noch die Logen und Ränge — ich war ja nur gekommen, weil ich überzeugt war, ihn zu finden —, als die ersten Akkorde der Ouverture mich schon gefangen nahmen. Und dann die Oper selbst! Wie es ihr zukommt, war jede possenhafte Nuance vermieden worden; Spalanzani und Coppelius, der geheimnisvolle Brillenverkäufer im ersten Akt, wirkten gespensterhaft, und Olympia, die Puppe, war nicht nur ein Automat, der schließlich zur Erhöhung der Lachlust eines einfältigen Publikums zerbrochen auf die Bühne geschleift wird, — ein Stück Leben schien vielmehr in sie hineingezaubert, das mit einem wehen Laut erstarb. Selbst die Menuetttänzer und Tänzerinnen bewegten sich wie nichts vollkommen Irdisches.
Schon verdunkelte sich der Zuschauerraum am Ende der Pause, als der Bogenvorhang sich teilte, — ein breiter Lichtstreifen fiel herein. Der erste Ton der Barkarole klang gedämpft aus dem Orchester — ein Stuhl wurde zur Seite gerückt — »Alix!« hörte ich Hell muts Stimme hinter mir, und sein Mund brannte auf meinem Nacken.