Ich war den größten Teil des Tages mir selbst überlassen. Mademoiselle war froh, wenn sie den Mund nicht aufzutun brauchte und mit ihrer unendlichen Häkelei friedfertig auf dem Sofa sitzen konnte. Papa war den ganzen Vormittag auf dem Bureau des Generalkommandos tätig, nachmittags ritt er mit Mama spazieren und arbeitete dann allein bis zum Abend. Mama hatte immer schrecklich viele Besuche zu machen und zu empfangen; und was beiden an freier Zeit etwa noch übrig blieb, das verschlang die große, zu jeder Jahreszeit äußerst lebendige Geselligkeit. Nur vormittags zwischen ein und zwei Uhr pflegte meine Mutter mich bei schönem Wetter zum Spaziergang mitzunehmen. Mit dem Reifen, meinem unzertrennlichen Gefährten, lief ich voraus durch eine jener menschenleeren, langen, graden Straßen, die in Fächerform sämtlich am Schloßplatz münden, und trieb mein Spiel durch die stillen Laubengänge des Parks, bis es Zeit war, Papa vom Bureau abzuholen. Pünktlich, wenn wir vor dem Hause standen, schloß der Kommandierende, General von Werder, der Sieger von Wörth, die Vormittagsarbeit und kam mit Papa hinaus, um uns heim zu begleiten, denn er mochte alle schönen Frauen gern, meine Mutter insbesondere. Ich sehe ihn noch, den kleinen Mann, mit den Händen auf dem Rücken und den blitzenden Augen in dem scharf geschnittenen Gesicht, wie er neben uns herging, immer zu einem derben Scherz bereit und stets einen Leckerbissen für mich in der Tasche.
Mein Reifen ruhte auf dem Heimweg, denn dann hatte der Vater mich an der Hand, und des Fragens und Erzählens war kein Ende. Wenn er für meine Phantasien auch nur wenig Verständnis hatte und ich mich hütete, sie ihm anzuvertrauen, so wußte er doch wie kein anderer meine Wißbegierde zu stillen. Er hatte eine Art, mir die Dinge klarzumachen und selbst schwierige Probleme meinem kindlichen Verständnis nahezubringen, mir Naturerscheinungen, chemische oder physikalische Vorgänge zu erklären und mich das Leben der Pflanzen und Tiere beobachten zu lehren, die die kurzen Stunden des Zusammenseins mit ihm wertvoller für mich machten, als wenn ich den ganzen Vormittag in der Schule gesessen hätte. Kamen wir nach Haus, so gingen wir zusammen in den Stall, und ich brachte den Pferden meinen Frühstückszucker, den ich mir täglich vom Munde absparte, seitdem Mama mich wegen meiner Zuckerverschwendung gescholten hatte. August, unser Kutscher und Faktotum, der mir trotz seiner verdächtig roten Nase viel lieber war als alle Mademoiselles zusammen genommen, mußte den kleinen Braunen herausführen, und ich durfte auf Mamas Sattel im Hof umherreiten, während Puckchen steifbeinig nebenher trabte, die Augen ernsthaft auf mich gerichtet, als müßte er Sitz und Haltung ebenso beobachten und kritisieren wie Papa. Der war kein bequemer Lehrmeister, und ich fürchtete diese halbe Stunde vor Tisch mehr, als daß ich mich daran freute. Ja, reiten, — das mußte herrlich sein! Frei, mit verhängtem Zügel über Felder und Wiesen, — vor Wonne klopfte mein Herz, wenn ich daran dachte! Aber im engen Hof, immer im Schritt, bestenfalls im kurzen Trab in der Runde, jeden Moment gewärtig, vom Vater heftig angefahren zu werden, wenn ich krumm saß, die Zügel verkehrt hielt, die Ecken nicht ausritt oder die Peitsche verlor, — gräßlich wars! Laute, harte Worte zu hören, verwundete mich aufs tiefste, und die Liebesbeweise, mit denen mein Vater mich nach jedem Ausbruch seiner Heftigkeit in doppeltem Maße überschüttete, vermochten den Eindruck nicht auszulöschen. Ich bemühte mich, sie nicht hervorzurufen — man nannte das lobend »artig sein« —, aber mein Herz krampfte sich dabei zusammen, und ich zog mich mehr und mehr in das Gehäuse meines verborgenen Lebens zurück, was meine Mutter als ein erfreuliches Resultat ihrer Erziehungsmethode betrachten mochte, die nur ein Prinzip kannte: Selbstbeherrschung. »Ein gut erzogenes Mädchen zeigt seine Gefühle nicht,« pflegte sie zu sagen, und so vergrub ich mich in die Kissen meines Betts, wenn ich weinen mußte, und lief in den Garten hinaus, um mich hoch in die Lüfte zu schaukeln, wenn ich mich freute.
Eigentliche Freunde und Spielkameraden hatte ich nicht, wohl aber geselligen Verkehr, der mich Sonntags fast immer, schön geputzt, aus dem Hause führte. Im Schloß bei Großherzogs war ich ein häufiger Gast: Prinzessin Viktoria und Prinz Ludwig, zwei blühende Kinder damals, waren lustige Gefährten, und beim Baumplündern zu Weihnachten, beim Eiersuchen zu Ostern hallte das Schloß wieder von unserm Lachen und Lärmen, an dem das freundliche Elternpaar stets die meiste Freude hatte. Nur das Kochen in Vickis großer Küche, die das Ideal aller andern kleinen Mädchen war, langweilte mich entsetzlich, — die Fee, die dem Wickelkind die Hausfrauentugenden in die Wiege legt, war offenbar zu meinem Tauffest nicht geladen worden! Da wars bei Max und Marie doch schöner, den Kindern des Prinzen Wilhelm, deren kaiserlicher Großvater ihnen aus Rußland das kostbarste Spielzeug zu schicken pflegte: Eisenbahnen mit richtigen Schienen, Puppen, die laufen und reden konnten, — lauter Dinge, die zu jener Zeit für gewöhnliche Sterbliche unerreichbar waren. Am allerbesten aber gefiel es mir in einem Hause, dessen Herrin, eine Tochter Bettinens auch dem Geiste nach, es verstand, Märchen zu Wirklichkeiten zu machen. Mit ihren beiden reizenden Töchtern, die um ein paar Jahre älter waren als ich, fertigte sie aus buntem Seidenpapier die köstlichsten Gewänder an, mit denen geschmückt wir lebende Bilder stellten, Scharaden aufführten und uns als Helden Grimmscher Märchen in unsre Rollen so einlebten, daß die Rückkehr in die prosaische Erdenwelt uns hart ankam. Unsre Feste wurden bald die große Attraktion der Gesellschaft; oft genug sah auch der Großherzog uns zu, und ich erinnere mich noch recht gut, wie ich einmal als kleiner Amor im rosa Hemdchen, mit goldenen Sandalen und blitzenden Flügeln aus einem Strauß lebendiger Blumen meinen Pfeil auf ihn zu richten hatte und auf seinen lachenden Zuruf: »Nun, schieß los!« das strenge Schweigegebot vergebend, antwortete: »Aber das tut weh!« Bald lernte ich besser, bei solchen Gelegenheiten die Fassung zu bewahren, denn lebende Bilder und Kostümfeste waren auch bei den »Großen« an der Tagesordnung, und fast überall wirkte ich mit. In Scheffels Dichtung vom Rockertweibchen, die unter seiner persönlichen Leitung dargestellt wurde, war ich ein kleines Schwarzwaldmädchen, das sich der besonderen Gunst des Dichters erfreute. Er hatte immer eine Düte für mich in der Tasche, und das erste Glas Sekt, das mir warm und wohlig bis in die Fußspitzen niederrieselte, verdanke ich ihm. Auch ein Rokokodämchen war ich, mit hoch aufgetürmtem, gepudertem Haar, und ein Elfenkind, und das Veilchen auf der Wiese, — was Wunder, daß ich immer unlustiger morgens vor meinem alten, pedantischen Lehrer saß, der mich Buchstaben malen, Gesangbuchverse und Bibelsprüche hersagen ließ. Im Strudel rauschender Freude untertauchen oder lesen und träumen für mich ganz allein, — was dazwischen lag: das Alltagsleben mit seinen Pflichten und Leiden, war wie eine staubige Straße, die ich am liebsten zu gehen vermied. »Pflichten« besonders waren mir verhaßt; ich definierte sie schon als sechsjähriges Kind auf eine Frage hin als das, »was immer unangenehm ist«. Alles, was Mama z. B. tat, wenn sie ein recht unzufriedenes Gesicht dazu machte, erklärte sie für Pflichterfüllung: die schmutzige Wäsche selber zählen, obwohl drei Dienstboten daneben standen, die Zutaten zum Kochen herausgeben, obwohl wir eine vortreffliche französische Köchin hatten, nachmittags mit mir spazieren fahren, obwohl wir uns beide schrecklich dabei langweilten, — ja selbst die Dämmerstunden bei Papa, wo er zu Frau und Kind gern zärtlich war, schienen mir, nach ihrem Ausdruck zu schließen, in dieses Gebiet zu gehören. Ganz gewiß, ich würde nie meine Pflicht erfüllen, schwor ich mir heimlich und suchte meine Theorie nur zu oft in die Praxis umzusetzen, indem ich tat, was mir zu tun gefiel, und Befehlen, deren Ursache und Zweck ich nicht einsah, hartnäckigen Widerstand entgegensetzte. Der meiner freien Bewegung gezogene Umkreis konnte daher für meine Bedürfnisse nicht weit genug sein; darum war der Sommer so schön, wo ich den Garten fast für mich allein hatte, wo ich auf dem Lande bei Verwandten und Freunden der weitgehenden Ungebundenheit mich erfreute.
Eingebettet zwischen weiß- und rotblühenden Obst bäumen, überragt von grünen Hügeln, zu denen schmale, nußbaumbeschattete Wege emporführten, noch nicht erobert von dem Feinde aller verträumten Poesie, der fauchenden, qualmenden Maschine, lag Weinheim damals zu Füßen der Bergstraße. Dem Grafen Währing, dem Bruder meiner Urgroßmutter, hatte das Schloß gehört, das mit seinen Gärten und Weinbergen das Städtchen beherrschte. Jetzt hauste seine Witwe, eine achtzigjährige Greisin dort oben, der niemand ihr Alter ansah, und bei der wir oft wochenlang zu Gaste waren. Wie eine Marquise aus dem achtzehnten Jahrhundert war sie anzuschauen: klein, zierlich, sprudelnd von Geist und Leben, mit winzigen weißen, von Juwelen bedeckten Händen, allerhand seltenes Tierzeug — weiße Angorakatzen, schlanke Windspiele, lockige Zwergpinscher — um sich herum. Sie pflegte sich stets nur mit Jugend zu umgeben, — es sei genug, daß der Spiegel sie an ihr Alter erinnerte, meinte sie. Je toller es um sie her zuging, je mehr Liebesgeschichten sie sich entspinnen sah, desto fröhlicher war sie. Immer hatte sie Schränke voll Pariser Toiletten bereit, um ihre weiblichen Gäste — die schönsten am häufigsten — damit zu beschenken, und Juwelen, Ringe und Armbänder aller Art, mit denen sie sie schmückte. Wer harmlos irgend etwas, was nicht niet- und nagelfest war, bei ihr bewunderte, dem wurde es als Geschenk aufgenötigt. Und was für merkwürdige Dinge gab es in ihren Salons mit den Louis XV. Möbeln, den hohen Spiegeln und vielen, vielen Bildern und Bilderchen: da waren Sessel, Fußbänke, Bücher, aus denen in tollem Durcheinander Mozartsche und Offenbachsche Melodien ertönten, sobald sie benutzt wurden; Gemälde, die plötzlich in der Wand verschwanden, um einem Schränkchen voll süßem Naschwerk Platz zu machen; Tischchen, die in den Boden sanken, wenn man sie anstieß, um mit Wein und Kuchen besetzt wieder zu erscheinen, kurz — ein Paradies für ein wundergieriges Kinderherz! Und dann der Garten mit seiner Fülle von Beeren und Blumen, mit seinen dichten Laubengängen und lustigen Wasserspielen — und die Freiheit vor allem, die ungebundene!
Wenn ich bei Tisch erschien, musterte die alte Tante mich zuvor sorgfältig, rückte da eine Falte zurecht, steckte mir dort eine Schleife an, wickelte meine Locken über ihre feinen Fingerchen, zog das Kleid noch tiefer von meinen magern Schultern und holte die Puderquaste aus ihrer kleinen goldnen Taschenbüchse, um den Rest Vormittagsübermut von meinen Wangen zu entfernen. » Est-elle gentille, la petite?! « sagte sie dann, mich vor dem Spiegel drehend. Mit Seide und Spitzen, mit Kettchen und Armbändern, mit Worten und Ratschlägen, die für die Seele einer Siebenjährigen nichts andres waren als süßes Gift, warb sie um mich und modelte an mir. Was sie sagte, weiß ich heute nicht mehr, aber ich weiß, daß ich von ihr erfuhr, des Weibes Aufgabe sei, zu gefallen und zu herrschen, und all die Spiegel und Büchschen und Fläschchen des Toilettentischs, all die Geheimnisse des Boudoirs seien nichts als Etappen auf dem Wege zu ihrer Erfüllung. Das Bewußtsein, hübsch zu sein, machte mich stolz, und mit der Koketterie des kleinen Mädchens suchte ich zum erstenmal ein männliches Wesen mir gefügig zu machen. Die alte Tante hatte einen Heidenspaß daran, nur war leider der arme Rudi, ihr Enkel und mein Spielgefährte, ein gar zu ungeeignetes Objekt für meine Künste! Er stotterte und war infolgedessen scheu und ängstlich; und ich, die ich mit jener unbewußten Grausamkeit der Kinder, mein Licht vor ihm leuchten ließ, verschüchterte ihn nur noch mehr. Armer Rudi! Das Stottern hat man ihm später abgewöhnt, aber in seinem Gemüt ist doch irgend etwas Angstvoll-Zitterndes zurückgeblieben: auf der Höhe des Lebens hat er sich eine Kugel in die Schläfe gejagt, und keiner wußte, warum.
Meine Erziehung durch die alte Tante war gewissermaßen nur eine theoretische; am Anschauungsunterricht sollte es auch nicht fehlen. Wir verbrachten die Herbstwochen häufig bei französischen Verwandten auf ihrem Schlosse im Elsaß, einer sagenumwobenen alten Ritterburg. Gefallene Größen des napoleonischen Hofes — männliche und weibliche — gaben sich dort zur Jagd und Weinlese ein Rendezvous. Ein Stück Pariser Leben spielte sich vor meinen erstaunten Augen ab: da war der Herr des Hauses, ein schwer reicher Emporkömmling, dessen kurze, dicke Hände, mit denen er meine Wangen streichelte, mir in fatalster Erinnerung sind, — neben ihm seine vornehme zarte Frau, immer in Spitzen gehüllt, an denen ihre durchsichtigen Hände nervös hin und her zerrten. Eine ihrer Töchter war Onkel Maxens Frau, die Mutter meines alten Spielgefährten Werner, den ich zu meiner hellen Freude hier wiedersah. Sie war die schönere von den beiden Schwestern, dabei still und phlegmatisch, eine Haremsfrauennatur, während die andere von Geist und Leben sprudelte und der Mittelpunkt eines Kreises ausgelassener junger Leute war. Mich beachteten sie wenig, sie taten sich keinerlei Zwang an vor mir; » la petite « hatte ihrer Meinung nach ebensowenig Augen und Ohren wie die Zofen und Lakaien, ja sie galt zuweilen als der harmloseste Liebesbote. Aber ich war nur allzubald gar nicht mehr harmlos: mit zitternder Neugier beobachtete ich ihre Tändeleien, ihre Stelldicheins, ihr Flüstern, ihre Küsse, und Wellen heißen Lebens, die mir über den Rücken fluteten, ließen mich dabei erbeben.
Als wir das letztemal vom Elsaß nach Karlsruhe zurückkehrten — acht Jahre war ich damals —, kamen mir mein Garten und mein Spielzeug merkwürdig fremd vor. Ein Stück harmloser Kindheit war mir inzwischen verloren gegangen. Gierig stürzte ich mich über alle Bücher, deren ich habhaft werden konnte, und wenn jemand mich zu ertappen drohte, steckte ich sie rasch unter Puckchens Kissen, der fast immer auf dem alten braunen Sofa neben mir lag. Wenn ich mir jetzt des Abends im Bett Geschichten erzählte, so klopfte mein Herz nicht aus Angst vor den Geistern, die ich rief und nicht zu bannen vermochte, sondern in heißer Erregung über das abenteuerliche Schicksal, als dessen Heldin ich mich selber träumte. Liebe, wie ich sie um mich gesehen hatte, Liebe, deren Wonnen und Schmerzen im Mittelpunkt all der Lieder, all der Erzählungen standen, die ich las, wurde zum Inhalt meiner Phantasien, und je kühler ich die Luft empfand, die mich daheim umwehte, um so durstiger wurde mein kleines Herz. Hatte ich doch schon lange den Feuerbrand im Innern heimlich genährt und gehütet, weil ich niemanden besaß, vor dem ich ihn als Opferflamme hätte aufsteigen lassen können, — nun mußte ich mir selber den Gegenstand meiner Leidenschaft schaffen. Eines der erschütternsten Erlebnisse meiner Kindheit half mir dazu: das Theater. Wagners Lohengrin war das erste, was ich sah. Konnte es für mich etwas Herrlicheres geben als den Schwanenritter? Er erschien mir als die Verkörperung idealen Heldentums. Meinen Eindruck vermochte ich nicht in Worte zu fassen — undankbar und empfindungslos wurde ich deshalb gescholten —, aber meinem Herzen hatte er sich unauslöschlich eingeprägt. In demselben Winter sah ich die Jungfrau von Orleans, und nun stand es fest für mich: nicht eine Elsa, die dem Geliebten die Treue brach, wollte ich sein, sondern eine Johanna, die seiner würdige Heldin welterlösender Taten.
Bald aber genügte mir der Lohengrin als Gegenstand meiner Liebe nicht mehr, — er lebte nicht, und der seine Silberrüstung trug, hatte die Rolle nur gespielt, mich aber verlangte nach einem lebendigen Menschen. Wenn das Herz auf die Suche geht und die Phantasie die Führung übernimmt, dann wird gar rasch gefunden! — Bei meinen Eltern gingen viele Gäste aus und ein. Ein junger, schlanker Dragonerleutnant mit einem schmalen, blassen Gesicht war unter ihnen, der sich oft mit mir unterhielt, — nicht wie die andern nur mit mir scherzte und spielte. Und durch nichts konnte man mich leichter gewinnen, als indem man mich ernst nahm; — daß man es immer nur drollig und kindisch findet, erbittert jedes geistig reifere Kind. So flog denn mein sehnsüchtiges Herz ihm zu, und meine Phantasie umkleidete ihn mit aller Romantik des Lohengrinhelden meiner Träume. Er war nicht von Adel, also namenlos wie Elsas Ritter: gewiß würde er sich einmal als eines Königs verschollener Sohn entpuppen, und mir fiele die Aufgabe zu, ihm Reich und Krone zu erobern! Die schönsten Blumen aus meinem Garten legte ich heimlich auf seine Mütze im Flur, ehe er ging, und der ganze Tag war mir verklärt, wenn er morgens vorüberritt und mich grüßte.
Rohe Menschen mögen lachen über solche Kinderliebe und moralische sich darüber entrüsten. Mir ist, als wäre sie die reinste meines Lebens gewesen.
Im Frühling 1874 wurde mein Vater nach Berlin versetzt. Zum letztenmal versammelten sich des Hauses Freunde um unsern Teetisch. Noch weiß ich, wie mirs vor den Augen dunkelte, als ich meinem Helden die Hand zum Abschied reichte. Heiß lag sie in der seinen. Dann strich er mir noch einmal über den Kopf. »Wenn wir uns wiedersehn, bist du ein großes Mädchen,« sagte er, »wer weiß, wir tanzen vielleicht noch einmal miteinander!« Wortlos lief ich hinaus in mein Zimmer und biß verzweifelt in mein Kopfkissen, um mein Schluchzen zu ersticken.